Sonntagsinterview : „Ground Zero war wie Tauchen im tiefen Meer“

Als er in Berlin die Bilder der einstürzenden Türme sah, wollte er sofort dorthin. Daniel Libeskind über Kommunisten, Naziknochen – und Entwürfe auf Servietten

Herr Libeskind, Ihr Büro liegt im 19. Stock in der Rector Street in Lower Manhattan direkt neben Ground Zero. Was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster schauen?

Ein Stahlgerüst, das schnell wächst, unseren Büroturm bereits um mehr als das Doppelte überragt und schon fast vollständig mit Glas verkleidet ist.

Sie sehen die größte Niederlage Ihres Lebens...

Wieso Niederlage?

Sie haben im Jahr 2003 den Architekturwettbewerb für Ground Zero gewonnen. Doch jetzt baut der international wenig bekannte Architekt David Childs das wohl bedeutendste Gebäude der Gegenwart.

Bei dem Wettbewerb ging es um viel mehr als bloß um die Gestalt eines einzelnen Hochhauses. Ich habe in meinem Masterplan auf 6,5 Hektar eine ganze Stadt entworfen. Die Innenstädte von Denver oder Baltimore passten da hinein.

In Ihrer Autobiografie nannten Sie den Entwurf von Childs für das zentrale Hochhaus einen „riesigen Korkenzieher mit einem Vogel auf dem Dach“.

Auch David Childs musste seinen Entwurf meinem Masterplan anpassen. Ich habe zum Beispiel durchgesetzt, dass das Hochhaus 1776 Fuß hoch wird, 1776 ist das Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Ich vergleiche einen Masterplan immer mit einem Baum: Die Gebäude sind die Blätter, aber es ist die Struktur, die das Ganze am Leben hält.

Ihr Entwurf sieht fünf Hochhäuser vor, die in einem Halbkreis um eine Gedenkstätte angeordnet sind. Das Ensemble soll an die Fackel der Freiheitsstatue erinnern…

… die Freiheitsstatue hat mich beeindruckt, als ich 1959 als 13-Jähriger mit meinen Eltern aus Polen nach Amerika emigrierte und mit dem Schiff hier im Hafen eintraf.

In New York hat man gelästert, Sie seien „besessen von der Freiheitsstatue“. Mit Architektur habe das nichts mehr zu tun. Es sei eine „persönliche Marotte“.

Alles ist persönlich. Glauben Sie niemandem, der sagt, irgendetwas sei unpersönlich. Man kann nichts, das man macht, von seiner eigenen Person trennen, und wenn man es tut, tut man es zu einem hohen Preis. Es wird etwas Entfremdetes.

Ihre wichtigsten Gebäude sind das Jüdische Museum in Berlin, das Kriegsmuseum in Manchester und der Masterplan für Ground Zero. Sie scheinen spezialisiert darauf, dem Leid einen Ausdruck zu verleihen. Sie machen Opferarchitektur.

Außenstehenden erscheint es vielleicht befremdlich, aber ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der jeder, den ich kannte, dem Tod begegnet war. Lodz, in Polen, wo ich geboren bin, war einmal eine Stadt mit hunderttausenden Juden. In den Nachkriegsjahren waren nur noch ein paar hundert übrig. Wir nannten zum Beispiel unsere Freunde und Nachbarn Tanten und Onkel, einfach weil wir keine eigenen Verwandten mehr hatten. Ich musste nie nachlesen oder recherchieren, was in einem Krieg passiert. Architektur kann das erfahrbar machen.

Am Mahnmal für das World Trade Center sind die Grundrisse der beiden eingestürzten Türme zu zwei quadratischen Wasserbassins ausgehoben: den so genannten Memorial Pools.

Man spürt dort die Aura des Ortes, die mich zutiefst berührte, als ich kurz nach der Katastrophe in der Grube war.

Sie waren in den Trümmern?

Nein, die waren bereits weggeräumt. Wir standen mit den sieben Finalisten des Wettbewerbs am Fenster von Liberty Plaza, einem Hochhaus, das Ground Zero überblickt. Es war einer dieser grauen Tage. Es war kalt und regnete in Strömen. Wir schauten in die Grube. Einer fragte, ob jemand runtergehen wolle? Alle sagten, nein, weil man von oben ja alles sehen konnte. Ich weiß nicht, was mich ritt, doch ich wollte in das Loch. Meine Frau und ich bekamen Gummistiefel, Regenschirme. Es ging 20 Meter runter, und meine Perspektive auf die Anschläge änderte sich schlagartig. Wir waren dort unten plötzlich nicht mehr in New York, sondern in einer anderen Welt. Es fühlte sich an wie Tauchen, wie in der Tiefe des Meeres zu sein. Die Geräusche der Stadt verschwanden. Ich spürte dort unten, ganz allein, den intimen Moment der Tragödie.

Sagten Sie nicht, dass Ihre Frau dabei war?

Doch, aber wir beide sind wie siamesische Zwillinge. Ich hatte sofort eine klare Vorstellung, wie alles aussehen musste. Wir hatten schon angefangen zu entwerfen. Es war schon sehr spät in Deutschland, aber ich nahm das Mobiltelefon meiner Frau und rief sofort im Berliner Büro an: „Wir sind auf dem falschen Weg. Vergesst den ganzen Entwurf.“

Was war falsch?

Der alte Entwurf war nicht in dem Sinne falsch, er war einfach: gar nichts.

Sie entscheiden offenbar häufiger spontan.

Ja, seltsam. Ich stolpere über etwas und weiß, was zu tun ist.

Sie schreiben in Ihrer Biografie, dass Sie sich 1989 auf einer Verkehrsinsel in der Berliner Holtzendorffstraße plötzlich entschieden, mit Frau und Kindern nach Berlin zu ziehen.

Was ist daran ungewöhnlich? Menschen begreifen das Leben nicht schleichend, sondern in wenigen, hellen Momenten kommen sie zu Erkenntnissen über die Liebe, Freundschaften oder den Tod. Inmitten der Holtzendorffstraße wurde mir klar, dass das Jüdische Museum nie gebaut würde, wenn wir nicht in der Stadt blieben, um dafür zu kämpfen.

Es wurden 13 Jahre.

Eine bewegte Zeit. Ich erinnere mich, dass ich im September 1989 mit einem bekannten Historiker gesprochen habe, dessen Name ich hier höflicherweise verschweige, der sagte: Diese Mauer wird zu unserer Zeit nicht mehr verschwinden.

Sie sagten einmal, Sie fühlten sich in Deutschland immer angespannt.

Ich sah überall Menschen, die an Verbrechen beteiligt gewesen waren. Besonders die Älteren verband ich mit dem Holocaust. Mein Vater weigerte sich deshalb lange, uns zu besuchen. Als er schließlich doch kam, sagte er stolz: Ich stehe jetzt hier, und unter mir liegen die verrotteten Knochen aller Nazis, die versucht haben, uns umzubringen.

In all den Jahren in Berlin sollen Sie kein Wort Deutsch gesprochen haben.

Das stimmt nicht ganz. Ich benutzte die Sprache nur privat. Zu Beginn verband ich die Sprache immer mit der deutschen Geschichte, aber bald habe ich gemerkt, dass die jungen Leute viel aufmerksamer waren als die alten. Man konnte sie nicht für die Verbrechen ihrer Großeltern haftbar machen.

Woran machten Sie das fest?

Wir haben in unserem Büro sehr eng mit jungen Deutschen zusammengearbeitet. Und einmal besuchte ich mit einem Mitarbeiter Sachsenhausen. Er sagte plötzlich: „Mein Vater hat wahrscheinlich da oben im Saal getanzt.“ Bis dahin hatte ich ihn nie mit der Geschichte in Verbindung gebracht! Ich habe ihn fast wie einen Verwandten betrachtet. Da habe ich erkannt, dass auch ich mich verändert hatte, indem ich nämlich fähig war, eine Person von der Geschichte seines Landes zu trennen. Ich bin in Berlin ein neuer Mensch geworden.

Sie sagten trotzdem, dass Berlin niemals Ihre Heimat werden würde.

Vielleicht ist kein Ort meine Heimat. Wir Menschen sind nicht allzu lange Zeit in dieser Welt. Wir sollten uns daran gewöhnen, dass sie mehr wie ein Hotel ist als wie ein Zuhause. Wir alle sind Durchreisende. Kulturell fühlte ich mich nie fremd in Berlin. Vorfahren meiner Mutter waren Rabbiner in Hamburg.

Nach dem Krieg hatte Ihre Mutter in Lodz eine eigene Näherei für Miederwaren.

Ein bisschen ähnelten ihre Arbeitsabläufe denen in der Architektur: Man muss sich das Material kaufen, Formen schätzen, das Entworfene überprüfen, schließlich muss es passen und lange halten.

Der Beruf Ihrer Mutter schulte also schon früh Ihren Sinn für Proportionen und Volumina.

Besonders prägte es mich, in einem kleinen Geschäft aufzuwachsen, es war eher ein Verhau mit einer Nähmaschine darin. Meiner Erinnerung nach waren ständig Polizisten da, die ihre Konten überprüften, als hätte sie Gold gestohlen. Die kommunistische Regierung wollte keine Leute, die in der Lage waren, sich selbst zu versorgen. Wenn man als Junge in so einem Geschäft herumhängt, erfährt man etwas über den menschlichen Willen, Widerstand gegen Autoritäten und darüber, was man mit Hartnäckigkeit erreicht. Was deine Eltern dir mitgeben, ist nicht verbal. Eltern unterrichten dich nicht, sie zeigen dir ihre Haltung.

Haben Sie Ihren Kindern eine Haltung mitgegeben?

Ich hoffe. Ich glaube, dass sie gelernt haben, dass es wichtig ist, Risiken einzugehen. Man darf in seinem Leben nicht nur auf Erfolg spekulieren.

Das Jüdische Museum war Ihr erstes Projekt, das auch gebaut worden ist. Bei seiner Eröffnung waren Sie über 50 Jahre alt. Wurden Sie zwischendurch nie nervös, weil kein Entwurf realisiert wurde?

Nein, ich war lange Professor und habe mich auch in dieser Zeit als Architekt gesehen. Natürlich trug ich auf einmal eine ganz andere Verantwortung.

Sie mussten ein Büro anmieten, Mitarbeiter einstellen, Computerprogramme erlernen...

Ich arbeite bis heute nie am Computer. Ich zeichne meine Entwürfe auf Servietten, Bordkarten, was ich zur Hand habe, wenn mir plötzlich etwas einfällt. Dabei geht es um die direkte Verbindung von Hand, Auge und Gehirn – und darum, dass diese Verbindung nicht mechanisch ist, sondern intuitiv.

Mittlerweile stehen auf Ihrer Homepage unzählige Projekte: ein Hochhaus in Warschau, ein Museum in Mailand, ein Shopping-Komplex in Düsseldorf. Sind Sie angepasster geworden?

Nein, ich habe nicht ein einziges Haus gebaut, das nicht umstritten war. Dabei lege ich es gar nicht darauf an. Ich sehe andere Architekten und beneide ihr Glück. Sie tun etwas, und die Leute sagen: sehr hübsch.

Aber in einem Punkt benehmen Sie sich sehr konform: Sie tragen, wie auch heute, immer Schwarz. Warum tun Architekten das?

Vielleicht, weil Schwarz das Gegenteil von Mode ist. Es sieht immer gut aus.

Eine unserer Kolleginnen hat vor 22 Jahren ein Interview mit Ihnen gemacht. Auf dem Foto, das wir Ihnen mitgebracht haben, tragen Sie ein weites, helles Sakko über einem gestreiften Hemd, eine runde Intellektuellenbrille, gelocktes Haar und Denkerpose.

Oh mein Gott. Meine Tochter würde sagen, das sieht cool aus. Besser als jetzt.

Wann entschieden Sie, nur noch Schwarz zu tragen?

Ich glaube nicht, dass es im Leben darum geht, diese Art von Entscheidungen zu treffen. Das ist zu kalkuliert. Wahrscheinlich bin ich nur in eine Gewohnheit gefallen. Aber ich erzähle Ihnen was: Anfang Juni waren wir zum Staatsbankett im Weißen Haus eingeladen, als Barack Obama Angela Merkel die Friedensmedaille verlieh. Meine Frau sagte: „Du kannst nicht im schwarzen T-Shirt gehen.“ Sie weigere sich, mitzugehen, wenn ich meine übliche Uniform trüge. Ich kaufte also mein erstes weißes Hemd in 41 Jahren.

Ihre Frau hat großen Einfluss auf Sie.

Ich brauche meine Frau immer. Als der Kampf um das Jüdische Museum begann, der über zehn Jahre dauern sollte, sagte sie zu mir: Bleib’ ruhig, steigere dich da nicht rein. Ich las ja immer alles, was über unsere Arbeit geschrieben wurde, war sehr nervös und wollte jeden Tag wieder meine Koffer packen, weil ich dachte, das wird nie was.

Sie nennen Ihre Frau „Chief Operating Officer“.

Ja, aber sie ist mehr – das, was die Leute im New Yorker Büro „The Big Boss“ nennen. Sie kümmert sich um die Finanzen und stellt Mitarbeiter ein.

Sie sind inzwischen eine riesige Firma mit 70 Angestellten in New York und weiteren Büros in der ganzen Welt. Aber es heißt, Ihre Frau lese keine Lebensläufe und schaue den Bewerbern bloß in die Augen.

Und sie liegt bemerkenswert oft richtig. Fast zu 99 Prozent. Sie weiß schnell, ob jemand gut ist oder nicht. Zur Architektur kann man von jedem Hintergrund her kommen. Es ist eine humanistische Kunst. Unsere Geschäftsführerin, Carla, hat einen Abschluss in Literatur.

Sie selbst haben Architektur studiert, in New York…

… ja, damals wurde das World Trade Center gerade gebaut. Wir Studenten sind häufig zur Baustelle gegangen. Später war ich oft dort, weil mein Schwager bei der Hafenbehörde arbeitet und im World Trade Center sein Büro hatte. Als wir ihn einmal besuchten, lief mein Sohn Noam, der damals sechs war, in einen Aufzug, und die Tür schloss sich hinter ihm. Da fiel mir auf, dass das World Trade Center nicht ein Gebäude war, sondern eine ganze Stadt mit tausenden Menschen. Wie sollten wir dort jemals einen Jungen wiederfinden? Zum Glück war er in der Skylobby, der 89. Etage, ausgestiegen. Dort stand er bei einem Polizisten.

Als das Gebäude einstürzte, am 11. September 2001, waren Sie in Berlin: Das Jüdische Museum hatte den ersten Tag für Besucher geöffnet.

Ich erinnere mich, dass ich morgens mit einem Hochgefühl ins Büro ging. Ich dachte: „Jetzt muss ich nicht mehr über die Vergangenheit der Juden in Deutschland nachdenken. Das Gebäude ist fertig, die Leute können sich ihr eigenes Bild machen.“ Gegen halb drei rief uns ein portugiesischer Praktikant zu seinem Computer: „Guckt, was in New York passiert.“ Prompt haben sie das Museum wieder geschlossen. Es hatte drei Tage zu.

Haben Sie bei dem Anschlag Verwandte oder Freunde verloren?

Zum Glück nicht. Alle meine New Yorker Verwandten waren am Wochenende zuvor in Berlin gewesen, denn unsere Tochter feierte ihre Bat Mitzwa in der Jüdischen Synagoge in der Oranienburger Straße. Meine Verwandten saßen schon im Flugzeug zurück, konnten aber in New York nicht landen, und die Flugzeuge kehrten um nach Berlin. Als ich die Bilder von den einstürzenden Türmen sah, habe ich gesagt: „Ich verlasse Berlin und gehe nach New York.“ Ich wollte unbedingt dorthin, obwohl ich keine Ahnung hatte, was genau ich dort tun könnte.

Der Horror scheint sie anzuziehen.

Das war es nicht. Es hatte auch nichts mit Architektur zu tun, ich hatte das Bedürfnis, das Schicksal dieser Leute zu teilen.

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