Sonntagsinterview : "Ich hasse sexy Vampire"

Verfilzter Vokuhila, Socken in Flip-Flops, Wrestling und Monstertruckshows: Manchmal wünscht sich Joey Goebel, er wäre so ein Kerl.

Interview: Esther Kogelboom
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Joey Goebel -Foto: Geert Snoeijer

Mr. Goebel, Ihr aktueller Roman ist 712 Seiten dick. Die Kritikerin der „Zeit“ riet von der Lektüre ab: „,Heartland’ beschreibt das Scheitern im Mittelwesten einfach zu ausführlich.“ Hat sie recht?

Nein, ähm …

Warum lachen Sie?

Es tut mir leid, dass sie sich gequält hat. Das war natürlich nicht meine Absicht. Zu meiner Verteidigung: Auf Englisch hat das Buch nur 500 Seiten. Dass es auf Deutsch über 200 Seiten mehr hat, liegt wohl an der Übersetzung. Aber immerhin kann ich Deutschen gegenüber jetzt behaupten, dass ich mit „Heartland“ meinen ganz großen Roman geschrieben habe. Mein persönliches „Krieg und Frieden“, meine Powerranger „Crown and Punishment“-Episode.

Sie haben drei Jahre lang daran gearbeitet, und als der Roman ausgerechnet am 4. Juli 2008 in Amerika erschien, war Ihr kalifornischer Indie-Verlag zahlungsunfähig. Die Krise hat Sie hart getroffen.

Danke, dass Sie mich an diese Scheißzeit erinnern. Ich war extrem enttäuscht, weil ich beim Schreiben immer gedachte hatte: Wenn dieses Buch den amerikanischen Markt nicht erobert, habe ich keinen Trumpf mehr, den ich aus dem Ärmel ziehen kann. Doch zum Glück wurde „Heartland“ auf Deutsch ein Erfolg, was mich wieder versöhnt hat. Das bedeutet mir unterm Strich mehr als Ruhm in Amerika.

Warum das? Möchte ein Schriftsteller nicht am liebsten in seiner Heimat geschätzt werden?

Schauen Sie sich doch mal Amerika an. Bevor Michel Jackson starb, waren die Black Eyed Peas mit „Boom Boom Pow“ auf Nummer eins. Der Refrain geht: Boom Boom Pow.

Die Hitparaden in Deutschland sehen auch nicht viel anders aus.

Trotzdem. Boom Boom Pow – das ist der Sound unserer nationalen Identität. Ich will gar nicht behaupten, dass Amerika ausschließlich Scheiße feiert. Und doch: Werfen Sie mal einen Blick auf unsere Bestsellerlisten. Die sind voll mit Stephenie Meyers Büchern über sexy Vampire. Gott, ich kann sexy Vampire nicht ertragen! Niemand interessiert sich mehr für richtige Menschen und ihre wirklichen Probleme. Für mich ist ein Mensch viel unheimlicher, als es ein Vampir jemals sein kann. Die Vampire sind überall: Auf dem Sender HBO läuft so eine Show, „True Blood“ ... Alles ist voller Zauberer, Hexen und Vampire.

Was sagt das über eine Gesellschaft?

Viel. Ich glaube, das hat mit der Wirtschaftskrise zu tun. Vampirgeschichten – das ist Eskapismus in seiner reinsten Form.

Sie haben in einem Fragebogen gesagt, Sie würden gerne vor hundert Jahren leben. Das klingt, als suchten Sie auch nach einer Möglichkeit, der Gegenwart zu entfliehen.

I wo, mir gefällt die Gegenwart. Ich sitze hier mit Ihnen vor einer Kneipe im glühend heißen Bukarest, trinke lauwarme Sprite und werde interviewt. Es könnte wahrlich schlechter gehen.

Davon abgesehen haben Sie gerade einen mit 5000 Euro dotierten rumänischen Literaturpreis in Empfang genommen.

Eine Riesenehre! Péter Esterházy bekam auch einen Preis. In meiner Ansprache sagte ich: „Ich bedanke mich bei meiner Frau.“ Als Esterházy dran war, bedankte er sich auch bei seiner Frau, aber der Dolmetscher übersetzte den Satz so, dass es den Anschein hatte, er bedanke sich ebenfalls bei meiner Frau. Im Ernst: Ich habe mich schon immer als altmodischen Kerl gesehen. Lange habe ich darüber nachgedacht, warum das so sein könnte. Irgendwann fiel mir auf: Meine Eltern waren schon ziemlich alt, als ich auf die Welt kam, meine Mutter 43, mein Vater Mitte 50. Als ich aufwuchs, waren sie so etwas wie Großeltern für mich. Kein Wunder, dass die anderen Kinder immer so komisch guckten. Das einzige Übersinnliche, das ich irgendwie spannend finde, sind Außerirdische.

Und woran merken Sie, dass Sie altmodischer sind als die anderen?

Na ja, ich bin der einzige junge Mann, den ich kenne, der bis zur Hochzeit nicht mit seiner Freundin zusammengewohnt hat. Nicht aus moralischen Gründen, aber ich wollte es einfach so. Außerdem schaue ich viele alte Filme, und mir gefällt der Stil, in dem sich Männer wie Paul Newman und James Dean früher zu kleiden pflegten. Ehrlich, die Welt wäre besser, wenn Männer immer noch Hüte tragen würden. Damals hatten sie einfach Klasse.

Sie tragen aber weder Hut noch Anzug, sondern ein „The Clash“-T-Shirt. Die Punkkultur gab nicht viel auf Einstecktücher und Spazierstöcke.

Oh ja, richtig, das ist einer meiner größten Widersprüche. Manchmal leide ich richtig daran, dass ich morgens nicht weiß, ob ich mich in den dreiteiligen Anzug werfen oder ein T-Shirt tragen soll. Es steckt beides in mir: Joe Strummer und Franklin D. Roosevelt.

„Heartland“ spielt in der Ära von George W. Bush: Ein Redneck, Blue Gene Mapother, findet sich auf einmal mitten im Kongresswahlkampf wieder, weil sein gut situierter Republikaner-Bruder ihn fürs Familienalbum braucht. Hatten Sie schon von Barack Obama gehört, als Sie mit dem Schreiben anfingen?

Nein. Die erste Hälfte entstand sozusagen ohne Obama-Manie. Ich bin kein Hellseher, konnte die Entwicklung nicht prophezeien – aber es war schon seltsam, wie plötzlich viele Amerikaner merkten, dass die Republikaner ihre Interessen nicht gut vertreten. Ich saß zu Hause in Henderson, Kentucky, und hatte das leise Gefühl, ich schreibe diesen Bewusstseinswandel herbei.

Blue Gene lassen Sie zu Geld kommen und einen leer stehenden Wal Mart kaufen, wo er kostenlose medizinische Versorgung für alle anbietet, die keine Krankenversicherung haben. Obama hat versprochen, dass bis Ende 2009 jeder Amerikaner krankenversichert ist.

Gott, das wünsche ich mir so sehr. Ich stamme ja aus einer Sozialarbeiterfamilie. Meine Schwester CeCe arbeitet in einem Hospiz. Meine Mutter, die inzwischen Rentnerin ist, hat es richtig ausgedrückt: „Obama ist wirklich ein bisschen wie Blue Gene. Und Schreiben ist wie Sozialarbeit.“

Klebt ein Obama-Aufkleber an Ihrem Auto?

Nein.

Sie hatten im Wahlkampf auch kein Obama-Schild in Ihrem Vorgarten?

Nee, aber unser Nachbar hatte fünf davon. Sehen Sie, ich stehe Trends allgemein kritisch gegenüber, weil sie meist hohl sind – Hypes sind ähnlich leer wie die typischen republikanischen Werte: Waffen, Freiheit, Tradition et cetera. Obama ist der Brad Pitt der Politik, oder sagen wir lieber: der Denzel Washington der Politik. In seinem Fall kann ich es ausnahmsweise akzeptieren, dass ihm die Amerikaner wie dumme Schafe folgen. Es ist ja zu ihrem Besten. Aber deswegen muss ich noch lange keine Schilder in meinem Vorgarten aufstellen.

In Ihrem Roman lassen Sie Ihre Figuren seitenlange Wahlkampfreden halten. Haben Sie viele Veranstaltungen besucht, um sich inspirieren zu lassen?

Nein, ich habe eigentlich nur CNN geschaut. Obama hat eine völlig neue Art zu reden. Alles, was aus seinem Mund kommt, ist wie Sonnenschein. Interessanterweise habe ich einiges von ihm übernommen. Zum Beispiel beginne ich neuerdings viele meiner Sätze mit „Look …“. Bei Obama hört sich das toll an, aber ich muss aufpassen – bei mir klingt es tendenziell wütend. Ich hab ja auch nicht dieses samtige Timbre. Ach, wenn ich auf einen Menschen auf der Welt eifersüchtig bin, dann auf seinen jungen Redenschreiber, Jon Favreau.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Ihnen nach dem Abgang von George W. Bush das Feindbild fehlt?

Nein. Überhaupt nicht. Das wäre ja vermessen.

Ihre Vorliebe für ausufernde Slang-Dialoge ist ausgeprägt. Belauschen Sie oft Fremde?

Wenn ich da draußen eine neue Redewendung höre, einen bizarren Fluch oder Wortwitz, notiere ich mir das sofort. Ich höre auch viel auf die Stimmen, die sich in meinem Kopf unterhalten.

Sie schildern den amerikanischen White Trash ungeheuer liebevoll und verdammen ihn gleichzeitig. Woher kommt diese Ambivalenz?

Es fing an, als ich ein Teenager war. Immer wenn ich einen Typ in abgeschnittenen Jeans sah, machte ich mich über ihn lustig. Weiße Socken in Flip-Flops! Verfilzte Haare! Gleichzeitig wünschte ich mir, ich könnte ein bisschen so sein wie er: frei. Nichts darauf geben, was die anderen sagen. Zu Monstertruckshows und zum Wrestling gehen. Als mir dann langsam dämmerte, dass diese Leute die Arbeiterklasse repräsentierten, machte ich mich nicht mehr über sie lustig.

Wirklich? Die Band, die Sie gründeten, hieß „The Mullets“ – Die Vokuhilas.

Okay, aber danach war Schluss mit den Gemeinheiten. Wenn du über jemanden lästerst, dann beobachtest du ihn eben auch sehr genau. Das kam mir beim Schreiben von „Heartland“ zugute.

Sie sind in Ihrer Kleinstadt geboren, aufgewachsen und leben immer noch dort. Warum ziehen Sie nicht in eine Metropole wie New York oder San Francisco?

Dort würde ich nicht zum Schreiben kommen. Zu viel Ablenkung. Jeden Abend spielt dort eine Band, die ich mag und unbedingt sehen muss! Außerdem möchte ich in der Nähe meiner Familie sein. Und das Kleinstadtleben liefert mir jede Menge Material.

Angenommen, ein Ufo würde in Henderson landen und die Außerirdischen fragten Sie nach einer Führung. Was würden Sie ihnen zeigen?

Ich würde mit ihnen erst zum Pferderennen oder zum Bowling gehen, und dann würde ich sie zu uns nach Hause einladen. Wir würden herumhängen und Platten hören, später vielleicht eine DVD aus unserem neuen Drive-in-DVD-Automaten ziehen. Das ist auch schon alles, was man in Henderson unternehmen kann.

Und wenn die Aliens Sie auf einen Rundflug mit dem Ufo einladen …

… würde ich erst einsteigen,wenn sie mir vertraglich zusichern, mich nach 14 Tagen wieder über Kentucky abzuwerfen.

Stimmt es eigentlich, dass Sie sich als Kind geweigert haben, draußen zu spielen?

Look, ich war noch nie der Outdoor-Typ. Es ist heiß da draußen und man schwitzt.

Da haben Sie sich eben die Natur ins Haus geholt: Ihre ersten Kurzgeschichten, die Sie mit fünf Jahren schrieben, handeln vom Dschungel und wilden Tieren. Warum konnten Sie mit fünf schon schreiben?

Jetzt fühle ich mich langsam wie bei einer Therapiesitzung! Ich konnte früh schreiben, weil ich das Wort „Squirrel“ nicht aussprechen konnte.

Bitte? Was haben Eichhörnchen damit zu tun?

Meine Vorschullehrerin riet meiner Mutter, mich zur Logopädin zu schicken, sonst würden die Mitschüler mich früher oder später ärgern. Die Logopädin war ehrgeizig, sie brachte mir in einem Abwasch Lesen und Schreiben bei. Mit dem Ergebnis, dass ich in der 1. Klasse nicht wegen meines Sprachfehlers gehänselt wurde, sondern weil ich ein kleiner Streber war, der voller Begeisterung seine Extra-Hausaufgaben erledigte.

Das erinnert stark an die titelgebende Außenseiterfigur aus Ihrer Mediensatire „Vincent“.

Ach, „Vincent“ schreibe ich augenblicklich als Drehbuch um, einer der Urenkel Walt Disneys will die Geschichte verfilmen. In der Tat, manchmal verwechsle ich meine Protagonisten mit mir selbst. Vincent und ich hatten auch beide einen „TV Tan“ – wir waren blass und wurden in der Pubertät pickelig. Außenseiter fesseln mich. Mein nächster Roman wird an einer Highschool spielen.

Ein amerikanischer Mythos. Erinnern Sie sich an Ihren schrecklichsten Moment?

Nur an den glücklichsten. Es war auf dem Prom, der jährlichen Abschlussparty. Während alle anderen in ihrer Abendgarderobe feierten, tanzte ich total betrunken in einem Trailer neben der Schule zur Musik der „Dead Milkmen“, meiner unangefochtenen Lieblingsband. Die Energie des Punkrock, seine Schnelligkeit und Spannung – all das korrespondierte bestens mit meinen aufwallenden Hormonen.

Dabei sind Sie zu spät geboren, um ein echter Punk zu sein.

Die erste Welle habe ich nicht mitgemacht, aber die zweite umso heftiger. Ich vergesse nie, wie ich eines Tages das „Longview“-Video von Green Day sah: Da saß ein von Akne gequälter, gelangweilter Junge auf dem Sofa. Das war ich.

Mr. Goebel, würden Sie eine Fortsetzung von „Der Fänger im Roggen“ lesen?

Sie spielen darauf an, dass J. D. Salinger das Sequel eines schwedischen Autors gerichtlich stoppen lassen konnte? Da bin ich zwiegespalten. Es ist ja ein heiliger Text. Allerdings habe ich mich schon immer gefragt, wie es eigentlich mit Holden weitergeht. Hat er es überhaupt geschafft, erwachsen zu werden? Hat er Kinder? Doch die Vorstellung, jemand anderes als Salinger könnte eine Fortsetzung schreiben, ist absurd. Vielleicht findet man irgendwann auf seinem Dachboden „Der Fänger im Roggen II“, „Der Fänger im Roggen III“ …

Was wird man auf Ihrem Dachboden finden?

Ich bezweifle, dass man dort unveröffentlichte Manuskripte entdecken wird. Bücher schreiben ist kein Kinderspiel, und wenn du dir diesen Ärger aufhalst, willst du die Geschichte am Ende auch veröffentlicht sehen.

Weswegen schreiben Sie?

Weil ich meiner Mutter möglichst bald ein Apartment in Florida kaufen will. Sie ist jetzt 72, ihre Zeit läuft langsam ab, und ich habe einfach zu viele schreckliche Pflegeheime von innen gesehen. So ein Heim ist auf Platz drei der Schreckliche-Orte-Charts, direkt hinter Krieg und Gefängnis. Mein Vater, seine Mutter und eine Großtante von mir waren im Heim. Jeden Tag nach der Schule ging ich hin. Nicht gut. Alle drei starben dort.

Es geht das Gerücht, Ihre Mutter hätte dem Chef des Diogenes-Verlags einen Dankesbrief geschrieben, weil er Sie unter Vertrag genommen hat.

Sie hat einen Brief geschrieben, ja, aber an Daniel Keels Frau Anna. Die hatte ihr eine Tischdecke geschickt, und dafür hat sie sich bedankt. Typisch meine Mutter.

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