Sonntagsinterview : ''Diese körnerfressenden Gesundheitsglucken''

Jule Böwe nervt so manches: späte Mütter in Prenzlauer Berg, Keks knurpsende Theaterbesucher und Fragen nach ihrem Alter. Unordnung aber mag sie.

Interview: Stefanie Flamm

Frau Böwe, Sie haben Mitte der neunziger Jahre aufgehört, als Ergotherapeutin zu arbeiten, um sich ganz der Schauspielerei zu widmen. War Ihnen damals klar, dass Sie einen Trendberuf an den Nagel hängten?


Einen Trendberuf? Wieso das denn?

Es gibt in Prenzlauer Berg mittlerweile mehr ergotherapeutische Praxen als Bäckereien, ganz zu schweigen von den zahllosen Physio-, Thalasso-, Wärmetherapeuten, den Akupunkteuren und Homöopathen, die dem neuen Bürgertum seine Wehwehchen kurieren.

Ich weiß schon, worauf Sie hinauswollen, aber ich habe keine Lust auf dieses Schimpfgedöns über den Prenzlauer Berg. Natürlich ist das hier ein bisschen unheimlich geworden. Ein Geburtshaus neben dem anderen, ein Lampenladen, der schicker ist als der andere, ein Klamottenladen, der teuerer ist als der andere. Hier kann man 1000 Euro für einen Kinderwagen ausgeben. Das finde ich auch erschreckend, dass sich die Bewohnerstruktur so dermaßen geändert hat. Und dann gehe ich Samstag auf den Markt, neben mir steht eine Frau in meinem Alter, gutbürgerlich, gepflegt, im achten Monat schwanger – und ich denke: Upps, das bin ja ich. Das vergessen viele, die sich über den Prenzlauer Berg aufregen, dass sie längst dazugehören.

Haben Sie nie darüber nachgedacht, wegzuziehen?

Nach Neukölln, wo die neue Szene jetzt ist? Nein, ich bin hier zu Hause. All meine Freunde leben auch noch hier. Ich wohne noch immer in dem Haus in der Rykestraße, in dem ich Ende der 80er Jahre eine Tür eintrat und eine Wohnung schwarz bezog. Nach der Wende haben die Hausbewohner das Haus gekauft und saniert. Wir haben eine Genossenschaft gegründet, um die Gebäude aus der Spekulationsmasse zu nehmen. Inzwischen haben wir 19 Häuser in Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Ich war eine Zeit lang sogar im Vorstand, habe während der Sanierung Millionenverträge unterzeichnet. Damals hatte ich noch Zeit für so was. Mich wollte ja keine Schauspielschule haben. Mein Problem war: Ich habe immer Rollen vorgesprochen, in denen ich offensichtlich nicht zeigen konnte, was mich ausmacht.

Trotzdem haben Sie es immer wieder versucht. Woher nahmen Sie die Kraft dazu?

Während meiner Ausbildung in Wismar haben wir ein Theaterprojekt gemacht, und da habe ich Blut geleckt. Ich habe eine Lehrerin nachgemacht und 250 Leute haben gelacht. Da dachte ich: Das kann ich. Es wurde mein größter Traum, einmal auf einer großen Bühne von rechts nach links zu gehen, zur Not auch ohne Text.

Ein paar Jahre später waren Sie die Frontfrau in Thomas Ostermeiers Erfolgsinszenierung von „Shoppen und Ficken“ an der Baracke des Deutschen Theaters. Jule Böwe ist das Gesicht der Gegenwart, hieß es. War das eine Genugtuung?

Nee, nee. Gesicht der Gegenwart kam später, das hat irgendwann mal in der „Zeit“ gestanden. Am Anfang hieß es: Wo habt ihr die denn her, ist die euch von der Straße zugelaufen? Auch meine Mutter sagte: Du spielst doch gar nicht, du bist doch wie immer.

Hat Sie das gekränkt?

Überhaupt nicht. Das ist doch gut, wenn man authentisch wirkt, dass die Zuschauer nicht merken, dass ihnen etwas „vorgespielt“ wird.

Authentizität, das Schlagwort der neunziger Jahre. Das junge Theaterpublikum erfreute sich am ganz harten Leben, weil das so echt wirkte. Heute ist das Leben für alle wieder härter geworden, und im Theater laufen vor allem Klassiker. Geht man in Krisenzeiten auf Nummer sicher?

An der Schaubühne machen wir weiterhin viele zeitgenössische Stücke, es ist uns ganz wichtig, das moderne Regietheater zu fördern. Aber, das muss ich mich jetzt trauen zu sagen: Sie schaffen es nicht, mit zeitgenössischen Stücken drei Säle zu füllen. Außerdem sind wir alle älter geworden, wollen mal anders mit Sprache umgehen, einen anderen Blick auf die Wirklichkeit haben. Viele der Schauspieler wollten dann auch mal wieder einen Shakespeare spielen. Der ist ja auch ziemlich hart. Da wird gemordet, geköpft, vergewaltigt.

Sie verkörpern meistens die kaputten, verzweifelten Gestalten, Abhängige, Psychiatrieinsassen, Missbrauchsopfer oder Shakespeares traurige Königin Elisabeth. Denken Sie nie, ich möchte mal glückliche, zufriedene Menschen darstellen?

Das darf ich ja manchmal im Fernsehen oder im Kino. In „Das Schweigen“, einem Thriller nach dem Buch von Jan Costin Wagner, den wir gerade abgedreht haben, spiele ich eine schwangere Polizistin, die nach einem verschollenen Mädchen sucht. Das war für mich völlig neu. Ich musste keine Waffe tragen, nur den Tatort angucken, das habe ich gut hinbekommen. Die Schwangerschaft wird gar nicht thematisiert. Ich habe einfach einen dicken Bauch und komme die Treppen nicht mehr so gut rauf. Das gefällt mir, wenn die Dinge nicht so bieder auserzählt werden. Es gibt nur eine einzige Situation, in der mein Zustand zum Thema wird: Ein Kollege, der sein Privatleben nicht gut im Griff hat, fasst mir ziemlich übergriffig auf den Bauch. Für den personifiziere ich in diesem Moment das absolute Glück.

Brauchen Sie solche Momente als Ausgleich für das ganze Elend, das Sie sonst darstellen?

Na ja, so oft kommt das auch nicht vor. Auch beim Fernsehen oder im Film lande ich meistens beim „Arthouse“, bei den jungen, schwierigen Filmen. Das sind einfach die besten Drehbücher und die spannendsten Sets. Und man muss auch mal sagen, dass ich nicht so richtig fernsehkompatibel bin. Wenn ich um 20 Uhr 15 zu sehen bin, haben die Caster und Regisseure sehr für mich gekämpft.

Was sind die Vorbehalte gegen Sie?

Häufig heißt es, die Böwe ist so „undergroundig“, die kann nichts Lustiges spielen. Oder die hat nicht den Busen, nicht das Gesicht. Im Hörspiel war letztens sogar meine heisere Stimme, die ja eigentlich mein Markenzeichen ist, ein Problem. Eine Hörspielregisseurin, die mit mir arbeiten wollte, sagte: Jule, das hat nichts mit dir persönlich zu tun, aber beim Sender finden sie, dass deine Stimme zu fertig klingt. Dabei klinge ich wegen der Schwangerschaftshormone im Moment überhaupt nicht heiser. Meine Stimme ist so rein wie mein ganzes Leben noch nicht.

Schauen Sie selber viel fern?

Nicht viel, aber ich schaue, um den Kopf freizukriegen, gerne die Schmonzetten um 20 Uhr 15. Da kann man nebenher die Steuer machen, Online-Banking, die Post. Oder seinen Text lernen. Ich spreche dann gegen den Fernseher an. Das geht ganz gut, weil man immer noch mitbekommt, worum es geht. Ist ja alles schön langsam erzählt.

Ist das für Sie als Schauspielerin nicht eine demütigende Vorstellung, dass die Leute vorm Fernsehen sitzen und nebenher ihre Steuer machen?

Ich rede hier von Schmonzetten! Was ich schlimm finde, ist, dass Leute sich im Theater neuerdings benehmen, als säßen sie vor der Glotze. Heute hat ja jeder seine Wasserflasche dabei, weil man modischerweise drei Liter am Tag trinken soll, oder Kekse. Das Geglucker und Geknurpse macht einen wahnsinnig. Oder noch schlimmer: Du sprichst einen Monolog ins Dunkel und ein Handy leuchtet auf, weil jemand gerade eine SMS bekommt. Da kriege ich wirklich Konzentrationsprobleme.

Und wie reagieren Sie?

Bei den SMS rede ich mir in Millisekunden ein: Das war der Babysitter, das musste jetzt sein.

Sind Sie abergläubisch?

Überhaupt nicht. Aber ich habe meine Talismane. In „Das Schweigen“ wollte ich unbedingt eine Kette tragen, weil ich dachte, dass das gut zu einer schwangeren Polizistin passt, dass sie im Beruf etwas ganz Privates dabeihat. Aber Baran Bo Odar, der Regisseur, hat mich einfach nicht gelassen. Er sagte, Polizisten tragen keine Ketten, das ist verboten. Ich habe ihm das einfach nicht geglaubt. Ich gucke doch Tatort, und da haben die Polizisten sehr wohl was am Hals. Jeder Mensch hat etwas, das er nicht ablegt. Die Uhr vom Großvater, die Kette, die die Mutter zum 18. Geburtstag geschenkt hat, einen bestimmten Ohrring, irgendwas.

Was haben Sie?

Na, viel. Da ist zum Beispiel mein Ehering, den mein Freund Böwe vor unserer Hochzeit aus dem Altwarencontainer geklaubt hat. Ende der 80er Jahre war das, wir haben geheiratet, damit ich um die übliche Wartezeit herumkam und nach Berlin ziehen konnte. Wegen des Babys müssen wir uns jetzt leider scheiden lassen. Der schmale silberne Ring hier ist von meinem ersten langjährigen Freund, die Erdbeere an meiner Halskette ist von meinem jetzigen, und dieser andere Ring hier von dem vorigen. Das klingt jetzt etwas blöd nach Trophäensammlung, aber das sind alles Menschen, die in meinem Leben immer noch sehr wichtig sind. Deshalb trage ich sie mit mir herum, auch bei der Arbeit. Mein Ehering gefällt den meisten Regisseuren, weil er so schön altmodisch nach 50er Jahren aussieht. Das hängt aber vom Stück ab. In „Gesäubert“ zum Beispiel …

… dem Stück von Sarah Kane in der Schaubühne, das in der Psychiatrie spielt …

… lege ich alles Private ab. So hat jede Inszenierung ihre Rituale. Das ist mir ganz wichtig. Ich sitze auch in der Garderobe immer auf demselben Platz.

Sind Sie ein Gewohnheitsmensch?

Ja. Rituale geben mir Sicherheit. Außerdem bin ich so ein Suchttyp. Wenn ich nicht schwanger bin, bin ich absoluter Kettenraucher. Das Rauchen hat mein Leben strukturiert. Bevor ich losging, habe ich eine geraucht, nach dem Essen, vor der Vorstellung. Ohne die Schwangerschaft hätte ich mich nie getraut, damit aufzuhören.

Sie schaffen das jetzt?

Das ist ganz einfach. Es geht im Moment nicht darum, ob ich rauchen will oder nicht. Es geht um das Kind. Außerdem habe ich neue Rituale. Ich mache jetzt ein wahnsinniges Gedöns ums Essen. Wenn ich mir den Bauch vollgeschlagen habe, treibe ich ganz viel Sport oder gehe Schwimmen, damit der Blutzuckerspiegel wieder stimmt. So hat jeder seine Tricks, um sein Leben in den Griff zu bekommen. Mein Freund – zum Beispiel – muss immer Ordnung schaffen. Ich werfe eine offene Zahnpastatube ins Waschbecken, er dreht sie zu. Ich lasse einen Pullover fallen und denke, in zehn Minuten ziehe ich den wieder an, und dann ist der weg. Ich frage: Wo ist der Pullover. Er sagt: Im Schrank. Da kann ich dann jedes Mal ausrasten.

Denken Sie an solche Situationen, wenn Sie auf der Bühne oder im Film mal völlig die Nerven verlieren müssen?

Ich bin ein impulsiver Mensch, ich kann mir die Wut nicht für den nächsten Auftritt aufsparen. Ich fange von einem Moment auf den anderen an zu brüllen, aber dann ist es auch wieder gut. Auf der Bühne auszurasten, das ist etwas ganz anderes. Ich weiß nicht genau, wie ich das beschreiben soll. Irgendwann wohnt man in einer Rolle, man hat eine genaue Vorstellung davon, wie sich die Person fühlt – und dann benimmt man sich entsprechend.

Wie bereiten Sie sich vor? Lesen Sie viel?

Das ist ganz komisch. Ich schaffe das nicht, während ich probe, einen Roman zu lesen. Ich brauche meine ganze Fantasie, um mich in meiner Rolle einzurichten. Ich kann abends vor dem Einschlafen keine anderen Bilder im Kopf brauchen. Die Romanvorlage für „Das Schweigen“ habe ich erst nach den Dreharbeiten im Urlaub gelesen, das hätte mich auf dem Set total durcheinandergebracht. Die einzige Ausnahme waren die Proben zu „Drei Schwestern“. Da habe ich den Briefwechsel zwischen Tschechow und Olga Knipper gelesen. Das passte so gut, aber das hatte weniger mit meiner Rolle als Irina zu tun als mit unserer Zeit. Wir haben gerade so eine Tschechow’sche Zeit.

Ja? Wie kommen Sie darauf?

Dieser Stillstand, dieses Gefühl, dass gerade überhaupt nichts weitergeht, ist doch überall präsent. Alle Theater spielen seit ein paar Jahren mit großem Erfolg Tschechow. Und es ist frappierend, wie die Leute sich da wiedererkennen, dass sie während der Vorstellung in Tränen ausbrechen oder hinterher aufgelöst im Foyer stehen. Das passiert sonst sehr selten.

Was berührt die Menschen an diesen melancholischen Stücken? Sie handeln von gut situierten Menschen, die es nicht schaffen, ihrem Leben Sinn zu geben. Heute fürchten die Menschen wohl eher um ihren sozialen Status.

Das glaube ich nicht. Tschechow beschreibt ein Lebensgefühl, das nichts mit der konkreten Angst vorm sozialen Abstieg zu tun hat. Wir sind eine völlig überalterte Gesellschaft, deswegen wollen wir ewig jung sein. Die Menschen leben die Illusion der Tschechow-Figuren, dass sie, wenn sie wirklich wollten, noch einmal ganz von vorne anfangen und alles richtig machen könnten. Gleichzeitig wissen sie, dass der Neuanfang eine Sehnsucht bleiben wird.

Geht Ihnen das auch so?

Ich fühle mich ja immer noch wie 27 und benehme mich auch so. Und das Tolle ist, im Theater kann ich auch noch ganz jung sein. Das ist ein großartiges Privileg. Wenn man in Interviews endlich mal diese Kack-Altersangaben weglassen würde, würde keiner merken, wie alt ich wirklich bin. Ha, ha.

Haben Sie Angst vor dem Altwerden?

Ich sage immer: Nein, ich doch nicht. Und was den Beruf angeht, stimmt das wohl auch. Meine Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahren enorm vergrößert, ich kann jetzt auch richtige Frauenfiguren spielen wie Königin Elisabeth oder Blanche Dubois in „Endstation Sehnsucht“, das ist ganz toll. Aber es gibt Momente, in denen ich mich frage, ob ich nicht viel zu alt bin, um ein Kind zu bekommen.

In Prenzlauer Berg liegen Sie gut im Schnitt.

Hier sind doch fast alle Mütter zu alt. Schauen Sie sich einfach mal diese überängstlichen, körnerfressenden Gesundheitsglucken an, die mit den teuersten Buggys der Welt herumstolzieren. So eine will ich nicht werden. Aber man weiß es ja vorher nie. Vielleicht treffen wir uns zufällig in ein paar Monaten und ich halte Ihnen einen Vortrag über Homöopathie.

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