Sonntagsinterview : „Ich hasse Eislaufmütter“

Rolf Töpperwien stand 37 Jahre lang in den Fußballstadien an der Außenlinie. Hier erzählt er, warum er gern Listen führt und was er an Fidel Castro schätzt

Interview: Andreas Austilat
Rolf Töpperwien.
Rolf Töpperwien.Foto: ZDF

Herr Töpperwien, stimmt es, dass Sie es waren, der die meisten Gäste ins ZDF-Sportstudio gelotst hat? Kaum ein anderer soll so gute Kontakte haben.

Ich würde sogar sagen: niemand sonst. In den letzten 20 Jahren habe ich vielleicht ein Drittel der Gäste rangeholt. Meine Vorgesetzten, die sind für den offiziellen Weg, E-Mail an den Pressechef eines Vereins, aber wenn da keine Antwort kommt, dann sage ich halt, ich habe von dem und dem die Nummer, soll ich den mal anrufen?

Ihr Telefonbuch ist legendär. Können Sie uns drei Namen daraus nennen, bei denen wir staunen?

Die Handynummer von Otto Rehhagel, die haben in Deutschland keine fünf Journalisten. Oder Beckenbauer, Klinsmann, Ballack, aber auch die von Bundespräsident Wulff, den kenne ich vom Niedersachsenstammtisch in Wiesbaden.

Auch Ihr Zahlengedächtnis ist berühmt.

Ich habe nicht alles im Kopf. Aber ich habe für jedes Jahr beim ZDF einen Notizzettel. 36 insgesamt. Mithilfe dieser Zettel könnte ich alle 1439 Spiele rekonstruieren, die ich bisher begleitet habe.

Mal sehen, wie gut Ihr Gedächtnis wirklich ist: Was ist am 20. Mai 2007 passiert?

Das wird ein letzter Spieltag gewesen sein.

Falsch, am 20. Mai 2007 haben Sie Ihre letzte Hitparade angelegt.

Oh, stimmt. Ja, ich habe auch Hitparadenbücher geführt. Begonnen habe ich 1963 mit den Bundesligaspielen. Und in einer Biologiestunde am 15. Mai 1967 habe ich mit der Hitparade angefangen und das bis zur Geburt meines Sohnes Louis fortgeführt, bis zur 2084. Ausgabe von Töppis Top Twenty. Die Titel, die gestiegen sind, habe ich rot unterstrichen, die anderen schwarz.

Was war denn 1967 Ihr Top-Hit des Jahres?

Ganz klar: „When I was Young“ von Eric Burdon und den Animals. Der letzte Hit, 2007, der wirft allerdings ein schlechtes Licht auf mich, weil er so sehr nach Mainstream klingt, aber ich bekenne mich dazu: Das war „Ein Stern“ von DJ Ötzi. Das heißt, Moment, der war auf drei, „No Monkey“ war auf eins, von Wally Warning, ich mag Reggae.

Wollten Sie eigentlich ursprünglich Musikjournalist werden?

1963, als ich das erste Mal die Beatles hörte, wusste ich, ich möchte entweder Fußballreporter werden wie Herbert Zimmermann …

… der legendäre Reporter des WM-Finales von 1954.

Genau. Oder DJ bei Radio Luxemburg. Das war zu der Zeit der Sender mit dem jungen Frank Elstner, die haben englische oder amerikanische Hits gespielt. Das hat man ja im NDR damals nie gehört, da hat noch Ronny „Kleine Annabelle“ gesungen.

Wie muss man sich den jungen Rolf Töpperwien vorstellen? Mit Schlaghosen und wilden Locken?

Eigentlich nicht. Ich war nie so der Rebell, ich bin in Osterode am Harz aufgewachsen. Flower Power, damit hatte ich nichts zu tun. An meiner Wand hing der Starschnitt von Cliff Richard.

Und Sie haben sich schon mal auf Ihren späteren Auftritt als DJ vorbereitet.

Nein, mir hat das einfach Spaß gemacht. Ich habe mir von meinem Taschengeld Singles gekauft, alle zwei Wochen eine. Die erste war „Eve of Destruction“ von Barry McGuire. Ich habe die Platten dann meiner Hitparade entsprechend sortiert. Erst hatte ich vielleicht nur die eins, die drei und die 18, irgendwann hatte ich die Top Twenty beisammen.

Listen gehören offenbar zu Ihrem Leben. Ihre 36 Zettel sind doch nichts anderes als Ihre beruflichen Top Ten aus jedem Jahr.

Ich habe sie bei mir. Wollen Sie die mal sehen?

Oh, die sind ja kleiner als eine Postkarte. Lassen Sie mal sehen. Wieso stand Robin Dutt, der Trainer vom SC Freiburg, 2009 für Sie auf Platz eins?

Das war das erste Interview in meiner Laufbahn, das ich abgebrochen habe. Freiburg hatte gegen Bayern verloren, ich stelle meine Fragen und Robin Dutt erzählt mir erst etwas von Torchancen seiner Mannschaft, die es nie gegeben hatte, und dann fragt der mich: „Haben Sie eigentlich Kaffee getrunken oder das Spiel gesehen? Nächste Frage bitte.“ Danke, verzichte, habe ich darauf gesagt. Im Fernsehen haben wir dann später die vermeintlichen Chancen gezeigt: ein Schuss Richtung Eckfahne und einen in den fünften Stock überm Tor. Damit habe ich ihn der Lächerlichkeit preisgegeben. Jedoch nur, weil er mich vorher beleidigt hat. Heute ist aber alles zwischen uns ausgeräumt.

Was war denn Ihr größter Coup in 37 Jahren Sportjournalismus?

Der steht auf dem 89er Zettel. Das war der größte Aprilscherz, der je im ZDF gelaufen ist. Elton John war damals Besitzer des FC Watford, und ich habe ihn dazu gebracht, dass er ins Mikrofon sagt: Ja, ich habe Borussia Mönchengladbach gekauft. Das Präsidium von Mönchengladbach hat mitgemacht und bestätigt. Wir haben die Sache erst am nächsten Tag aufgelöst, bis dahin sind bei uns und bei Gladbach alle Leitungen zusammengebrochen.

Warum haben Sie Ihr immenses Wissen nie bei kritischen Themen wie dem Wettskandal eingebracht?

Ich gehöre der Redaktion Sportstudio an, nicht der Gruppe Filmemacher und Rechercheure. Natürlich haben manche geschrieben, Töpperwien macht Fußball, aber recherchiert nicht zum Schiedsrichterskandal. Das ist nicht meine Aufgabe. Und wenn ein Fußballer Dopingmittel nimmt, untersuchen das andere. Die übernehmen ja auch nicht meine Fußballreportagen.

Sie haben stattdessen das Spontaninterview am Spielfeldrand erfunden.

Nicht erfunden, ich habe es salonfähig gemacht.

Werner Zimmer, einer der großen Namen der alten ARD-Sportschau, sagt, jeder weiß, dass diese Interviews direkt nach dem Spiel nichts bringen.

Ich schätze ihn, aber hier irrt er. Ich mache das auch nicht für intellektuelle Zeitungskommentatoren, ich mache das für den Zuschauer, der sich das um 22 Uhr 40 anguckt und längst alle Ergebnisse kennt. Ich habe die verdammte Pflicht, ihm etwas Neues zu zeigen. Sonst kann er auch ins Bett gehen.

Und der Zuschauer will wirklich sehen, wie ein ausgepumpter Sportler gefragt wird: „Wie fühlen Sie sich?“

Die Frage ist schlecht. Wenn ich Sky schaue oder früher Premiere geguckt habe, dann stimmt es: 90 Prozent der Fragen bringen nichts. Bei mir kam einiges rüber. Wenn ich daran denke, wie ich mich mit Uli Hoeneß duelliert habe, mein lieber Mann.

Wir erinnern uns aber auch an Mario Basler. Sie zu Basler: Mensch Mario, ich fand dich stark. Darauf er: Da bist du der Einzige.

Das war doch seine Ironie. Das wurde völlig falsch wiedergegeben.

Warum haben Sie so selten Spiele live kommentiert?

Weil mir die Zusammenfassungen mehr liegen. Unsere Livereporter sollen sehr zurückgenommen sein. Mein Vorbild war zum Beispiel Harry Valérien. Der hat um 17 Uhr einen Slalom von Ingemar Stenmark so fesselnd kommentiert, dass du Gänsehaut gekriegt hast, obwohl Stenmark vormittags gefahren war. Ich glaube, es gibt einen Widerspruch zwischen dem, was die Chefs in der Sportredaktion wollen, und dem, was die Zuschauer gern hätten.

Sie meinen, die wollen, dass Sie „Tor“ rufen?

Ich kann das nicht beweisen, aber ich glaube, die wollen Emotion. Ich habe noch nie gehört, dass ein Zuschauer sagt, warum brüllen Sie so? Im Gegenteil, die sagen, da werde ich wieder wach. Wir sollen das Spiel begleiten, heißt es. Ich bin kein Begleiter. Ich bin Reporter.

Haben Sie Ihren Namen schon einmal bei der Internetsuchmaschine Google eingegeben?

Ich habe noch nie eine Taste an einem Computer betätigt. Ich brauche das alles nicht. Ich kenne auch keine E-Mails. Ich führe Buch.

Wenn man bei Google einen Begriff eingibt, dann werden auch die Wörter aufgezählt, die am häufigsten damit in Verbindung gebracht werden. Bei „Töpperwien“ liegt auf Platz eins: Rehhagel.

Das kann ich mir gut vorstellen. Ich hatte mit niemandem enger zu tun als mit ihm.

Otto Rehhagel hat nicht nur seine Verdienste als Meistermacher. Mit seiner schroffen Art ist er wahrscheinlich auch einer der unbeliebtesten Trainer.

Ich habe zehn Jahre lang hart gearbeitet, ohne dass zwischen uns eine Freundschaft entstanden wäre. Erst nach dem Europapokalsieg seiner Bremer in Monaco haben wir auf Initiative seines Präsidenten Franz Böhmert Brüderschaft getrunken. Ich betrachte es als Geschenk, dass ich als Journalist dabei sein durfte, als Rehhagel mit den Griechen 2004 Europameister wurde, der größte Außenseiter aller Zeiten. Und so habe ich auch gefühlt, als ich vor 23 Millionen Zuschauern sagte: „Heute haben wir das Wunder von Lissabon erlebt. Sie haben nach den Sternen gegriffen, Sie haben sie berührt.“

Schmerzt es Sie, dass die „Süddeutsche Zeitung“ Sie Rehhagels „Putzerfischchen“ genannt hat?

Das war eine Beleidigung ersten Ranges. Die haben bei Rehhagel keinen Zehnagel auf den Boden gekriegt. Aber bei der Europameisterschaft haben die sich immer hautnah hinter mich gestellt, um mitzuhören, was er mir sagt. Wenn jemand andere so benutzt und sie dann beleidigt, das ist für mich journalistische Wegelagerei.

Aber was hat Ihnen diese Nähe gebracht? Bei der WM in Südafrika hat Rehhagel Sie stehen lassen, als Sie ihn nach dem Ausscheiden nach seinen weiteren Plänen befragen wollten.

Fakt ist, dass wir die Einzigen waren, denen er sich gestellt hat. Ich wusste, dass ich bei dieser Frage schlecht aussehen würde. Aber ich musste sie stellen, auch wenn ich mich sehr geärgert habe.

Ihr Ex-Kollege Jochen Bouhs hat gesagt, das wesentliche Merkmal der Begeisterung ist der Verlust der Urteilsfähigkeit. Aus Ihnen spricht viel Begeisterung. Sehen Sie die Gefahr, Ihre Urteilsfähigkeit zu verlieren?

Horst Hrubesch hat drei Jahre nicht mehr mit mir geredet, weil ich sein Foul gezeigt habe und er daraufhin bestraft wurde. Ich bin vielleicht begeisterter als andere, aber ich bin auch kritischer.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie dem Verein Eintracht Frankfurt einen Sponsor gesucht haben. Ist damit nicht eine Grenze überschritten?

Die Frage finde ich geradezu unverschämt. Sie müssten doch sagen, Donnerwetter, Töpperwien hat Frankfurt einen Sponsor vermittelt und dafür null Euro Provision kassiert. Ich hätte damit Geld verdienen können, ich habe es nicht getan.

Ihre Jahrzehnte im Fußball lesen sich zuweilen, als hätten Sie auch das Leben eines Rockstars geführt, nach dem Motto „Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll“.

Sex? Otto Rehhagel hat mal gesagt, wer Deutscher Meister werden will, muss auch auswärts punkten. Aber ich bin doch nicht Ian Dury. Ich habe nur seine Platte, mit seinem Song „Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll“.

Sie haben Schlagzeilen gemacht, als Sie auf einem ZDF-Briefbogen Einspruch gegen eine Bordellrechnung eingelegt haben.

Das war ein Fehler. Natürlich hast du bei Diskotheken freien Eintritt und ziehst mit dem und dem los. Da waren doch auch Trainer und ein paar Spieler in diesem Münchner Bordell. Mich haben danach einige von denen angerufen und gesagt, Mensch, bist du naiv, egal wie die dich abziehen, zahl und schweig. Oder ruf an, wir zahlen dir das.

Bei Google kommt nach Ihrem Namen auf Platz zwei Ihre Schwester Sabine, Sportchefin beim WDR-Hörfunk, auf vier liegt der Begriff „Kokain“.

Ich dachte eigentlich, der kommt auf eins. Das war am vorletzten Spieltag 2000, abends zurück von Bielefeld nach Frankfurt, zum 40. Geburtstag des Rockpromoters Ossy Hoppe. Alle waren da, Rudolf Schenker von den Scorpions, Achim Reichel von den Rattles, aber auch „Neger-Kalle“ und Ebby Thust …

… eine Hamburger Kiezgröße und ein Boxpromoter und verurteilter Erpresser.

Es gab Bier aus der Flasche und irgendwann musste ich aufs Klo. Danach ging es los, so ein Kribbeln im Körper, ich bin mit dem Taxi nach Hause, und da ist es passiert.

Sie haben mit hochprozentigem Strohrum hantiert und sich dabei angezündet.

Ich habe noch nie in meinem Leben Strohrum getrunken und auch noch nie geraucht. Was genau geschehen ist, weiß ich nicht mehr. Aber Leute, die dabei waren, haben mir später gesagt, dass jemand eine Pille in mein Bier gegeben hat, da war ein Känguru eingestanzt. Wie ich heute weiß, ist das typisch für Ecstasy. Derjenige, der das gemacht hat, soll gesagt haben, jetzt wollen wir den Bären mal tanzen sehen. Hinterher war er dann selbst geschockt. Ich hatte verdammt schwere Verbrennungen, wir reden hier über Leben und Tod.

Sie wissen, wer es war?

Ja, aber ich werde diesen Namen nie sagen. Weil ich weiß, dass er mich im Grunde genommen sehr mag. Ich habe mich so weit im Griff, dass alles diszipliniert weiterläuft, wenn wir Kontakt haben. Übrigens fällt mir auf, dass diese Geschichte nichts mit Fußball zu tun hat, sondern eher aus meinem zweiten Fachgebiet kommt: der Popmusik.

Es gibt offenbar auch noch ein drittes. Wir waren sehr überrascht, als wir erfuhren, wie Ihr Lieblingsbuch heißt: „Fidel Castro – mein Leben“.

Ich liebe Biografien. Kissinger, Bismarck, Helmut Schmidt, Helmut Kohl – haben mich alle interessiert, gerade die, an denen man sich reiben kann.

Wer hat Sie denn mehr fasziniert, der Mensch oder der Politiker Castro?

Fasziniert bin ich, wenn Mario Basler eine Ecke direkt ins Tor schießt. An Castro haben mich seine Widersprüche interessiert. Man kann doch einen Menschen erst beurteilen, wenn man seine Vita gut kennt.

Zurück zu Ihrer Vita: In Ihrem Buch fällt auf, dass Ihre Familie darin so gut wie keine Rolle spielt.

Ich habe ein Buch über mein Leben als Fußballreporter gemacht, nicht über meine Familie. Klar ist aber, dass ich Fußball immer an die erste Stelle gesetzt habe. Ich habe 36 Jahre lang nach dem Spielplan gelebt.

Den Preis hat Ihre erste Frau bezahlt.

Sie hat es 24 Jahre mit mir ausgehalten. Dafür bin ich ihr dankbar. Jetzt, in meiner zweiten Ehe, wird alles anders. Deshalb mache ich nach 1444 Spielen Schluss. Aus Liebe auch zu Louis, zu meinem kleinen Sohn. Fußball ist eine Droge. Aber Louis hat mich entgiftet.

Haben Sie Louis schon in einem Fußballklub angemeldet?

Ja, beim TSV Bierstadt, hier in Wiesbaden. Aber Sie werden nie sehen, wie ich am Spielfeldrand stehe und ihn anfeuere. Das finde ich ganz fürchterlich. Ich hasse Eislaufmütter.

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