Sonntagsinterview : „Die Alternative wäre mein Tod gewesen“

Ein Schlagerstar, dem die Luft zum Atmen fehlt – und der das lange verheimlicht: Roland Kaiser über seine neue Lunge und seine Karriere als Stehtänzer

Foto: Paul Schirnhofer
Foto: Paul Schirnhofer

Herr Kaiser, auf einmal sind Sie ein Exot: der Sänger mit der neuen Lunge.

Daran muss ich mich gewöhnen. Mein guter Freund Götz Alsmann hat mir gesagt: „Du kennst doch noch die Jahrmärkte, die Hunde mit den zwei Köpfen. So einer wirst du dein Leben lang bleiben.“

Sie sprechen mit lauter Stimme. Es geht Ihnen gut?

Klar, warum nicht? Als ich im Februar in den Berliner Hansa-Studios mein neues Album aufgenommen habe, meinte mein Produzent, der Peter Wagner: „Du klingst wie 1980!“ Meine neue Lunge funktioniert besser, als es meine alte jemals tat. Mein Lungenvolumen misst heute 6,5 Liter. Ein Durchschnittsmann in meinem Alter schafft 4,5.

Dann war Ihr Spender ein sportlicher Typ?

So genau sagen die Ärzte einem das nicht, aber es soll ein junger Mensch gewesen sein.

Sie haben im Januar 2010 Ihren Bühnenabschied erklärt, weil Sie flachatmig und kraftlos waren. Sie litten an COPD – das ist chronisch obstruktive Bronchitis, eine unheilbare Lungenkrankheit. Schon Ende Februar bekamen Sie eine neue Lunge. Wieso ging das so schnell?

Ja, es gibt schon Leute, die meinen, wahrscheinlich hat der Kaiser einen Promi-Bonus, um an den langen Wartelisten vorbei zu kommen. Natürlich nicht. Ich hatte mich schon vor längerer Zeit in Absprache mit meinen Ärzten dazu entschlossen, mich auf die Warteliste für eine Lunge setzen zu lassen. Je schlechter es mir ging, umso höher wurde ich gestuft. Am Ende war ich ein HU-Patient – high urgency. Und deshalb ging es dann recht schnell.

Sie haben die Krankheit jahrelang verheimlicht.

Weil ich nicht verletzt werden wollte. Ich war einfach ein Dummkopf. Das war falscher männlicher Stolz, ich wollte keine Schwäche zeigen, eben der Held sein. Meine Familie hat auch darunter gelitten, weil sie ständig lügen mussten: Ich hatte allen verboten, darüber zu reden. Damit habe ich mir selber keinen Gefallen getan. Meiner Band habe ich auch lange nichts erzählt, habe keinem eine Chance gegeben, mir zu helfen.

Bis zum Konzert im Tempodrom im Mai 2006, als Sie erstmals einen Auftritt abbrechen mussten.

Das war der reine Horror. Ich hatte den ganzen Tag so einen Druck auf der Brust und schon fürchterlich Angst, dass ich auf der Bühne nicht genug Luft kriegen würde. Und dann ist es passiert, gleich beim ersten Titel, „Heute und hier“, ein lautes Lied ist das. Ich habe kein Wort mehr rausgekriegt. Da hatte ich wahnsinniges Glück: Genau in dem Moment fiel das Mischpult aus, und die Leute dachten, es sei bloß ein technischer Defekt. Trotzdem habe ich danach meinem Team die Wahrheit erzählt.

Da waren Sie schon sechs Jahre krank.

Ja, und das Gelüge hatte mir nur Nachteile gebracht. Speziell bei Fernsehsendungen, wenn der Regisseur wollte, dass ich während des Liedes durchs Publikum laufe, die Stufen rauf, durch den Gang an den Leuten vorbei, wieder runter und gleich noch einen Titel hinterher – und ich war schon nach der halben Treppe tot. Ich hätte nur was sagen müssen. Von dem blinden Andrea Bocelli verlangt doch auch keiner, durch die Gänge zu laufen.

Am 23. Juni geben Sie nach anderthalb Jahren Ihr erstes Konzert, wieder im Berliner Tempodrom.

Gut möglich, dass einige Voyeure kommen. Wenn bei mir künftig mal ein Konzert ausfällt, so wie bei anderen auch, gibt es sicher die Schlagzeile: „Wie lange macht es der Kaiser noch?“ Ich kenn das aus meiner Zeit, als es mir schlecht ging. Bei einem Open-Air in Schwerin hab ich es gewagt, mir zwischendurch mal mit dem Handtuch übers Gesicht zu wischen. Da schrieb sofort eine Zeitung: „Völlig erschöpft drohte er auf der Bühne zusammenzubrechen.“ Ich meine: Es war Sommer, es war heiß!

Kühn, so eine Comeback-Tour mit fremder Lunge.

Überhaupt nicht, meine Ärzte haben gesagt: „Ihre Lunge will beschäftigt werden, treiben Sie Sport und singen Sie, was das Zeug hält!“ Und das habe ich mir nicht zweimal sagen lassen. Ich mache alles. Im Supermarkt mit dem Wagen durch die Regale flitzen. Mineralwasserkästen schleppen. Jeden Tag 20 Kilometer Fahrrad fahren. Mein Auto selbst aussaugen. Das hört sich komisch an, aber gerade diese alltäglichen Handgriffe liebe ich.

Sie müssten doch vorsichtig sein, Ihre Abwehrkräfte sind geschwächt weil Sie Immunsuppressiva nehmen, damit Ihr Körper das neue Organ nicht abstößt.

Ja, deswegen fahre ich nicht auf einem echten Fahrrad, sondern wegen der Unfallgefahr im Straßenverkehr nur zu Hause auf dem Ergometer vor dem Fernseher. Morgens strampele ich zehn Kilometer und gucke dabei „SpongeBob“, den mag meine Tochter. Und abends noch mal zehn zu den Nachrichten. Außerdem muss ich mich bewusst keimreduziert ernähren. Mein Standardsatz ist: Alles, was ich esse, ist gekocht, gebraten, gebacken oder geschält. Auf Erdbeeren und Pilze verzichte ich ganz.

Trotzdem sagen Statistiken: Jede zweite transplantierte Lunge hält nicht länger als fünf Jahre.

Die Statistiken unterscheiden nicht zwischen den zugrunde liegenden Krankheiten. Mit der Transplantation ist in meinem Fall die chronische Erkrankung der Lunge geheilt. Bei Patienten mit genetischen Krankheiten wie Mukoviszidose ist es eine Frage der Zeit, wann das neue Organ erneut geschädigt wird. Deren Leben wird durch das neue Organ verlängert, die Lungentransplantation kann diese Patienten aber nicht heilen. Das ist bei COPD anders. Da wird das kranke Organ durch ein gesundes ersetzt und die Krankheit verschwindet damit aus dem Körper. Ich kenne einen COPD-Patienten, der genau wie ich in Hannover eine neue Lunge bekam, aber schon 1988 – und der erfreut sich immer noch bester Gesundheit.

Die COPD kann verschiedene Ursachen haben. Die häufigste ist das Rauchen...

...und das war es wohl auch bei mir. In Spitzenzeiten habe ich zwei Schachteln über den Tag geleert. Plus den Abend, wenn er lustig war. Idiotisch.

Haben Sie schon oft gehört: selbst schuld?

Bisher stand das nur in Leserbriefen in Zeitungen. Aber sicher gibt es viele, auch Fans, die denken: Du Depp hast dir das doch selbst eingebrockt mit deiner Raucherei! Sie haben ja auch Recht.

Sie machen sich selbst Vorwürfe?

Natürlich sagt man: Das hättest du eigentlich wissen müssen, dass das nicht gesund sein kann, hast ja genug Hirn vom lieben Gott gekriegt. Aber ich habe mich in die Geschichte von Onkel Kurt gerettet: Den gibt’s in jeder Familie. Der hat am Tag drei Schachteln Zigaretten geraucht und eine Flasche Whiskey getrunken und ist trotzdem 90 geworden. An den Onkel Heinz, der mit 40 an Lungenkrebs gestorben ist, an den erinnert sich keiner. Unser Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt ist auch so ein Fall: Bei dem grenzt es ja fast an ein Wunder, wenn der zwischendurch mal nicht raucht.

Vor ihrer Schlagerkarriere waren Sie Werbekaufmann. Sollte Zigarettenwerbung auch im Kino verboten werden?

Ja. Das könnten wir uns ersparen, da könnte der Gesetzgeber aktiv werden. Ich bin allerdings kein militanter Nichtraucher. Wenn einer rauchen will, kann er das ja draußen machen.

Wann vermissen Sie Zigaretten am meisten?

Ich vermisse sie gar nicht. Ich habe damals von einem Moment zum anderen aufgehört. Das sollte später auch für mich lebenswichtig werden, was ich damals noch gar nicht verstanden habe. Ein Organ bekommt nämlich nur, wer nachhaltig sorgsam mit diesem kostbaren Geschenk umgeht. Für mich ist es total abwegig, auch nur ansatzweise mit einer Zigarette zu liebäugeln. Was für ein Blödsinn.

Haben Sie selbst einen Organspendeausweis?

Schon lange. Er liegt mit anderen persönlichen Verfügungen bei uns zu Hause.

Einer von uns beiden hat keinen. Ist das asozial?

Quatsch, ich bin kein moralisierender Mensch. Vielleicht haben Sie sich einfach zu wenig damit beschäftigt. Wenn Ihrem Cousin etwas passiert und er wird dadurch gerettet, würden Sie anders darüber denken. Nur um das mal klarzustellen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie ein Organ brauchen, ist dreimal so hoch wie die, eines spenden zu müssen. Das liegt daran, dass nur ein sehr geringer Prozentsatz der Menschen den Hirntod eher als den Herztod erleidet, und nur diese Hirntoten kommen in Deutschland als Organspender überhaupt in Frage.

Was dachten Sie bei der Nachricht, dass es eine Lunge für Sie gibt?

Ich habe mich gefreut, dass es losgeht, darauf, endlich wieder Luft zu kriegen.

Ist nicht auch Angst ein naheliegendes Gefühl?

Hatte ich aber nicht. Die Alternative wäre das Sterben gewesen.

Und nach der OP sind Sie aus der Narkose erwacht und konnten frei atmen?

Ich hab mich erst mal über meine Hände gewundert: Mein Gott, wie sehen die denn aus? Die waren vorher immer blau, weil ich kaum noch Sauerstoff im Blut hatte. Dann kam meine Frau mit dem Spiegel und sagte: Guck da mal rein. Da war ein helles, rosiges Gesicht. Und die Augen waren wieder klar, kein bisschen rot. Meine Tochter hat nur gesagt: Papa, siehst du schön aus. Die hatte mich nie gesund gesehen, die ist heute zwölf und kannte mich nur blau angelaufen.

Das war für Sie als Schlagersänger mit dem Ruf eines Frauenhelden auch nicht sehr vorteilhaft.

Stimmt. Wenn man so viele Songs über pikante Themen singt wie ich, ist ein krank wirkender Interpret nicht unbedingt fantasiefördernd. Man braucht in meinem Beruf auch Außenwirkung, die den Leuten Lebensfreude vermittelt. Ich sah mich mit fortschreitender Erkrankung nicht mehr in der Lage, die Qualität auf der Bühne zu bieten, die ich gerne abgeliefert hätte. Ich weiß nicht, ob ich selbst so tolerant gewesen wäre wie mein Publikum.

Auf Ihrem neuen Album kommen die Krankheit und die Heilung gar nicht vor.

Das haben mich Freunde auch schon gefragt, warum ich das nirgends in meinen Liedern verarbeite. Aber es ist eben meine Aufgabe, die Fans mit einem guten Gefühl nach Hause zu schicken. So geht der Job. Wenn ich in ein Konzert von Elton John gehe, möchte ich auch keine Vorträge zu dessen privaten Malaisen hören. Ich wollte keine schweren Gedanken in ein Reimschema pressen.

Stattdessen singen Sie jetzt über einen OneNight-Stand mit einer Politesse: „Lisa-Marie, die mir eine Anzeige schrieb, Lisa-Marie, die mich zum Wutanfall trieb – und das Friedensangebot von mir“.

Ja, das ist doch eine lustige Geschichte, natürlich frei erfunden. Meine Lieder sollen die Zuhörer unterhalten. Das aktuelle Album spiegelt Momente des Lebens wieder. Mal geht es um die Betrachtung einer Stadt wie in „Berlin am Abend“, mal um Situationen, in denen jemand einer Versuchung erlegen ist. Machen Sie mal einen Titel über Arbeitslosigkeit oder Atomkraftwerke, das ist nicht witzig.

Haben Sie es mal probiert?

Quatsch. Zuletzt ist das „Geier Sturzflug“ gelungen, das war 1983 mit „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt“. Das hat immerhin eine Zeitströmung aufgefangen. Und ist eine witzigere Form der Feiermusik als heute „Zehn nackte Friseusen“...

...von Mickie Krause, der zur selbstironischen Neo-Schlagerwelle gehört wie Jürgen Drews.

Jetzt müssen Sie mich aufklären: Wo empfinden Sie bei Jürgen Drews Ironie?

Wenn Drews mit den Gerüchten über sein angebliches Po-Lifting kokettiert, dann macht das schon den Eindruck, als nehme er sich nicht allzu ernst und spiele mit Publikum und Medien.

Ich kenne Jürgen sehr gut und sehr lange, der wohnt in der Nähe, in Dülmen-Rorup, 30 Kilometer von hier. Jürgen ist ein kluger Mensch und wird weidlich unterschätzt, aber ich glaube nicht, dass er das so tiefenpsychologisch meint wie Sie. Der versucht einfach, die Menschen und ihren Geschmack zu treffen.

In Dresden spielen Sie im August zwei Freiluftkonzerte vor insgesamt 24 000 Menschen.

Plus die Leute auf den Elbbrücken, zwischen denen wir auftreten. Da stehen noch mal bis zu 4000 und feiern mit. Verrückt.

Jetzt, da Sie sich wieder so gesund fühlen: Fangen Sie in Ihrem zweiten Bühnenleben endlich mit dem Tanzen an?

Nein, das möchte ich keinem zumuten. Ich bin ein körperlicher Trottel in dieser Beziehung. Ich krieg das einfach nicht hin.

Es fällt auch auf, dass Sie sich bei Ihren Bühnen-Bewegungen stark auf die linke Hand konzentrieren?

Genau, ansonsten bin ich Stehtänzer. 1979 hab ich mich in Berlin an einer Jazz-Dance-Schule angemeldet, man hat mir nach zwei Wochen mein Geld wiedergegeben und mich rausgeworfen. Die anderen Kursteilnehmer hatten sich beschwert, dass mein Tanzen sie völlig demotiviert hätte.

Wir haben Ausschnitte aus der ZDF-Hitparade in den Achtzigern gesehen, wo Sie schon ein bisschen versucht haben, mit dem Oberkörper zu wackeln.

Die Hitparade war sowieso eine bizarre Veranstaltung, fernab aller Wirklichkeit.

Herr Kaiser, Sie sind mit 67 Auftritten Rekordhalter dieser Show und haben sie entscheidend geprägt!

Nein, das war der Regisseur Truck Branss – der reinste Imperator. Wenn die Sänger probten, kam per Lautsprecher seine Stimme und sagte zum Beispiel zu Christian Anders: „Du hast ja ein Hemd an, damit siehst du aus wie Goethe – unmöglich!“ Dann musste der allen Ernstes losfahren und für die Sendung neue Sachen kaufen. Danach meinte der Branss: „Das sieht immer noch scheiße aus!“ Da kannte er keine Gnade... Das konnte endlos so weiter gehen.

Sie beklagen gerne, dass Sie schlimmes Lampenfieber haben und sowieso kein Bühnentyp sind. Das allerdings schon 37 Jahre lang.

Das ist die Krux daran, das Paradoxe, dass ich nicht im Mittelpunkt stehen möchte. Von Kindesbeinen an schon nicht, meine Geburtstagsfeiern waren mir immer ein Gräuel. Ich weiß, dass das widersinnig ist bei meinem Beruf. Ist mir ein bisschen spät aufgefallen. Bei Peter Maffay ist das genauso.

Wieso brauchen Sie dann das Comeback?

Na jedenfalls nicht, weil ich mein Essen davon bezahlen muss. Ich freu mich unbändig, wieder singen zu können. Das ist mein Beruf, und jetzt kann ich’s wieder.

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