Sonntagsinterview : "Am Ende war ich der Idiot"

Wird der Sieger dieser Tour de France wieder ein Betrüger sein? Ja, sagt Jörg Jaksche. Hier erklärt er die Faszination des Radsports – und wie Dopingmittel wirken.

Interview: Frank Bachner Norbert Thomma
Jörg Jaksche
Jörg JakscheFoto: dpa

Jörg Jaksche, 32, hat die Tour de France sechs Mal als Radprofi miterlebt. 2007 legte er ein umfassendes Doping-Geständnis ab; seitdem findet er keinen Job mehr. Der gebürtige Franke lebt bei Kitzbühel.

Die Kirchenglocken von San Michele im toskanischen Lucca schlagen Mittag. Jörg Jaksche kommt auf einem rosa Damenrad mit Einkaufskorb; er fährt lachend über Treppenstufen: „Sehen Sie, ich hab’ nichts verlernt.“ Lucca ist sein liebster Trainingsort.

Herr Jaksche, ein Radprofi sitzt pro Jahr etwa 35.000 Kilometer im Sattel. Auf wie viele kommen Sie in den ersten sechs Monaten 2009?

Ich messe das nicht mehr. Ich fahre schon jeden Tag zwei, drei Stunden, nur lange nicht mehr mit der Intensität wie früher, sondern aus rein gesundheitlichen Gründen. Also mal grob geschätzt: 10.000 Kilometer seit November.

Sie können vom Rad nicht lassen. 

Ich darf nicht. Im vergangenen Jahr lief im Sommer meine Sperre ab, und der Rennstall Milram hatte mir per Handschlag einen Job garantiert. Ich habe sechs Monate für mein Comeback trainiert, so hart wie nie, ich war so fit wie nie. Und dann hieß es plötzlich: Nee, das wird nichts! Das war ein harter Schlag für mich. Von der Minute an bin ich nicht mehr aufs Rad gestiegen. Da hat es mir nur so die Füße weggezogen, Herz, Kreislauf, alles spielte verrückt.

Was heißt das?

Der Blutdruck sinkt ab, sinkt ab, sinkt ab. Ich wurde immer müder und müder, obwohl ich gar nichts gemacht hatte. Es war eine Phase totaler Schwäche. Morgens war ich zwei Stunden regelrecht im Koma, ehe ich ansprechbar war. Ein Ausdauersportler wie ich hat ja einen über Jahre hochgezüchteten Organismus, mein Herz ist 50 Prozent größer als Ihres, es pumpt drei mal soviel Energie durch die Adern als bei einem Normalbürger, mein Ruhepuls liegt bei 38. So ein Körper will bewegt werden.

 

Hatten Sie Angst?

 

Das nicht. Aber fahren Sie mal mit einem Porsche im sechsten Gang eine Weile durch die Stadt und hören dann, wie der Motor klingt: Der klopft und pockert – so ähnlich war das halt in meinem Körper.

 

Vor zwei Jahren haben Sie ein umfassendes Geständnis abgelegt...

 

...das Bundeskriminalamt hat mich zwei mal zehn Stunden vernommen...

 

...und gesagt: Ja, ich habe gedopt. Nun sind Sie im besten Alter für einen Radprofi, Sie sind gesund, Sie könnten Ihren Beruf noch einige Jahre ausüben. Doch keiner gibt Ihnen Arbeit. Weil Sie ein Betrüger sind?

 

Nein, nein, mein Outing als Doper wäre kein Problem, damit könnte ich längst wieder fahren wie andere auch. Aber ich habe erklärt, wie Doping im Radsport als System funktioniert, dass Ärzte und Teammanager am Doping beteiligt waren, dass alle davon wussten. Selbstverständlich muss man unterscheiden: Der eine hat aktiv Dopingmittel besorgt und die Fahrer ermuntert, sie zu nehmen, der andere hat nur die Augen zugedrückt. Aber im Radsport ist niemand ganz frei von Schuld. Das habe ich gesagt, und damit habe ich grob gegen das Schweigegelübde meines Sports verstoßen, gegen die Omertà. Denn man will der Öffentlichkeit weiter Märchen vorgaukeln: Da, der böse Einzeltäter! Doch diesen bösen Einzeltäter gab es nie, Doping im Radsport ist ein gut organisiertes System.

 

Sponsoren drohen mit Strafen, Kontrollen werden erhöht, alle beschwören die neue Sauberkeit des Radsports. Trotzdem vergeht bis heute keine Woche, in der nicht neue Doping-Meldungen auftauchen.

 

Das sollte Sie nicht wundern. Es sind ja immer noch dieselben Menschen am Werk, dieselben Heuchler. Die sagen zwar: Oh, ich habe von Doping nichts mitbekommen all die Jahre. Aber das ist gelogen. Und dann holen sie einen Fahrer in ihr Team, gegen den polizeilich ermittelt wurde wegen Dopings, von dem es Videofilme gibt, die nur nicht als Beweismittel zugelassen wurden, weil sie vorab im Fernsehen gezeigt worden waren. Und dieser Fahrer wird nun als letzte Hoffnung des sauberen Radsports präsentiert! Das sind verzweifelte Versuche, das Business zu retten. Dabei wird lediglich die Allgemeinheit vergackeiert.

 

Haben Sie eine Idee, wie das Problem gelöst werden könnte?

 

Erstens mal nicht mit den Figuren, die Teil des maroden Systems sind. Bei Siemens hat man nach der Korruptionsaffäre auch neue, unbeteiligte Leute von außen geholt...

 

...im deutschen Radsport sollte das Rudolf Scharping sein, seit 2005 Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer.

 

Politiker sind für mich bei diesem Thema keine moralische Instanz. Solange Jan Ullrich ein Star war, hat sich Scharping gerne mit ihm fotografieren lassen – und später mit dem Finger auf ihn gezeigt. Diese ganzen Schreihälse, die gerufen haben: der Ullrich, der Ivan Basso, der Jaksche – auf den Scheiterhaufen mit ihnen, verbrennt sie! Die waren mir schon immer zuwider. Der selbst gedopte Bjarne Riis hat viermal am Tag gesagt, der Basso ist für mich wie ein Bruder, und plötzlich war er ganz enttäuscht, als Basso erwischt wurde. Gleicher Fall Rolf Aldag. Der hat gleich dutzendfach im ZDF Jan Ullrich zum DNA-Test aufgefordert, um dann einen Monat später mit dem jammernden, heulenden Erik Zabel eine Pressekonferenz abzuziehen, in der er sagt: Tschuldigung, ich hab’s auch gemacht.

 

Motto: Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.

 

Ja, ja.

 

Was also schlagen Sie vor?

 

Die Lösung des Problems hätte, zweitens, sein können, eine Art Wahrheitskommission zu gründen. Einen Nullstrich zu ziehen und offen und ehrlich über die Vergangenheit zu reden. Das Dopingsystem aufarbeiten. Mit der Androhung von Strafe kommt man da nicht weiter. Wie willst du die ganze Wahrheit aus jemandem herausbekommen, wenn er mit zwei Jahren Sperre bedroht ist und es für ihn angenehmer ist zu sagen: Ich schweige.

 

Und wie oft denken Sie: Hätte ich nur die Klappe gehalten!

 

Ich bereue mein Geständnis jeden Tag, und ich bin jeden Tag froh darüber. Das mag paradox klingen. Ich kann eben meinen geliebten Beruf nicht mehr ausüben, aber ich kann auch jeden Morgen in den Spiegel schauen, ohne mich zu übergeben vor Scham, wieder lügen zu müssen.

 

Sie hatten in den besten Zeiten Verträge über 500.000 Euro pro Jahr. Haben Sie wenigstens finanziell ausgesorgt?

 

Ich war zwölf Jahre Profi und habe gutes Geld verdient. Ich fahre einen Kleinwagen, ich brauche keine Rolex. Würde ich anfangen zu klagen, meine finanzielle Zukunft sei nicht gesichert, wäre das respektlos gegenüber jedem Hartz-IV-Empfänger. Verglichen mit dem habe ich ein Luxusproblem.

 

Erzählen Sie mal, wie das bei Ihnen anfing mit Doping.

 

In meinem ersten Profijahr bei Team Polti. Das darf man sich gar nicht so schlimm vorstellen. Da kommt einer und sagt, Junge, du hast Talent. Du wunderst dich vielleicht, dass du immer abgehängt worden bist, weißt du, das läuft anders im Radsport, setz dich mit dem Arzt zusammen. Dann kommt die Epo-Spritze, ein kleiner Piekser unter die Haut, den spürt man nicht.

 

Sagen die ganz klar: Mit Doping fährst du schneller?

 

Nein, nein, da werden nur die Namen der Medikamente genannt. Das Wort Doping hat, solange ich denken kann, nie einer in den Mund genommen. Es sagt auch niemand, was du da machst, ist verboten. Es geht nur darum, wie lange ist was nachweisbar.

 

Sie haben sich nie gefragt: Soll ich oder soll ich nicht?

 

Ich habe am Anfang schon ein bisschen Angst gehabt, wegen der gesundheitlichen Folgen, aber dann ist man ganz schnell in einer Win-Win-Situation: Das Team bezahlt die Medikamente, die Leistung stimmt, die Medien finden dich gut, der Teammanager ist zufrieden, der Arzt unterstützt dich. Das Illegale wird scheinbar legalisiert, weil du eine Leistungsverpflichtung hast gegenüber denen, die dein Gehalt bezahlen.

 

Schauen wir mal in eine Doping-Apotheke. Wie wird was verabreicht, was bringt es? Epo zum Beispiel.

 

Ganz einfach, das Blut bildet damit mehr rote Blutkörperchen, dann kann es mehr Sauerstoff aufnehmen, die Muskulatur wird besser mit Sauerstoff versorgt, die Leistungsfähigkeit steigt. Wenn ich vorher am Maximum 400 Watt trete, schaffe ich jetzt 430 Watt. Bis dahin dauert es allerdings ein paar Wochen.

 

Testoteron, das männliche Sexualhormon?

 

Wird wenig genommen. Das hilft zwar bei der Regeneration, wenn man hart trainiert, es wäre eigentlich ein probates Dopingmittel. Aber es ist sehr einfach und lange nachweisbar. Die Gefahr, bei einer Trainingskontrolle erwischt zu werden, ist zu groß. Testosteron gibt es als Pflaster, als Tabletten und per Spritze.

 

Kortison?

 

Ist ein extremer Schmerzhemmer. Es erhöht die Leidensfähigkeit und damit die Leistungsfähigkeit. Das nimmt man nicht die ganze Zeit, nur wenn man schnell fahren musste, kam es noch dazu.

 

Warum bekommt ein gesunder Sportler Insulin?

 

Damit lagerst du viel mehr Glykogen in die Muskulatur ein und erholst dich dadurch schneller. Es wird, wie Kortison, gespritzt.

 

Wachstumshormon...

 

...hat einen anabolen Effekt. Man spritzt es auch zur besseren Regeneration.

 

Eigenblutdoping! Damit wurden über den spanischen Arzt Fuentes eine Menge Radfahrer erwischt – Sie auch.

 

Doping mit eigenem Blut ist logistisch am kompliziertesten zu bewerkstelligen, so ein Blutbeutel ist groß wie ein T-Bone-Steak, der muss gekühlt über Landesgrenzen geschafft werden. Normalerweise gibt man dazu im Winter Blut ab, das wird zentrifugiert, mit Glycerol versetzt und bei Minus 80 Grad eingefroren. Theoretisch ist das zehn Jahre haltbar. Wenn man es braucht, wird es aufgetaut und als Infusion wieder zugeführt. Das ist einerseits ein wenig ekelig, andererseits ist es noch gesünder als alles andere, ist ja das eigene Blut. Mehr Blut, mehr Leistung, so ist die Formel. Sie müssen sich den Radsport wie ein kleinkriminelles Milieu vorstellen.

 

Viel hilft viel.

 

Nein, mit dem Motto „take all you can get“ kommt man nicht weit. Es ist Gefühlssache, nur das Notwendigste zu nehmen und nicht zu übertreiben. Schwere, harte, steife Muskeln, die nützen ja nichts. Als Radsportler betreibst du ja nicht das härteste Doping der Welt, Schauen Sie sich mal einen 100-Meter-Läufer an! Man will sich ja nur besser erholen, so redet man sich das Verbotene schön. Wenn ich nach einem knüppelharten Training 500 Einheiten Wachstumshormon nehme und höre von Bodybuildern, die 16.000 Einheiten am Tag einpfeifen...

 

Teuer war’s trotzdem. 30.000 Euro im Jahr haben die Mittelchen Sie gekostet.

 

Ja, das ist viel Geld, das ich selbst hingelegt habe. Anfangs haben die Teams das noch bezahlt, später musste ich die Kosten selbst übernehmen. Es ist ein Investment in die Zukunft, in den nächsten Vertrag. C‘est la vie, so läuft’s.

 

Sie reden da so locker drüber. Dabei ist das Risiko zu sterben ist für einen Radprofi fünf Mal so hoch wie für einen Normalbürger, sagt eine Studie.

 

Ich bin, toi toi toi, gesund, ich habe auch keine physische oder psychische Abhängigkeit von Medikamenten. Nur dürfen Sie nicht vergessen, wir belasten jeden Tag Puls und Pumpe fünf, sechs Stunden lang extrem. Wir sind auf der Straße Abgasen und Pollen ausgesetzt. Warum haben fast alle Radsportler Asthma und Allergien?

 

Experten haben eine einfach Antwort: Weil in den Sprays und Tabletten Substanzen sind, die auf der Dopingliste stehen. Doch anerkannte Asthmatiker dürfen diese Mittel straffrei nehmen.

 

Na ja, fahren Sie mal stundenlang bei 35 Grad und hoher Pollenkonzentration entlang von blühende Wiesen, jeden Tag, wie das belastet. Kein Wunder, dass die Probleme chronisch werden. Unsere körperliche Belastung ist nicht fünf Mal höher, sondern 100 Mal höher als bei einem Normalbürger. Dazu kommen verschleppte Grippen, angeborene Herzfehler, die sonst nie akut würden, da kann die Mortalitätsrate schon höher sein. Dass auch Doping eine Rolle spielen kann, will ich gar nicht wegdiskutieren.

 

Neben dem Lügen lernt ein Radprofi das Verdrängen.

 

Ja. Wenn man mich damals an einen Lügendetektor angeschlossen und gefragt hätte: Dopen Sie?, hätte ich „Nein“ gesagt und auf der Anzeige wäre nichts passiert.

 

Der „Spiegel“ hat für Ihr Geständnis-Interview 40.000 Euro bezahlt. Da gab genügend Kritiker, die sagten: Erst betrügt er und dann kassiert er auch noch ab.

 

Das Geld war durch Anwaltskosten rasch weg, glauben Sie mir. Ich kann den Vorwurf durchaus verstehen, aber ich hatte da noch einen Vertrag mit Liberty für 2007, und neun Zehntel des Vertrages habe ich mit diesem Interview ruiniert. Da kann niemand sagen, ich hätte Reibach gemacht.

 

Sehen Sie sich als Opfer?

 

Ich bin ebenso Opfer wie ich auch ein Täter war.

 

Und Sie sehen mit Bitterkeit, wie viele Dopingsünder immer noch fahren?

 

Nein, es amüsiert manchmal mich sogar. Am Ende wird da ganz gerne der Bock zum Gärtner gemacht.

 

Kommenden Samstag beginnt die Tour de France, die Sie sechsmal mitgefahren sind. Steigt das Fieber wie früher?

 

Nein, ich versuche ja, Abstand zum Radsport zu gewinnen. Ich konnte das Ende meiner Karriere nicht selbst bestimmen, es wurde mir vorgegeben. Das tut immer noch weh, sehr weh. Mein Bedürfnis, die Tour im Fernsehen anzuschauen, ist gering.

 

Was fehlt Ihnen am meisten?

 

Dieses extreme Leben. Die Anspannung im Rennen, das Tempo einer Abfahrt, die körperliche Erschöpfung. Das Glücksempfinden, durchgehalten zu haben... Man wird ein Emotionsjunkie.

 

Wenn man die ersten flachen Etappen der Tour anschaut, das sieht ganz gemütlich aus. Da rollen die ja bloß.

 

Das täuscht. Da fahren 180 Mann mit gut 40 Stundenkilometer, Ellenbogen an Ellenbogen, jeder hat Angst vor Stürzen, ein Team fährt seinen Kapitän nach vorne und drängelt, im Kopfhörer nervt dich dein sportlicher Leiter: Vor fahren, vor fahren! Den Beloki immer aus dem Wind halten! Stellen Sie sich einen rasend schnellen Ameisenhaufen vor, so geht es da zu. Da muss man körperlich und geistig auf der Höhe sein. Der Stresslevel ist enorm noch. Nach einigen Tagen wird man launischer, die Gespräche werden einsilbiger. Es ist Ausnahmezustand.

 

Erklären Sie mal, warum bei all dem Stress immer mal wieder ein Fahrer lospirscht und 200 Kilometer alleine voraus radelt?

 

Wenn er durchkommt, ist er der Held, wenn nicht, ist er immerhin ein tragischer Held. Das sind in der Regel Fahrer aus Teams, die keine große Rolle spielen. Doch deren Sponsoren sind auch nicht die Heilsarmee. Die wollen Medienpräsenz. Also macht sich einer auf die Flucht und zeigt den Kameras für ein paar Stunden sein Trikot. Der ist danach ein paar Tage so fertig, den sehen Sie nicht mehr.

 

TV-Reporter schwärmen derweil vom französischen Käse, beschreiben die Schönheit der Landschaft, die gotischen Kirchen...

 

Die Landschaft interessiert einen Radprofi kein Prozent. Gutes Wetter ist schön. Regen ist schlecht. Kälte auch. Bei der Tour lebt jeder in einer Parallelwelt, zurück geworfen auf die menschlichen Grundbedürfnisse: Essen, Schlafen, Duschen, Massagen. Wir fahren 3.600 Kilometer und – wenn man alle Steigungen addiert – fünf mal den Mount Everest hoch, fast 45.000 Höhenmeter.

 

Wenn Sie etwa den berühmten Anstieg nach Alpe d’Huez hochkeuchen...

 

...da sehe ich meinen Vordermann, links und rechts brummen Motorräder, über mir machen die Rotoren des Hubschraubers waff-waff-waff, und die Zuschauer schreien wie wild. Es ist ein infernalischer Lärm.

 

Sie haben mal gesagt: „Radfahren ist an sich nicht schön. Der Sport ist mit sehr viel Schmerz verbunden. Es tut die ganze Zeit weh und man hat selten Erfolg.“ Sie sind ein Masochist.

 

Ich sehne mich ja nicht nach Schmerzen, das nicht, man lernt nur mit ihnen umzugehen. Ohne hohe Schmerztoleranz kommt man als Radprofi nicht weit. Ich habe schon Fahrer gesehen, die sich mit Rissen im Schulterblatt gequält haben oder mit einem gebrochenen Schlüsselbein, die riskieren sogar eine Fehlstellung der Knochen. Es geht schon relativ weit. Wenn zum Beispiel meine Freundin sagt, sie habe kalte Hände, dann denke ich, kalte Hände hat, wer bei drei Grad im Schneeregen mit kurzen Handschuhen einen Pyrenäenpass runterfährt. Aber das sage ich lieber nicht laut.

 

Peter Sloterdijk ist begeisterter Freizeitradler und quälte sich selbst den Mont Ventoux hinauf. Er fühlte dort „eine todeszonenhafte Stimmung“.

 

Jeder Berg kann zur Hölle werden. An einem Tag musst du dich übergeben und am anderen glaubst du, jetzt fällst du tot vom Rad. Das Spezielle am Mont Ventoux ist: Man fährt oberhalb der Baumgrenze in eine bizarre Steinwüste, und wer wie Sloterdijk ein paar Kilo auf den Rippen hat, wähnt da schnell die Geier über sich kreisen.

 

Eigentlich könnte sich jeder freuen, der einen Berg erklommen hat. Doch dann geht der Horror erst los: Abfahrten ins Tal mit Tempo 100, Serpentinen, Haarnadelkurven, alles auf 2 Zentimeter breiten Reifen.

 

Ich bin ein guter Abfahrer, abgehängt hat mich da keiner, für mich ist das Erholung.

 

Auch Ihr Körper hat keine Knautschzone.

 

Als es noch keine Helmpflicht gab, dachte ich häufiger: Scheiße, wenn du jetzt fliegst! Vor allem bei Hitze wird der Asphalt weich, die Felgen erwärmen sich stark. Unsere Reifen sind aufgeklebt, und der Kleber erwärmt sich und kann sich lösen. Ich habe schon gesehen, dass sich Mechaniker an den heißen Felgen brutal die Hände verbrannt haben. Ich mag das, eine Kurve außen anfahren, sich hinten raustragen lassen, nur wenige Zentimeter an der Leitplanke vorbei. Viel Spielraum ist da nicht, es darf da auch kein Stein auf der Straße liegen. Nur bei Regen fühlte ich mich nicht so sicher, nachdem ich einmal gestürzt bin.

 

Ihre Ellenbogen wirken ziemlich mitgenommen.

 

Das geht noch. Sie sollten mal meinen Körper sehen... (Jaksche zieht grinsend sein T-Shirt nach oben)

 

...der ist ja voller Narben. So recht vernünftig ist Ihre Art Rad zu fahren nicht.

 

Formel 1-Fahrer leben sicherlich ungefährlicher. Aber was ist schon Vernunft im Hochleistungssport? Die Sinnfrage darf man nicht stellen. Vielleicht wäre es besser zu sagen: Radfahren ist kein Sport, sondern ein Abenteuer.

 

Die Sinnfrage für viele Hobbyradler ist die technische Ausrüstung: Shimano oder Campagnolo?

 

Ja, ja, das ist für viele eine Glaubensfrage, wie Beatles oder Stones? Die machen da eine Religion daraus. Ich lächle da nur drüber, mir ist das wurscht, funktionieren tun beides.

 

Haben Sie den Dokumentarfilm „Höllentour“ gesehen, den der Regisseur Pepe Danquart 2003 gemacht hat?

 

Der war nicht schlecht. Mir widerstrebt allerdings, wenn wir so furchtbar heroisch gemacht werden. Helden? Heldenhaft sind „Ärzte ohne Grenzen“. Wir unterhalten Leute. Es ist Showbusiness. Wir verdienen Geld damit.

 

Man sieht in dem Film, wie die Betreuer zentimeterdick Creme in die Hosen der Fahrer schmieren.

 

Oh ja, der Hintern will gepflegt werden, gewaschen, desinfiziert, gecremt. Ein Pickel, ein Stückchen wunde Haut, und schon verändert man minimal seine Sitzposition. Das führt schnell zu Rückenschmerzen oder Knieproblemen. Wir sitzen ja sechs, sieben Stunden im Sattel.

 

Und warum rasieren sich Abenteurer die Beine?

 

Weil du sonst von der täglichen Massage eine Haarwurzelentzündung bekommst, und da würde der Masseur nicht froh und die Haut schon gar nicht.

 

Wer bei der Tour fährt, braucht Tag für Tag 8000 bis 10000 Kalorien. Schon zum Frühstück müssen Sie drei gehäufte Teller Spaghetti runter schlingen. Das kann doch nicht schmecken.

 

Manche können das, ich mochte es nie. Ich esse lieber Brot, Cornflakes, Milchreis, Rührei mit Speck. Dem Körper ist das egal, Hauptsache, der Ofen hat seinen Brennstoff. Inzwischen gibt es Konzentrate, die man mit Milch anmacht und schüttelt, quasi Astronautennahrung. Oder die kleinen Powergels, da sind 400 Kalorien drin. Wenn ich mir da während einer Etappe zehn Stück reindrücke, ist das schon fast die halbe Tagesmiete. Das gab es früher alles nicht.

 

Trotzdem hängen Sie abends am Tropf.

 

Man kann nicht alles zu sich nehmen, was der Körper braucht an Vitaminen, Mineralien, Kalorien. Das kann man nur durch Infusionen ausgleichen. Was glauben Sie, was wir an Salz ausschwitzen? Und jetzt kommt gleich die Ethikfrage, stimmt’s? Die Tour ist kein Ringelpietz. Es ist medizinisch notwendig, den Sportlern zurückzugeben, was sie bei diesen Anstrengungen verbrennen.

 

Lance Armstrong gewann eine Tour mit 41,6 kmh im Schnitt, Mario Cipollini gewann eine Etappe mit 50,3 kmh im Schnitt. Kann man dreieinhalb Tausend Kilometer so fahren und ungedopt sein?

 

Man kann, nur dauert alles länger. Das wahre Problem ist: Einer nimmt was, ein zweiter fühlt sich gezwungen, auch etwas zu nehmen... ein Teufelskreis. Jeder ist ein Getriebener und treibt andere mit an.

 

Sie sind, so sagten Sie mal, 1999 eine Tour sauber gefahren. Wie war’s?

 

Am Ende war ich der Idiot. Ich habe keine Leistung gebracht, ich fühlte mich völlig überflüssig. Ein Jahr davor war die Festina-Affäre, Polizei, Razzien, Dopingfunde, Disqualifikationen. Und der Teamchef von Telekom sagte, Leute, wir wollen dieses Jahr keinen Ärger. Ich dachte, nun sei ein braver Jörg. Das war ein Schuss in den Ofen. Damals konnte Epo noch nicht nachgewiesen werden, und nach ein paar Tagen wusste ich, was gespielt wird. Die anderen waren sehr viel stärker als ich.

 

Nun kommt Lance Armstrong zurück. Er hat sieben Mal die Tour gewonnen und wird verdächtigt durch alte Blutproben, die verbotene Substanzen enthielten.

 

Die Tour, das modernes Gladiatorentum. Und wenn Lance dabei ist, steigt die Aufmerksamkeit der Medien. Ich habe kein Problem damit. Es liegt aktuell nichts gegen ihn vor. Soll er doch fahren.

 

Von den letzten 20 Gewinnern dieser Rundfahrt sind nur zwei nicht mit Doping in Verbindung gebracht worden. Am 26. Juli wird in Paris der neue Tour-Sieger über die Ziellinie rollen. Müssen wir davon ausgehen, dass es ein Betrüger ist, ein Gedopter?

 

Ja. Und das Gesetz der Serie sagt uns, das wird noch lange so bleiben. Der extreme Ausdauersport ist dopingaffin. Ich habe es selbst erlebt: Doping bringt einfach zu viel.

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