Sonntagsinterview : „Bevor ich auftrat, gab es Raketenalarm“

Er spielte vor Soldaten in Afghanistan, ging als junger Mann ins Kloster – und springt jetzt in 5000 Metern Höhe aus dem Flugzeug. Clemens Schick über Angst und Mut

Interview: Ulf Lippitz

Herr Schick, Sie trauen sich ja einiges und …

… warum? Was meinen Sie?

Sie haben, zum Beispiel, einen Soloabend für deutsche Soldaten in Afghanistan gegeben. Sie sind nach Kabul, Kundus und Masar-i-Sharif gefahren.

Auslöser war ein Artikel über den Krieg am Hindukusch, den ich vor eineinhalb Jahren im „Spiegel“ las. Mit einem Mal erinnerte ich mich an den Irakkrieg 2003. Damals gab es Diskussionsrunden in Theatern, Falk Richter schrieb mit „8 Seconds“ ein Stück über den Krieg, man demonstrierte auf der Straße. Nun stutzte ich beim Lesen: Moment mal, warum passiert diesmal nichts in der kulturellen Szene?

Und Sie riefen im Verteidigungsministerium an und sagten: „Hallo! Ich habe im September noch zwei Wochen frei und möchte gerne für die Truppen Theater spielen?“

Nein, ich hatte das Glück, über eine Freundin Kontakt zum Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages zu bekommen. Wir trafen uns auf einen Kaffee, ich erzählte ihm von einer Idee, er war begeistert – und vier Wochen später saß ich im Flieger. Eins ist mir wichtig: Ich bin nicht als Gast des damaligen Verteidigungsministers Jung hingefahren.

Warum betonen Sie das?

Jung ist typisch für die Fehler der deutschen Politik in Bezug auf Afghanistan. Er hat versucht, diesen militärischen Einsatz als friedensstiftende Maßnahme kleinzureden. In Wahrheit befanden und befinden sich die Soldaten in einer sehr schwierigen Lage, nach meiner Einschätzung in einer No-Win-Situation. Ich glaube, man kann die Truppen nicht aus Afghanistan abziehen, weil es dann zu Massakern und einem Bürgerkrieg kommt. Und auf der anderen Seite sehe ich nicht, was die internationalen Truppen dort erreichen können.

Sie sind mit dem Stück „Windows“ aufgetreten, das ist ein fiktiver Monolog von Bill Gates – und ziemlich lustig. Gerade das richtige für die Front?

„Windows“ ist ein Abend, an dem ich viel improvisiere und auf die Situation eingehen kann, in der ich spiele – und deshalb ideal für so einen Ort.

Die Unterhaltung von Truppen im Krieg hat etwas Anrüchiges …

… und das zu Recht. Wir Deutschen haben spätestens seit dem Nationalsozialismus ein gebrochenes und gestörtes Verhältnis zu Militär und Krieg. Warum soll nicht jemand wie ich, der diesen Zwiespalt selbst verspürt, hingehen und eine Auseinandersetzung suchen? Vor der Reise gab es Reaktionen: von „Bist du die neue Marlene Dietrich?“ über „Du bist dir ja für nichts zu schade“ bis zum Zuspruch.

Sie wollten für Soldaten Theater spielen. Waren Sie sich denn sicher, die interessiert das?

Dass die Theater wollten, davon konnte ich nicht ausgehen. In Kundus schauten 40 Soldaten zu, von einigen hundert. So vielseitig ist die Unterhaltung in Kundus nicht, dass man sagen kann, die waren halt woanders. Allerdings gab es in der Nacht einen Raketenalarm, da mussten einige ausrücken.

Was war da los?

Ich kam nachmittags im Camp an und wollte den Spielort sehen, man zeigte mir eine kleine Bühne auf dem Gelände. Ich brauchte noch Licht, aber Licht bedeutet Angriffsziel, und so einigten wir uns darauf, die Bühne mit Tarnnetzen zu schützen. Ein Tarnnetz, das kein dekoratives Mittel war, sondern einen Zweck erfüllte! Kurz vor der Vorstellung teilte uns ein Offizier mit, es gäbe Raketenalarm, wir müssten in einen Bunker ausweichen.

Hatten Sie nicht Schiss?

Ich weiß jetzt, wie sich Angst in einem Kriegsgebiet anfühlt. Sie kriecht langsam in jede Sehne, in jede Zelle, sie ist einfach da. Einmal saßen wir in Kabul gemütlich beim Frühstück, weil unser Taxi ins nächste Lager erst in einer Stunde kommen sollte ...

… da gibt es richtige Taxis?

So nannten die Soldaten den Konvoi. Zehn Minuten später kam der Offizier sehr aufgeregt zurück und sagte, es hätte einen Anschlag gegeben, wir müssten einen Umweg fahren und sofort aufbrechen. Wir wurden auf die Panzer verteilt und fuhren in Patrouille.

Das nennt man taktisches Fahren. Alle anderen Fahrzeuge müssen links und rechts anhalten, bei Ihnen im Panzer sitzt ein Schütze mit Maschinengewehr an der Luke.

Vom Schützen sah man immer nur die Beine. Wenn die Spitze der MG nach unten zeigte, wussten wir, wir waren auf sicherem Terrain und konnten durchatmen. Die Fahrt dauerte 45 Minuten, fühlte sich aber viel länger an. Ich sah die ganze Zeit nichts, trug Splitterschutzweste und Helm. Ein Offizier sagte, falls alle Soldaten eliminiert würden, lägen im hinteren Teil des Panzers noch Waffen für mich.

Hätten Sie damit umgehen können?

Nein, das war wirklich absurd.

Als Sie in die Kasernen kamen, wie war das?

Es roch überall nach Desinfektionsmittel, weil die Bundeswehr Ansteckungen jeglicher Art vermeiden will. Eigentlich waren meine Sinne überfordert. Einmal zeigte ich einem Offizier die Berge am Horizont und sagte: Sind die nicht schön? Und er antwortete: Bitte, keine Hemmungen, ist aber alles komplett vermint. Einen anderen Tag lang litt ich unter Nasenbluten, weil es so heiß und trocken war, die Luftfeuchtigkeit lag nur bei 25 und nicht wie in Deutschland bei 75 Prozent. Dann gab es in dieser fremden Umgebung deutsche Lebensmittel, eine Filiale der Deutschen Post, wir aßen deutsches Kantinenessen, Bockwurst ...

Haben Sie überhaupt etwas vom Land gesehen?

Ich habe Afghanistan eigentlich nicht betreten, mein einziger Kontakt zu Afghanen beschränkte sich auf die Camps. In jedem Lager betreiben Einheimische kleine Märkte, auf denen können die Soldaten technische Geräte wie Radios kaufen, Blutgruppenabzeichen, Käppis, DVDs – und Teppiche. Handgewebte, wunderschöne Teppiche mit Panzer- oder Bomben-Motiven.

Im „SZ-Magazin“ wurden Briefe von Afghanistan-Soldaten abgedruckt. Einer schrieb: „Die hygienischen Bedingungen erinnern an eine Jugendherberge in Mecklenburg, fünf Jahre vor dem Mauerfall.“

Es ist sehr eng, man schläft in Doppelstockbetten, kommt kaum zwischen Schrank und Bett vorbei, es gibt keine Privatsphäre – und nur gemeinsame Duschen auf dem Gang.

Ein anderer Soldat schrieb: „Nach den Wochen ... der Anpassung schlafe ich prächtig. Vielleicht würde mein nicht existenter Therapeut sagen, ich verdränge. Oder ich bin nur stumpf genug, vieles an mich gar nicht ranzulassen.“

Nun ja, ich traf auf Typen, die mein Klischee bestätigt haben – dumpfe, ramboartige Kerle. Auf der anderen Seite bin ich auf sehr smarte Menschen gestoßen, die das Land aufbauen wollten.

Sind einige gegangen während des Stücks?

Nein, es gab Zwischenrufe. Einer rief: „Spiel mal schneller, ich will noch ein Bier!“ Ich sagte: „Okay, aber du weißt, du darfst nur zwei trinken.“ Das ist die Regel in den Camps. Da hatte ich die Lacher auf meiner Seite, und er war ruhig. Das war ein Machtspiel, wie bei Kindern. Und es herrschte eine Offenheit, die sich nicht in Worten ausdrückte. Am nächsten Morgen kamen zum Beispiel Soldaten zum Flugzeug und schenkten mir einen Talisman – so einen Zylinderstift, um Bomben scharf zu machen.

Erinnern Sie sich an das Gefühl beim Heimflug?

Ja: Gott sei Dank ist alles vorbei! Die Reise war eine der anstrengendsten meines Lebens. Ich hatte das Gefühl ständiger Überforderung, konnte nie nachdenken, sondern musste unter Ausnahmebedingungen funktionieren. Zehn Tage lang blieb ich erst mal allein in Berlin, bevor ich mit anderen darüber reden konnte.

Wann lässt dieses Mitfühlen nach?

Moment mal: Ich habe überhaupt kein Mitleid mit Soldaten, weil sie im Einsatz sind. Das ist Teil ihres Berufs – und das wissen sie auch. Ich könnte mir sogar vorstellen, noch einmal hinzufahren. Was mich an den Camps fasziniert hat, war die Gemeinschaft. Wie die Soldaten miteinander kommuniziert haben, gefiel mir. Sie waren direkt, klar, unverblümt.

Es gab keine Diskussionen über Befindlichkeiten wie unter Schauspielern im Theater.

Ich muss mal klarstellen: Ich bin ein komplett romantischer Mensch und kein harter Brocken. Gemeinschaft ist ein großes Thema meines Lebens, ich habe Sehnsucht danach. Vielleicht, weil ich in einer großen Familie aufgewachsen bin, mit zwei älteren Brüdern, einer älteren Schwester und einem Zwillingsbruder.

Mit 22 Jahren gingen Sie in ein französisches Franziskanerkloster der Communauté de Taizé, als Sie gerade an der Schauspielschule Ulm eine Ausbildung machten. Auch ganz schön mutig.

Es war einfach eine Sinnkrise, in die ich vor der Zwischenprüfung geriet. Das war mir alles zu blöd, was wir lernten, immer beschäftigten wir uns mit uns selbst. Ich sehnte mich nach einem größeren Ziel. Lebe ich hier nur für mich – oder kann ich mich noch einem gemeinschaftlichen Leben hingeben?

Sie fühlten sich fürs Klosterleben berufen?

Ich hatte die Verheißung, mit Brüdern und Schwestern in armen Regionen zu leben und Menschen zu helfen. Das lässt sich nur religiös erklären – mit einem starken Glauben an Christus. Dann habe ich drei Tage im Kloster verbracht, in völligem Schweigen – ein spirituelles Erlebnis. Ich brach in Ulm meine Zelte ab und wollte Mönch werden. Die Mönche sagten sofort: Wir glauben nicht an deine Berufung! Sieben Monate durfte ich unter ihnen leben.

Mal ehrlich: Es ist ganz praktisch, die Verantwortung über das eigene Leben abzugeben.

Nein, nein. Man ordnet sich zwar einer Hierarchie unter, steht morgens um sechs Uhr auf und betet gemeinsam. Ich war aber trotzdem extrem zerrissen. Ist das nun mein Weg, oder nicht? Es war qualvoll. Es war ja nicht so, dass mich weltliche Dinge auf einmal nicht mehr interessierten. Ich habe auch mit der Enthaltsamkeit gerungen. Das Problem war, je länger ich versuchte, enthaltsam zu sein, umso schöner war es dann doch, Sex zu haben.

Wann haben Sie der Kirche den Rücken gekehrt?

Mitte der 90er Jahre, hier in Berlin, als ich an einer Privatschule weiter Schauspiel studierte. Da wurde mir klar, ich würde nie Mönch oder Priester sein, das ist nicht meins. Ich kann sehr plötzlich Dinge über den Haufen werfen.

Sie kellnerten lange im Cantamaggio in der Alten Schönhauser Straße. Gab es mal die Angst, auf dem Job hängenzubleiben?

Ja klar. Als ich 1997 mit dem Studium fertig war, habe ich mir zuerst geschworen, nie wieder in meinem Leben zu kellnern. Weil ich das seit meiner Schulzeit nebenher gemacht habe. Kürzlich drehte ich in einer Hamburger Großküche eine Szene, mir hing wieder dieser Geruch in der Nase, diese Mischung aus Essensresten, Spülmitteln und Alkohol, und mir wurde auf der Stelle schlecht.

Als Sie 2002 die Anstellung am Schauspielhaus Hannover bekamen, dachten Sie: endlich Hannover!

Netter Scherz. Mir ging es ums Theater. Hannover ist keine interessante Stadt, lag aber ideal, weil der letzte Zug um 22.30 Uhr nach Berlin fuhr. Manchmal sind wir im Kollektiv nach der Vorstellung zum Zug gerannt und kamen am nächsten Tag wieder.

Ein festes Engagement war dauerhaft zu langweilig?

In Hannover bin ich an die Decke gestoßen. Ich habe alle großen männlichen Rollen gespielt, von Richard III. bis zum Brick in „Katze auf dem heißen Blechdach“. Weiter ging es in so einem Ensemble nicht. Deshalb habe ich 2006 gekündigt ...

... und bekamen eine Rolle im Bond-Film „Casino Royale“, als schweigsamer Assistent des Bösewichts.

Schauspielerisch war das keine Herausforderung. Die bestand darin, zu verstehen: Wie verhalte ich mich in einer 120-Millionen-Dollar-Produktion?

Und?

Ich freue mich, wenn meine Arbeit gelobt wird. Dann funktioniere ich besser. Auch am Bond-Set sehnte ich mich nach Lob – bis ich begriff, es wird keines geben. Denn jede Position war überbesetzt: Die Garderobiere war ausgebildete Schneiderin, der Regieassistent drehte längst eigene Filme, alle arbeiteten völlig unter ihrem Niveau.

Ben Affleck meint übers Drehen: „Dauernd hat man Pause und geht in seinen Wohnwagen.“

Man muss das aushalten und die Balance finden zwischen Ausruhen und In-Konzentration-Bleiben. Extrem erlebte ich das ein andermal: Ich wartete vier Nächte von abends um sieben bis morgens um vier, in Kostüm und Maske, um eine Szene zu drehen. Und die ganze Zeit durfte ich nicht schlafen, weil jederzeit der Augenblick hätte sein können, an dem ich dran bin.

Derzeit drehen Sie einen Action-Thriller mit Sharon Stone. Sie spielen einen serbischen Ex-Soldaten.

Dafür lerne ich gerade Skydiving. Bei 5000 Metern Höhe springt man aus dem Flugzeug und öffnet bei 1000 Metern einen Fallschirm.

Dafür gibt es Profis. Sie hätten sagen können: Nein, davor habe ich Angst!

Einige Szenen werden auch mit Stuntmen gedreht, aber ich möchte so viel wie möglich selber machen. In meiner Kindheit gab es Momente, in denen eines meiner älteren Geschwister sagte: Wenn du das und das tust, setzt es was! Und mir war klar: Okay, das musst du mindestens einmal ausprobieren. Ich hatte sehr früh eine Lust am Risiko.

Kein Bedürfnis nach Sicherheit?

Mich trainiert ein Weltmeister im Skydiving, das befriedigt meinen Wunsch nach Sicherheit. Ich habe viele Tandemsprünge hinter mir, ich war drei Tage im Windkanal, um den freien Fall zu üben. Die letzten zwei Wochen war ich in Südfrankreich und sprang jeden Tag fünf Mal aus dem Flugzeug.

Spätestens seit dem Bond-Film sind Sie prominent. Klaus Maria Brandauer sagt: „Man macht diesen Beruf nicht, um unerkannt zu bleiben.“

Wenn ich erkannt werde, verunsichert mich das immer wieder. Ich denke dann, ich muss mich irgendwie verhalten – aber wie?

Ziehen Sie zum Schutz Basecaps in die Stirn?

Ich habe Mützen auf, seit ich zwölf bin. Diese Eigenart ist jetzt ganz praktisch. Die Menschen in meinem Kreuzberger Viertel kennen mich sowieso.

Würden Sie wegziehen, um notfalls Ihr Privatleben zu schützen?

Die Frage stellt sich nicht. Als ich im Bond mitspielte, fragte ich mich auch nicht zuerst, ob ich bekannt sein möchte. Aber wenn Erkanntwerden der Preis des Ruhms ist, den man braucht, um gute Filme zu drehen, dann zahle ich ihn gerne.

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