Sonntagsinterview : „Grauschabenweibchen stehen auf Verlierer“

Liebe auf den ersten Blick, Orgien, Seitensprünge, Flirtversuche: Keiner kennt das Liebesleben der Tiere so gut wie Markus Bennemann.

Anna Kemper
Markus Bennemann.
Markus Bennemann.Foto: Bernd Hartung

Herr Bennemann, wenn Sie für einen Tag der Allmächtige wären: Welchem Tier würden Sie den Sex erleichtern?

Den australischen Breitfuß-Beutelmäusen, die mehr oder weniger direkt nach dem Akt an Magengeschwüren, inneren Blutungen und dem Zusammenbruch des Immunsystems sterben. Da würde ich schon gern was tun, wirklich. Obwohl die ja ihr Vergnügen gehabt haben – eine bis zu drei Wochen währende Orgie mit mehreren Weibchen. Danach ins Gras zu beißen ist vielleicht in Ordnung.

Eine sehr puritanische Sichtweise.

Stimmt. Warten Sie, wahnsinnig kompliziert ist es auch bei den Schmetterlingen. Wenn die im Flug oder auf einem wackeligen Grashalm in medias res gehen wollen, muss alles fest sitzen. Deshalb haben die Männchen mancher Arten optische Sensoren am Geschlechtsteil, Fotorezeptoren, sozusagen Augen am Penis … warum lachen Sie?

Entschuldigung.

Kein Problem. Also, wenn die Fotorezeptoren melden: Jetzt kommt kein Licht mehr durch, dann kann es losgehen. Die Schmetterlinge sind auch ein gutes Beispiel dafür, was Wissenschaftler mit Tieren so alles anstellen. Um herauszufinden, wie orientierungslos die Schmetterlinge ohne diese Äuglein an den Fortpflanzungsorganen beim Sex sind, haben japanische Wissenschaftler sie ausgebrannt oder mit Wimperntusche übermalt. Andere Forscher haben Grillen während der Kopulation in flüssigem Stickstoff schockgefrostet und sie seziert, um sehen zu können, was da passiert.

Woher kommt dieses besondere Interesse am Liebesleben der Tiere?

Das kann ich Ihnen als Geisteswissenschaftler sagen: Tod und Liebe sind eben die großen Themen.

Mit dem Tod haben Sie sich vorher beschäftigt: In Ihrem ersten Buch ging es um Morde im Tierreich.

Damals wollte ich einen Roman schreiben mit naturwissenschaftlichem Hintergrund, über einen Biologieprofessor, der seine Konkurrenten mit Methoden umbringt, die er aus dem Tierreich gelernt hat. Beim Schreiben merkte ich schnell, dass man als Mensch doch ausgefeiltere Methoden hat, jemanden um die Ecke zu bringen. Aber da hatte ich schon diese vielen tollen Tiermorde recherchiert und habe dann eben ein Sachbuch geschrieben. Es hat Spaß gemacht, dem Tierreich einen Kriminaljargon überzustülpen.

Das gab sicher böse Briefe.

Viele haben sich aufgeregt: Tiere sind keine Mörder, das darf man nicht sagen! Vor allem über Marienkäfer und Eichhörnchen kann man nichts Schlimmes schreiben, ohne die Leute zu vergrätzen. Eichhörnchen fressen nun mal Vogelkinder! Ein Anwalt der Eichhörnchen ging sogar so weit, dass er in seinem Garten ein richtiges Büfett aufgebaut hat, mit Trauben, Beeren und Nüssen. Und dazwischen auch Eier und Gehacktes. Das haben die Eichhörnchen natürlich nicht angerührt, es war ihnen zu fremd, aber der Mann fühlte sich durch die Versuchsanordnung in seinem Glauben bestätigt: Eichhörnchen sind Vegetarier.

Sie sind Geisteswissenschaftler. Warum schreiben Sie da Bücher über Tiere?

Als Kind war ich in einem Waldkindergarten, hier in Wiesbaden ist der Wald ja immer um die Ecke. Wir waren bei Wind und Wetter draußen in der Natur. Wenn „Expedition ins Tierreich“ lief, habe ich zu Hause vor dem Fernseher gesessen, als würde heiliges Manna ausgegeben. Heinz Sielmann und Bernhard Grzimek fand ich großartig. Ein Teil meiner Verwandtschaft lebt in Florida, dort begann ich mit dem Tauchen und entdeckte die faszinierende Unterwasserwelt. Die Evolutionstheorie interessierte mich immer – ein genialer Erklärungsansatz, wie alles Leben auf der Welt entstanden ist.

Nun also die Liebe. Aber, Herr Bennemann, warum um alles in der Welt sollte einen das Liebesleben der Tüpfelhyäne, der Kuckuckswelse und der Pantoffelschnecken interessieren?

Weil es, trotz aller Skurrilität und Fremdartigkeit, doch immer wieder Beispiele gibt, die die Tiersexualität ganz in die Nähe unserer eigenen rücken.

Aha. Gibt es im Tierreich Liebe auf den ersten Blick?

Bei den Tiefsee-Anglerfischen. Die schwimmen so tief unten, dass sie eigentlich kaum etwas sehen, aber wenn sie sich einmal gefunden haben, bleiben sie ihr Leben lang zusammen. Das Männchen beißt sich am Weibchen fest und verschmilzt nach und nach mit ihm. Das wäre Liebe auf den ersten Blick, allerdings ehrlich gesagt aus Mangel an Alternativen. Diese Fische finden sich über chemische Duftstoffe, deswegen hat das Männchen auch ungewöhnlich große Nasenlöcher, mit denen er sich durchs Wasser schnüffelt. Wenn im Laufe der Zeit noch ein zweites Männchen vorbeikommt, nimmt das Weibchen das auch noch als Anhängsel auf.

Das kann ja nicht schaden.

Andere Tiere dagegen sind ausgesprochen wählerisch. Wie die Laubenvögel: Da bauen die Männchen verzierte Lauben, die von Forschern anfangs für von Menschen gebaute Kinderhäuschen gehalten wurden. Sie können bauchhoch sein, und geschmückt mit Beeren, Blütenblättern, glänzenden Käferpanzern, manche Vögel legen den Boden mit weichem Moos aus. Die Weibchen gucken sich die Laube in Ruhe an, während das Männchen auch noch einen Tanz aufführt.

Und das Weibchen muss sich gar nicht anstrengen?

Nein, aber dafür muss es den Nachwuchs hinterher in einem eigenen Nest aufziehen. Das Haus ist eine reine Liebeslaube.

So wie die „Playboy-Mansion“ von Hugh Hefner, dem Gründer des Playboy-Magazins.

Daran musste ich auch denken! An diese Bilder von ihm im Bademantel, das ganze neue technische Equipment um ihn herum, Bang-und-Olufsen-Plattenspieler, riesiger Fernseher. Die Bude ist super, aber man weiß, dass sie nur für einen Zweck da ist, und der ist sicher nicht, eine Familie zu gründen.

Schleppen denn die Alphamännchen unweigerlich die besten Weibchen ab?

Meistens, aber es gibt auch Gegenbeispiele. Bei den Grauschaben stehen die Männchen, die von den anderen rumgeschubst werden, ganz hoch im Kurs. Grauschabenweibchen stehen auf Verlierer. Auch wieder eine Parallele zur Menschenwelt, wo man sich als Ehemann ja eher den Braven, Verlässlichen sucht – denn die Siegermännchen gehen einfach zu rau mit den Weibchen um, sie bevorzugen zärtliche Verlierermännchen.

Die Grauschaben, ein Hoffnungsschimmer für alle Loser?

Hart formuliert: ja. Bei den Perugia-Kärpflingen, nahen Verwandten der Guppys, gibt es einen ähnlichen Fall: Bei denen ist klar, die besten Männchen sind die größten und bunten. Wissenschaftler haben mal so einen Football-Captain mit einem Woody-Allen-Kärpfling und einem Weibchen zusammengesetzt und geguckt, was passiert.

Und? Wie ist es ausgegangen?

Der Football-Captain hat gewonnen. Dann haben sie zwei mittelgute Männchen dazugesetzt, sie dachten, die kriegen vielleicht ein bisschen etwas von den Kopulationschancen ab. Man kann genetisch genau untersuchen, von wem der Nachwuchs stammt. Weder das Alpha- noch das Omegamännchen hatte eine Chance, letzteres versteckte sich meistens hinter einer Wasserpflanze. Sondern: die Normalos! Das Alphamännchen war viel zu sehr damit beschäftigt, die Konkurrenten wegzutreiben.

Gibt es Weibchen, die merken, ob ein Männchen einfach nur angibt?

Bei den eben schon angesprochenen Guppys haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Weibchen Angeber durchschauen können. Unter diesen Fischen gibt es eine Mutprobe, wer sich näher an Raubfische rantraut. Normalerweise sind das immer die hübschen, starken Männchen. Die Wissenschaftler haben sich dann folgendes ausgedacht: Sie haben zwei Männchen, ein hübsches und ein weniger auffälligeres, in kleine Plastikbehälter gesetzt und diese Plastikbehälter an einen Raubfisch rangefahren – den Schwächeren allerdings näher an den Raubfisch als den anderen …

… wie gemein!

Der Arme hat wahrscheinlich Todesängste ausgestanden. Danach zeigte sich: Das hübsche Männchen sah zwar immer noch nach einem Teufelskerl aus, aber nachdem das Weibchen gesehen hatte, dass das andere mehr Mut bewiesen hat, bandelte es lieber mit diesem an. Prunkvolles Aussehen ist also nicht alles.

Bei „Nur die Liebe zählt“ bauen Männer Herzen aus Teelichten und werfen Rosenblätter aus Hubschraubern, um Frauen zu beeindrucken. Nerven Tiere mit ähnlichen Imponierstrategien?

Es gibt Fische, die bauen unter Wasser Sandburgen, da zählt nur die Größe. Gegenbeispiel wären Nachtigallmännchen, die wie Minnesänger singen. Wer das schönste Lied hat, bekommt das Weibchen. Es kommt aber nicht nur darauf an, mit dem Gesang auf körperliche Qualitäten zu verweisen, sondern auch auf geistige Fähigkeiten: Die Vögel liefern sich richtige Gesangsduelle, wie Jazz-Improvisationen, wo der eine das Thema des anderen aufgreift. Die Weibchen lernen daraus: Der kann nicht nur zu den Stellen fliegen, wo es Futter gibt, sondern er kann sie sich auch merken. Und er kann flexibel improvisieren, wenn es darum geht, für unsere Kinder zu sorgen.

Aber der Pfau mit seinem Rad ist doch sicher ein reiner Angeber!

Die interessante Frage ist doch: Ist es für den Pfau einfach, dieses Rad zu besitzen? Denn wenn Raubtiere hinter einem her sind, ist ein toller Pfauenschwanz sehr hinderlich. Es kann sehr kostspielig für das Männchen sein, so einen riesigen Schwanz zu haben. Die gängige Theorie ist: Das Männchen zeigt, dass es mit dieser Schwierigkeit fertig wird.

Wie jemand, der in einer gefährlichen Gegend lebt und trotzdem ein dickes Auto fährt.

Das könnte man so sagen.

Bleiben wir beim Balzen. Gibt es so etwas wie „Baby, ich gebe dir einen aus“?

Da wären die Grillen, die die Weibchen während der Paarung aus einer Drüse unter ihrem Flügel trinken lassen. Oder Skorpionsfliegen, die ihren Weibchen Spuckebällchen anbieten müssen, die vom Weibchen während des Aktes verzehrt werden.

Mehrere Millionen Jahre hat das Leben auf der Erde ohne Sex funktioniert. Wieso hat sich die geschlechtliche Fortpflanzung überhaupt durchgesetzt?

Vom evolutionären Standpunkt aus ist Sex vor allem deswegen gut, weil die Gene neu gemischt werden. So kommt es immer zu neuen Kombinationen, die sich als vorteilhaft herausstellen können. Allerdings gibt es Rädertierchen, die kommen seit 80 Millionen Jahren ohne Sex aus, sie klonen sich. Und die haben eine sehr interessante Methode, neue Gene aufzunehmen: Sie zerfallen in ihre Bestandteile und setzen sich dann wieder zusammen. Bei diesem Prozess nehmen sie Gene auf, die zufällig neben ihnen liegen. Sex ist also nicht der einzige Weg, um an neue Gene zu kommen.

Welche Vorteile hat die ungeschlechtliche Fortpflanzung denn?

Sie geht schneller und problemloser. Man gibt sein komplettes Genom weiter, nicht nur die Hälfte. Und man muss nicht erst einen Partner suchen, was – denken Sie an die Tiefsee-Anglerfische! – sehr schwierig sein kann.

Wenn Männchen und Weibchen sich schließlich gefunden haben, gibt es so etwas wie Treue?

Die Albatrosse. Wenn die sich einen Partner gesucht haben, bleiben sie treu. Auf einer Art Tanztee werden die möglichen Partner erst sorgfältig ausgesucht, die Vögel tanzen, es dauertJahre, bis sie sich entschieden haben. Dann bauen sie ein Nest auf einer Insel im Südatlantik, und wenn sie ihr Kind aufziehen, fliegt immer einer auf Futtersuche, kilometerweit, tagelang übers Meer. Ein sehr romantisches Bild: Die Albatrosse fliegen über den blauen Weiten und kommen trotzdem zu dem einen Partner zurück. Wenn der stirbt, suchen sie sich auch nicht so schnell einen anderen. Früher galt die Vogelehe als Musterbeispiel für Monogamie.

Das klingt, als gäbe es Seitensprünge.

Durchaus. Besonders raffiniert gehen Pinguindamen vor. Diese Pinguine bauen Nester aus Steinen, damit die Küken und Eier nicht fortgeschwemmt werden, wenn die Schneeschmelze kommt. Die Pinguindame holt sich von ihrem Liebhaber einen Stein aus dessen Nest, sie lässt sich sozusagen für den Sex bezahlen, um den Nestbau mit ihrem eigenen Mann voranzutreiben. Ich habe da gleich an den Film „Ein unmoralisches Angebot“ gedacht …

… in dem Robert Redford der verheirateten Demi Moore eine Million Dollar für eine Nacht anbietet …

… und da geht es sogar um ein Haus, das sie mit ihrem Ehemann, einem Architekten, bauen will.

Ganz schön berechnend, diese Pinguindamen.

Muss man so sagen. Wissenschaftler haben sich die tollsten Theorien ausgedacht, warum das Weibchen das macht. Bis hin zu der Meinung, dass der Stein für den Nestbau gar nicht so wichtig ist, sondern eher als Entschuldigung für die Abwesenheit dient.

„Schatz, ich war noch kurz was einkaufen.“

So ungefähr.

Herr Bennemann, Isabella Rossellini stellte kürzlich eine Reihe von Kurzfilmen vor, in denen sie verschiedene Szenen aus dem Sexualleben der Tiere darstellt. Die Filme laufen unter dem Titel „Green Porno“. Ist Ihr Buch Pornografie?

Die Filme von Isabella Rossellini sind sehr lustig, die Schnecke spielt sie wirklich ganz ausgezeichnet. Pornografie kann eigentlich nur in der eigenen Spezies ablaufen. Obwohl es schon einen Unterschied macht, ob man Korallen zuschaut, die ihre Keimzellen ins Wasser blasen, oder Bonobos, die noch menschlicher wirken als Schimpansen.

Haben Sie eigentlich nach dem Schreiben gedacht: Romantik, Liebe – alles Humbug, es geht doch nur um die Reproduktion?

Dem romantischen Liebesbegriff ist das Schreiben eines solchen Buches nicht gerade zuträglich. Mir kam der Gedanke: Wir sind Sklaven unserer Gene, die uns benutzen, um sich in der Welt zu verbreiten. Die Frage ist ja: Bin ich jetzt entzaubert von jeder Form der Romantik?

Und?

Trotz aller intellektuellen Gegenargumente: Meine Seele ist zu schlau. Sie lässt sich den Glauben an die Liebe nicht austreiben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar