Sonntagsinterview : „Die Kälte dieser Frauen – schrecklich!“

Er wollte nur Fontane studieren, doch die „Roten Zellen“ hatten andere Pläne. Wie Edgar Selge 1968 überlebte und warum er heute gerne eine Frau spielen würde.

Interview: Christiane Peitz Esther Kogelboom
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Edgar Selge würde gerne mal eine Frau spielen.Foto: Thilo Rückeis

Herr Selge, haben Sie schon gefrühstückt? Möchten Sie vielleicht eine Weißwurst?

Ja, vielen Dank.

Sie ziehen gerade mit Ihrer Frau Franziska Walser durchs Land und rezitieren die Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke …

(mit vollem Mund) Wunderschön! „Daß ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht, / Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln. / Daß von den klar geschlagenen Hämmern des Herzens / keiner versage an weichen … ramtatam … oder reißenden Saiten …“

… Herr Selge!

Das war die zehnte Elegie. Ich hab’ die nicht richtig drauf, die trägt ja auch meine Frau vor. Sie die geraden, ich die ungeraden.

Ein Kritiker schrieb in der „Süddeutschen“: „Wie ein Drahtkleiderbügel steht er da, setzte den Versen knorrige Emphase entgegen und zart verspulte Komödiantik, alles so losgelöst, als würde dieses Nervenbündel gleich wegfliegen, holte ihn nicht Franziska Walsers ruhiges Timbre wieder auf die Erde zurück.“ Warum gerade Rilke?

Weil Rilke ein Dichter des Ekstatischen ist, das zieht mich an. Für die Kraft des Ekstatischen gibt es heute keine Rituale mehr, nach 1968 hatte auch das Theater kein Gespür mehr dafür, weil es vor allem um das Politische ging.

Das Theater der 50er Jahre war ekstatischer?

Aber ja. Nehmen Sie „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ im Berliner Schiller-Theater, mit Marianne Hoppe, einer großen Schauspielerin aus der Generation meiner Eltern. Sie war eine Schauspielerin der Ekstase. Weil sie so brannte, musste sie Distanz halten, weshalb viele sie für kühl und preußisch hielten. Bei den Proben geisterte sie als Drogensüchtige am Sofa ihres lungenkranken Sohns Edmund vorbei, der war ich. Ich wollte sie gerne anfassen, aber Marianne sagte: „Bitte nicht anfassen, das zerstört die Aura.“

Sie sagten kürzlich, das Jahr 1968 habe Sie traumatisiert. Was war der Grund: Ihr strenges Elternhaus oder die wilden Studenten?

Beides. Nehmen Sie die „Roten Zellen“. Ich saß in München im Fontane-Seminar, die Tür flog auf und drei Frauen erklärten die Veranstaltung für beendet. Wir sollten aufhören, uns mit bürgerlichem Scheiß zu befassen. Als hätte die Lektüre von „Effi Briest“ eine unmittelbare Auswirkung auf den Abwurf der Napalm-Bomben in Vietnam.

Das klingt eher unterhaltsam als traumatisch.

Heute vielleicht. Damals war es schrecklich. Die Kälte dieser Frauen, die jeden Widerspruch mit soziologischen Floskeln im Keim erstickten! Ohnehin saß uns, die wir uns zu dieser Zeit mit Literatur befassten, das schlechte Gewissen im Genick, weil das gesellschaftlich irrelevant zu sein schien.

Sie haben doch auch demonstriert.

Ja, schon. Aber gefallen hat mir das nie. Einmal wurde ich heftig von einem Polizisten am Ku’damm angegangen, der die Straße abriegeln wollte. Er packte mich am Revers und riss die Uhrenkette ab, die mein Vater mir geschenkt hatte. Als ich sie aufheben wollte, brüllte er: „Mach, dass du wegkommst!“ Ich war nicht der Typ für körperliche Auseinandersetzungen. Lieber machte ich in München politisches Theater, aber das brachte mir auf Dauer nichts, weil es so verbissen war.

Ihr Vater war im Krieg an der Ostfront und leitete dann das Jugendgefängnis im westfälischen Herford. Wie haben Sie den 68er-Generationenkonflikt ausgetragen?

Ich habe diesen Kampf nicht geführt, weil schon meine älteren Brüder damit gescheitert waren. Ich wusste, es hat keinen Sinn. Fragen lösten bei meinem Vater nur Aggressionen aus, zum Teil blanken Hass. Er regte sich wahnsinnig über Willy Brandts Ostpolitik auf – er glaubte, es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Russen vor der Tür stehen. Wir waren ein verrückter Haushalt: Mein älterer Bruder und unser Vater zerfetzten sich und machten kurze Zeit später friedlich Kammermusik. Mein Bruder spielte Cello, mein Vater saß am Klavier.

Sie waren trotz der schwelenden Konflikte eine Hausmusik-Familie?

Mein Vater konnte ohne Musik zu machen nicht existieren und produzierte sich sehr gerne. Er holte auch oft Musiker von der Akademie dazu.

Er rief an: „Bitte zwei Streicher für heute Abend“?

So ungefähr. Er bat die Musiker, den Gefangenen vorzuspielen, er würde sie dann begleiten. Es hatte sich herumgesprochen, dass der Gefängnisdirektor ein sehr guter Pianist war. Mein Vater hatte ein musisches Talent, das er in seinem Beruf nicht loswerden konnte. Uns Kindern hat er alle Dostojewski-Romane vorgelesen. Nur wenn in „Die Brüder Karamasow“ die sinnliche Gruschenka vorkam, wurde ich vor die Tür geschickt.

Andere Ihrer Generation mit einer ähnlichen Kindheit wurden Terroristen. Warum Sie nicht?

Ich glaube, weil ich nie den emotionalen Bezug zu meinen Eltern verloren habe. Es ging autoritär zu, ja, nicht repressiv. Mein Vater war ein unbeherrschter Mann, doch alles andere als kalt. Er konnte ein Kind schlagen und es bald darauf umarmen, wenn es vor Erschütterung den Mund nicht aufbekam. Es gab viel Liebe und Sinn für Schönheit in unserer Familie. Trotzdem bleibt die Beziehung zu ihr eine offene Wunde, die brennt.

Die aktuelle 68er-Debatte entzündet sich daran, dass Karl-Heinz Kurras, der Todesschütze Benno Ohnesorgs, SED-Mitglied und Stasi-Mitarbeiter war. Was dachten Sie, als Sie davon erfuhren?

Ich empfand wieder Wut. Die Sätze von damals hallten in meinem Kopf: „Haare ab und an die Wand! Oder wenigstens ins Arbeitslager!“ Da war die Wut, die Rudi Dutschke auslöste, als er 1967 den Weihnachtsgottesdienst in der Gedächtniskirche störte. Jemand ging mit dem Stock auf ihn los, hätte ihn am liebsten erschlagen. Für die Generation meiner Eltern galt: Das Politische, das Private, auch das Künstlerische – all das durfte sich in keinem Fall mischen. Es mischte sich auch nicht. Mein Vater regte sich über Politik auf der Bühne auf, aber er las gleichzeitig „In schlaflosen Nächten“ von Franz Xaver Kroetz und war ergriffen.

Welche Rolle spielte Ihre Mutter bei all dem?

Sie hat eine unglaubliche Entwicklung durchgemacht. Schon als mein Vater noch lebte, fing sie an, SPD zu wählen. Das war für ihn unvorstellbar. Meine Mutter brachte ihn dazu, dass er nach Israel und Auschwitz reiste.

Was geschah nach dem Tod Ihres Vater 1975?

Sie schrieb ihre jüdischen Schulkameradinnen an, um zu erfahren, wo sie geblieben sind. Sie versuchte sich zu erinnern, wie Juden aus den Häusern getrieben wurden und konnte nicht akzeptieren, dass sie zu den Mitläufern gehörte oder gar zu den Profiteuren von jüdischem Besitz. Sie stand drei Stunden in der Schlange im Regen auf dem Münchner Marienplatz, weil sie die Wehrmacht-Ausstellung sehen wollte. Danach hatte sie einen Magendurchbruch. Als Tochter eines Reichsmilitärgerichtsrats hatte das Militär für sie bis dahin immer noch etwas Rechtmäßiges.

Als Sie mit 25 Jahren auf die Schauspielschule gehen wollten, muss sich Fürchterliches zugetragen haben.

Im Gegenteil, die Augen meines Vater leuchteten.

Wie bitte?

Die Deutschen müssen immer alles in Schubladen stecken. Das ganze Leben ist widersprüchlich!

Haben Ihre Augen auch geleuchtet, als Ihr Sohn Jakob Schauspieler werden wollte?

Das war anders. Er hat zuerst Geschichte und Politik studiert und eine Arbeit über 1968 im Film geschrieben. Ich möchte, dass meine Kinder glücklich sind. Dabei spüre ich, dass die Kinder sich dazu natürlich von den Problemen ihrer Eltern befreien müssen.

Proben Sie mit Ihrem Sohn?

Nein, aber wenn wir uns alle mal sehen, lesen wir manchmal Stücke mit verteilten Rollen. Letzte Weihnachten Ferdinand Bruckner: „Verbrecher“ und „Krankheit der Jugend“. Darüber reden wir dann zwei Tage lang.

Kann die Jugend gegen nichts mehr rebellieren?

Gegen gar nichts mehr. Sie haben ganz andere Probleme: die ökonomischen Zwänge, in denen sie stecken. Die Leistungs- und Konsumgesellschaft hat die Jungen fest im Griff. Vielleicht mündet das irgendwann in einer großen Konsumverweigerung.

Das Männerbild hat sich in der Gesellschaft sehr verändert. Wie erleben Sie das als jemand, der seit den 60er Jahren Männerrollen spielt?

Natürlich merke ich vor allem das Älterwerden. Ich spiele jetzt Väter. Noch lieber würde ich allerdings eine Frau spielen, wie die alte Marlene Dietrich. Ich sehne mich danach, immer purer zu werden. Bei männlichen Rollen ist das nicht so leicht, weil man versucht ist, eine Souveränität zu zeigen, die es vielleicht gar nicht mehr gibt.

Können Sie die Kälte der Vaterfigur Kerber in „Im nächsten Leben“ nachvollziehen?

Ich finde die Figur gar nicht kalt, sondern gehemmt. Es ist viel Liebe zu seiner Tochter da, aber das Transportmittel, die Sprache, ist ihm abhandengekommen. Das wirkt dann kalt.

Sie haben mal gesagt, Sie könnten nicht spielen, ohne Kontakt zu Ihrem inneren Kind aufzunehmen: Spielen heißt Schmerz fressen. Wie meinen Sie das? 

In mir wird immer das unerlöste Kind sein, das sich mit seinen Schmerzen an mich wenden darf. Ich suche nach gesteigerter Durchlässigkeit, das geht übrigens besser über einen fremden Text.

Man muss es sich natürlich auch merken können.

Das Tolle ist doch: Wenn ich Kleist oder Rilke in meinem Kopf speichere, kann mir kein Konzern der Welt dafür Gebühren abverlangen.

Wie kommt das Publikum ins Spiel? In der Rolle des „Faust“ in Hamburg saßen Sie im Zuschauersaal …

Dieser Kunstanspruch, so zu tun, als seien die Zuschauer nicht da – die berühmte vierte Wand –, das fand ich zu anstrengend. Mir ist das nicht genug, sich in Gefühle hineinzusteigern, ohne wirklichen Kontakt aufzunehmen. Man spielt mit anderen und für andere – dass man sich dessen bewusst ist, ist die große humane Verabredung in meinem Beruf. Angefangen habe ich damit bei den Münchner Kammerspielen mit dem großen Koltès-Monolog „Die Nacht in den Wäldern“ …

… da schütten Sie sich gleich zum ersten Satz „Es regnet“ einen Eimer Wasser über den Kopf …

... das habe ich seitdem ungefähr 250 Mal gemacht. Ein Schwuler redet zu einem anderen Schwulen in der Klappe, er adressiert ihn als Kamerad. Doch für mich, im Kopf, ist das Publikum der Kamerad. Früher war ich jemand, der seine Texte gern mit geschlossenen Augen sprach. Meine Frau, das habe ich bei unserem Rilke-Abend erlebt, guckt klar und offen das Publikum an. Ich muss da erst noch hin.

Ist auch die Kamera ein Kamerad?

Ich weiß nicht, da muss ich noch viel lernen, vor allem, wenn ich alleine vor der Kamera stehe. Ich durfte mal drei tolle Tage drehen mit Jan Troell …

… dem schwedischen Regisseur und Kameramann.

In der ersten Einstellung musste ich auf einen Bunker zugehen, mich umgucken und die Bunkertür zumachen. Die Kamera war hinter mir. Wir haben die Szene 13 Mal gedreht, Troell rechtfertigte das mit technischen Problemen. Am Ende sagte er: „Wissen Sie eigentlich, wie schwer es für einen Schauspieler ist, einfach zu gehen, ohne dass man sieht, dass er weiß, da ist eine Kamera?“ Die Kamera liest einen schneller, als man sich selbst lesen kann, sie guckt in die Hirnschalen.

Im Fernsehen haben Sie im Polizeiruf 110 den einarmigen Kommissar Tauber gespielt. In der Schlusseinstellung einer Folge haben Sie sich statt des linken Arms den rechten abgeklemmt. Wollten Sie das Publikum testen?

Das hatte technische Gründe: Meine Partnerin war aus den Händen eines Gewalttäters befreit worden, der sie mit fürchterlichen Werkzeugen zerlegen wollte. Ich sollte ihre Hand nehmen. Für den Bildausschnitt war die Strecke für meinen rechten Arm aber zu lang, daher beschloss ich, die andere Hand zu nehmen. Wir überlegten, ob wir die Kulisse spiegelverkehrt umbauen sollten, aber das hätte zu lange gedauert. Wir sparten es uns, der höheren Wahrheit zuliebe.

Der Einarmige, der Neurotiker in „Angsthasen“, der Nackte im „Schwitzkasten“: Warum spielen Sie so häufig versehrte, angreifbare Menschen?

Weil das ein schöner Ausdruck von Verletzlichkeit ist. Mit einem körperlichen Gebrechen kann man innerlich ein bisschen gröber bleiben und unsentimental reagieren. Wir leben in einer verheuchelten Gesellschaft, die sich nicht zu ihren Affekten bekennt. Da versuche ich manchmal, den Egoismus zu rehabilitieren: Wenn wir ihn demaskieren, kann er nicht mehr so viel Unheil anrichten – immer noch besser als behaupteter Altruismus.

Sie brauchen für Ihren Beruf Ihren Körper. Wie halten Sie ihn fit? 

Ich mache transzendentale Meditation. Früher glaubte ich, es sei schwer, weil man nichts denken darf – aber man muss nur auf Durchzug schalten. Und ich gehe in Zeitlupe die Treppe runter. Das habe ich beim Feldenkrais gelernt.

In Zürich sind Sie in „Der zerbrochne Krug“ nackt im Foyer herumgeturnt. Als die Zuschauer unruhig wurden, fragten Sie: „Habt ihr noch nie einen Schwanz gesehen?“

Wenn ich spiele, funktionieren meine Reflexe halbwegs, das erfordert keinen großen Mut. Es waren Jugendliche, die Mädchen kreischten, niemand konnte den Text verstehen.

Wären Sie gern noch mutiger?

Sollte ich ein nächstes Leben haben, würde ich alles genauso machen, nur mutiger. Ich würde schneller reagieren, wenn sich wieder alles in mir kräuselt. Auch ohne ein passendes Gegenargument parat zu haben.

Sie bewarben sich mit dem Kerker-Monolog von „Richard II“ an der Schauspielschule, im „Experiment“ geht es ums Einsperren und in „In einem anderen Leben“ sperren Sie ein Mädchen in ein Verlies …

Wir sind alle eingesperrt, ich empfinde das so. Da fällt mir eine frühe Erinnerung ein: Mit vier Jahren spielte ich mit Kläuschen von nebenan. Er wollte, dass ich in eine offene Kiste klettere: „Du darfst erst raus, wenn ich es sage.“ Ich saß also in der Kiste, und als mein Vater mich fand und nach Hause bringen wollte, sagte ich: „Nein. Kläuschen hat gesagt, ich darf nicht.“ Mein Vater zog mich raus, und ich war erlöst – für diesen Moment.

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