Sonntagsinterview : „Ich bin halt ein Popschwein“

Seine Öko-Eltern trieben ihn in die Fernsehsucht, zu Fastfood, an den Plattenspieler. Hier verrät Jan Delay den besten Tanzsong der Welt – und was ein Mann mit Stil trägt.

Interview: Esther Kogelboom Ulf Lippitz
Jan Delay
Jan Delay -Foto: ddp

Herr Eißfeldt, spüren Sie eigentlich, wenn Ihre Nachbarn Sie beim Tanzen beobachten?



Bei mir gegenüber wohnen alte Spießer, die haben sicher schon alles Mögliche gesehen, seit ich vor vier Jahren eingezogen bin – bis hin zu frei liegenden Geschlechtsteilen, männlich wie weiblich.

Sie tanzen auch, wenn Sie allein sind?

Klar, beim Aufwischen und Abwaschen.

Jetzt haben Sie bereits Ihr zweites Soul-Album aufgenommen.


Zu dieser Musik habe ich mich schon als kleiner Junge gerne bewegt. Meine Eltern hatten den ganzen Schrank voll mit Northern Soul: Wilson Pickett, Otis Redding und Percy Sledge … großartige Leute.

Der Titel „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ weckt Erinnerungen an einen früheren Berliner Fernbahnhof. Wie kommen Sie als eingefleischter Hamburger denn darauf?

Berlin gefällt mir. Ich bin echt gerne in Moabit, Wedding und Kreuzberg. Was ich nicht mag, ist diese Zeitgeist-Kacke. Wenn irgendwelche Leute aus irgendwelchen Dörfern nach Mitte ziehen und denken, sie sind jetzt in der neuen Welt angekommen.

Aber es kann doch nicht jeder dort bleiben, wo er geboren wurde.

Gut, man muss sich aufmachen und andere Orte entdecken. Es nervt mich bloß, wenn Menschen aus der Provinz sich über die große Klappe der Berliner beschweren oder dass es keinen Cappuccino gibt, der mit ihrer Laktose-Intoleranz harmoniert.

Hip-Hop langweilt Sie inzwischen genauso wie Berlin-Mitte?


Ausschließlich Hip-Hop machen ist mir zu langweilig, ja. Wenn du beim Hip-Hop einen bestimmten Sound haben willst, nimmst du ihn dir einfach und loopst ihn. Doch jetzt habe ich eine richtige Band, der ich sagen kann: Spielt mal dieses und jenes, aber es soll bitte klingen wie ’ne QuincyJones-Produktion – und die können das tatsächlich, sowohl im Studio als auch auf der Bühne. Wenn du diese Musik schon immer liebst und die Musiker sind auch noch so geile Typen, mit denen du sogar in Urlaub fahren würdest: Das ist das Tollste, was es gibt.

Angeblich hatten Sie Ihren Soul-Schlüsselmoment auf den Seychellen.


Ja, ich lief mit den Commodores im Ohr eine Straße entlang, ich war von „Bambule“ ausgelaugt, die Sonne schien. Da wusste ich: Ich will fortan Soul spielen.

Worin besteht für Sie auf der Bühne rein physisch der Unterschied zwischen Hip-Hop, wie Sie ihn früher gemacht haben, und Soul?


Im Prinzip unterscheidet es sich nicht groß. Vielleicht bewege ich mich beim Rap etwas hölzerner und grobkantiger. Beim Soul ist Swing drin, man groovt mehr. Letzten Endes geht es aber bei beidem ums Schwitzen und Tanzen. Selbst wenn ich vor einer Show krass gegessen habe – danach könnte ich schon wieder. Ich hab dann unglaublichen Hunger.

Ihre Konzerte ähneln großen Kindergeburtstagen. Sie spielen mit dem Publikum Stopptanzen.


Für die kommende Tour haben wir uns das nächste Level überlegt: Erst freezen wir, dann verlangsamen wir den Sound und alle müssen in Zeitlupe weitertanzen.

Und im Club – was muss passieren, damit Sie auf die Tanzfläche gehen?


Der Pegel muss stimmen. Oder nein, der Song. Sagen wir so: Ab einem bestimmten Pegel ist der Song egal.

Survivor mit „Eye of the Tiger“?


Warum nicht.

Matthias Reim mit „Verdammt, ich lieb’ Dich“?


Ist doch schöne Musik. Nicht umsonst haben das alle im Kopf. Na gut, wen ich wirklich hasse, ist zum Beispiel Pink. Das ist Bon-Jovi-Musik für heute, ganz schlimm.

Legen Sie auch los, wenn außer Ihnen nur Trockeneisnebel auf der Tanzfläche ist?


Natürlich. Da bin ich ein eiskalter Profi. Danach ist die Tanzfläche voll.

Gehen Sie zum DJ und wünschen sich ein Lied?


Oh, ich weiß, dass das derbe nervt. Ist auch immer mein erster Satz, wenn ich an die Kanzel komme: Sorry, ich weiß selber, wie scheiße das ist, aber hast du nicht Lust, dieses und jenes mal zu spielen?

Können Schwule besser tanzen als Heteros?


Schwule können vieles eindeutig besser, aber bestimmt nicht tanzen. Früher wurde ich ja selbst oft für schwul gehalten, weil ich nicht so hart rappte und nicht so viel Graffiti gemalt habe. Also gab ich mir Mühe, auf keinen Fall den Verdacht aufkommen zu lassen, meine Musik könnte schwul klingen. Heute ist mir das egal. Wenn Lady Bitch Ray meint, ich sei schwul, dann sage ich: Wenn alle Frauen so wären wie sie, dann wäre ich sehr gerne schwul.

Mögen Frauen es, wenn sie angetanzt werden?


Kommt drauf an. Wenn man berühmt ist, wahrscheinlich schon. Mache ich aber nicht, ich bin viel zu schüchtern. Aber ich schäme mich manchmal für meine Bandkollegen, wenn die morgens um fünf einen Silberblick bekommen und jedes Mädchen stumpf antanzen.

Die Tanzbewegungen der Frauen haben sich in den vergangenen zehn Jahren radikalisiert. Was machen Sie, wenn sich eine Frau Ihnen auf eindeutige Weise nähert?


Ich gucke mir das gerne an, solange es sich nicht um eine mit Hüftgold und Arschgeweih bestückte, wasserstoffblonde Mandy handelt. Auch bin ich meist etwas peinlich berührt, weil es so würdelos ist. Alkohol nimmt vielen jungen Mädchen die Würde. Die schnallen in dem Moment nicht, dass nicht nur ich zusehe, sondern auch hundert andere, die sie vielleicht am nächsten Morgen beim Brötchenholen treffen. Ich denke manchmal: Mensch, geh’ doch lieber wieder auf den Ponyhof und mach dein Zeug da zu Ende.

Was sind die drei besten Songs zum Tanzen?


„Diddy“ von Puff Daddy und den Neptunes, „Neutron Dance“ von den Pointer Sisters – und natürlich „Wanna be startin‘ something“ von Michael Jackson. Das ist für mich der perfekte Tanzsong.

Im Radio bei „1Live“ haben Sie kürzlich gesagt, Sie wünschten sich, dass bis zum Jahr 2020 nur noch Michael Jackson gespielt wird.

Na ja, das war auch eine ganz schlimme Situation. Als er gestorben ist, habe ich gerade live meine Sendung gemacht. Ich war es, der offiziell Michael Jacksons Tod verkünden musste. Dann hab ich nur noch Michael-Songs gespielt, als Erstes „Heal the world“ – der Titel war komischerweise sowieso auf meiner Playlist für diese Nacht, schon bevor ich wusste, dass er tot ist.

In Interviews gab Jackson zu, dass er gerne mit kleinen Jungs in einem Bett schläft. Stört Sie der Gedanke daran beim Feiern seiner Musik?

Bei den Interviews habe ich immer gedacht: Warum ist da eigentlich niemand dabei, der ihn daran hindert, sich so dermaßen um Kopf und Kragen zu reden? Ich sehe das so: Wenn er sich wirklich etwas zuschulden hätte kommen lassen, hätte er nicht so freimütig vor der Kamera darüber geredet. Der Mann ist doch auf dem Niveau eines Zwölfjährigen stehen geblieben. In dem Alter habe ich auch meine Eltern gefragt, ob ich bei Freunden übernachten darf, und wir haben uns vielleicht unsere Penisse angeguckt.

Sie kommen, im Gegensatz zu Michael Jackson, aus einem liberalen Elternhaus.


Meine Eltern waren Künstler, ich war im Kinderladen und so, aber ich habe keine antiautoritäre Erziehung genossen. Sie waren strenge Hippies. Ich durfte nicht fernsehen, und es gab keine Cola. Auch Ökos können Spießer sein.

Der „Spiegel“-Redakteur Jan Fleischhauer hat in seinem Buch „Unter Linken“ beschrieben, wie er „aus Versehen konservativ wurde“. Erkennen Sie sich wieder?


Ein bisschen schon, ja. Als ich ein kleiner Junge war, stellte ich mich vor meine Mutter hin und sagte: „Ich will Börsenmakler werden. Das mit dem vielen Gemüse und dem Kamillentee halte ich nicht aus.“ Zwischen 16 und 17 hatte ich eine exzessive McDonald’s-Phase, aus Protest. Die wurde dann vom exzessiven Fernsehen abgelöst, damit habe ich eigentlich vor einem Jahr erst aufgehört, weil nur noch Schrott kommt – auf MTV läuft „Room Raiders“, wo sie mit einem Schwarzlichtgerät gucken, ob Wichsflecken in deinem Bett sind. Früher kam das BKA, heute MTV. Nee, mit dem Alter bekomme ich mit, dass ich immer konservativer werde.

Woran merken Sie das? Daran, dass Sie sich eine Eigentumswohnung gekauft haben? 


Man versucht, sich abzusichern, und plant seine Zukunft. Man mäßigt sich ganz allgemein. Das tun doch im Alter alle, außer vielleicht Klaus Kinski. Hip-Hopper werden mich verstehen, bei denen ist der Konservatismus extrem weit verbreitet: Früher musstest du dich rechtfertigen, wenn du in den Charts warst, heute musst du dich rechtfertigen, wenn du es nicht bist. Oder damals, als ich „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ von Nena gecovert habe … Das war fast schon ein Tabubruch. Da versteht so ein Hip-Hopper keinen Spaß. Mir fällt noch was ein: Ich kann nicht mehr drei Tage hintereinander saufen. Aber das hat wohl weniger mit Konservativismus zu tun als mit körperlichem Verfall.

Wie schreiten Sie dem entgegen?


Ich gehe zweimal die Woche ins Fitnessstudio. Erst Laufband, dann Geräte. Das tue ich nicht nur für mich, an mir hängt ja mittlerweile ein ganzes Unternehmen. Wenn ich das nicht schaffe, jogge ich um die Alster – das ist die schönste Joggingstrecke der Welt. Es ist sogar derbe, wenn morgens Eis auf der Alster ist, sogar wenn es regnet oder im Hochsommer.

Hören Sie dabei Musik?


Ja. Immer andere, das muss man spannend gestalten. Public Enemy, Marvin Gaye, dann Udo oder Otto Waalkes. Ich kenne viele Leute, die joggen langweilig finden. Tipp: Die sollen einfach mal die Musik wechseln!

Peter Fox hat gesagt, ihm kämen die besten Ideen beim Fahrradfahren. Dann müsse er bloß noch auf den Rhythmus des Trampelns texten.


Ich hab auch beim Laufen die besten Ideen für Arrangements. Einmal bin ich auf dem Laufband auf die Lösung eines Problems gekommen, über das ich mir drei Tage lang den Kopf zerbrochen hatte. Die Idee war plötzlich glasklar vor mir, ich musste nur noch zugreifen. Wirklich: Das Laufband ist meine Inspiration.

Sind Sie beim Training auf „Ich sag sie wollen es fresh, und so richtig funky / Ey das mach ich doch mit links, wie Ypsilanti“ gekommen oder haben Sie ins Reimlexikon geschaut?


Leute! Ein MC mit Reimlexikon – das ist ungefähr so schlecht wie ein Journalist mit Wikipedia.

Auf der Bühne tragen Sie Anzüge, jetzt sitzen Sie in Jeans und T-Shirt vor uns. Was ist besser?


Was ich gerade trage, ist natürlich bequemer. Mit einem Anzug würde ich anders sitzen, weil er mich in Form bringt – das ist ein geiles Gefühl. Ich bin dann darauf bedacht, dass er keine Flecken bekommt. Gestern beim Videodreh habe ich mich in den Rathenauhallen gegen eine Wand gelehnt – und schon war der teure „Herr von Eden“-Smoking ruiniert. Industriestaub kriegt man nie wieder raus.

Wenn Sie alte Fotos von sich anschauen: Woran erkennen Sie erste Zeichen von Stilkompetenz?

Früher hatte ich nicht so coole Sachen, weil ich kein Geld hatte.

Guter Stil ist eine Geldfrage?


Jein. Ich könnte mir halt nicht die Sachen kaufen, die zusammenpassen. Wenn ich als Teenager Ami-Rapper gesehen habe, bei denen die Turnschuhfarbe zu der Farbe des Basecaps passte, fand ich das beeindruckend. Ich bin dann mit Rainbow Tours, also mit dem Reisebus, für 30 Mark nach London oder Amsterdam gefahren, um dort Turnschuhe zu kaufen – ich hab die Impulse der Zeit immer ganz gut aufgesaugt.

Erzählen Sie bitte von Ihrem gewagtesten Outfit.


Als Zehnjähriger bin ich in einem Leoparden-Muskel-Shirt mit Netzhemd und Buttons rumgelaufen. Auf dem Kopf hatte ich eine Schiebermütze, aus der vorne die Haare rausguckten. Die passende Karottenjeans war aufgekrempelt, damit man die Seglerschuhe besser sehen konnte.

Was empfinden Sie heute als modisch vollkommen indiskutabel? 


Das Label Ed Hardy, weil es nach Stefan Effenberg aussieht. Diese Kleidung sagt mit ihren aufgemalten Tattoos: Hallo, ich habe nichts im Kopf, bin komplett geschmacksbefreit und trage das, was alle Spacken um mich herum tragen.

Das mit den Hüten haben Sie sich von Justin Timberlake abgeschaut?


Moment mal, nein. Er trägt seine H&M-Hüte mit der Krempe vorne runter. Ich trage Rudeboy-Hüte, sogenannte Pork Pies, die sehen ganz anders aus. Ach, früher fand ich Justin geil, als er noch bei N’Sync gesungen hat – ich bin halt auch nur ein Popschwein. Aber mittlerweile boykottiere ich den Mann. Ich meine, er hat Prince heruntergemacht! Der hat in Anspielung auf Justins Hit „Sexyback“ gesagt:  „Sexy never left.“ Und daraufhin hat Justin eine Strophe geschrieben, in der er Prince anmacht, weil er die letzten zehn Jahre nicht in den Charts war. Das geht wirklich nicht.

Herr Eißfeldt, gibt es etwas, wovon Sie heimlich träumen?


Ja. Von einem Riesenauftritt bei „Wetten, dass ...?“. Da will ich hin, das ist das Ziel. Hallo Omi, hier ist mein Song!

Haben Sie sich schon Gedanken darüber gemacht, wie Ihr Auftritt aussehen könnte?


Ich würde eine Punkrockshow abliefern, so wie Harald Schmidt, als er im silberfarbenen Ganzkörperkondom auf Rollschuhen ins Studio fuhr. Dazu das geilste Bühnenbild überhaupt – beim ZDF gibt es ja noch von der deutschen Regierung angestellte Bühnenbauer. Was für eine grandiose Verschwendung! Außerdem würden Helmut Kohl und Dieter Thomas Heck vorkommen. Mehr kann ich an dieser Stelle leider noch nicht verraten.

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