Sonntagsinterview : „Jemand steckte mir eine Waffe in den Mund“

Wall Street, Grosny, Spice Girls: Wohin er auch geht, es ist immer eine Menge los. Seiner Familie gehörte halb Jerusalem. Simon Montefiore kennt den Irrsinn dieser Stadt.

Simon Sebag Montefiore.
Simon Sebag Montefiore.Foto: Mike Wolff

Mr Montefiore, Sie sind mit Prince Charles und David Cameron persönlich bekannt. Ist es nicht eigenartig, dass jemand wie Sie, ein Mitglied des britischen Establishments, schon zwei Bücher über Stalin geschrieben hat?

Oh, für Stalin interessierte ich mich schon, da war ich ungefähr acht. Ich abonnierte das Magazin „Verbrechen und Strafe“, in dem es nur um Mörder ging. Ich erinnere mich noch, wie ich alles über „das Monster von Düsseldorf“ las, einen Serienkiller aus den 20er Jahren. Als ich Stalin entdeckte, dachte ich: Mein Gott, ist das interessant!

Vermutlich waren Sie sehr einsam in Ihrer Klasse.

Ich war ein Sonderling, aber nicht der einzige, wenn Sie das meinen. Ich habe mich sehr für historische Stoffe interessiert. So kam ich später auch zur Zarin Katharina, dem Thema meines ersten Buches. Es brachte mir Glück. Die Bushs hatten das Buch mit, als George W. nach Petersburg reiste. Er und seine Frau haben sich im Bett daraus vorgelesen. So erfuhr Putin davon, und er mochte es.

Was fand Putin an einer deutschstämmigen Zarin, die ihrem Potemkin feurige Liebesbriefe schrieb?

Er mochte, dass ich Katharina, die als Nymphomanin bekannt war, rehabilitiert und als Politikerin aufgewertet habe. Jedenfalls fragte mich mein russischer Verleger, der auch Putins Verleger ist, was ich als Nächstes schreiben wolle. Ich sagte, ein Buch über Stalin. Da bekam ich Zugang zu allen Archiven. Allerdings schlossen sich die nach Erscheinen wieder. Offenbar hat es Putin nicht gefallen.

Nun haben Sie ein Buch über Jerusalem geschrieben. Auch aus frühkindlichem Interesse?

Schauen Sie auf meinen Ring, sehen Sie das Bild und die Flagge mit der Inschrift Jerushalaim? Jerusalem ist unser Familienmotto.

Ein Viertel in Jerusalem heißt Montefiore und …

… mein Vorfahr Moses Montefiore hat es gebaut. Es gibt dort eine Montefiore-Mühle, Montefiore-Landhäuser, Jerusalem hat sechs Vororte, die nach ihm benannt sind.

Ihr Vorfahr machte ein Vermögen nach der Schlacht von Waterloo, 1815.

Er war geschäftlich mit den Rothschilds verbunden, die einen eigenen Nachrichtendienst unterhielten. Deshalb wusste er vor dem britischen Premierminister, dass die Schlacht gewonnen und Napoleon erledigt war, und kaufte englische Staatsanleihen, die dann enorm im Wert anzogen.

Sie waren ursprünglich Investmentbanker in New York. Haben Sie dieses Interesse von ihm geerbt?

Bestimmt nicht. Ich war nicht wirklich geeignet für das Bankgeschäft. Einmal verlor ich 300 Millionen Dollar, ich hatte sie aufs falsche Konto überwiesen. Am nächsten Morgen war das Geld wieder da, es gab einen Riesenskandal.

Sie können froh sein, den Job quittiert zu haben. Heute werden Banker gehasst.

Ich hatte Glück, mein Plan war es, genug Geld zu machen und danach nur noch zu schreiben. Tatsächlich machte ich kein allzu großes Vermögen, ein paar 100 000 Dollar, aber die reichten.

Und warum wurden Sie dann ausgerechnet Kriegskorrespondent?

Wegen meines Russlandinteresses. Ich wollte Tiflis sehen, Samarkand, Eriwan, Baku… Aber 1991 fiel die Sowjetunion auseinander. Kaum war ich irgendwo angelangt, brach Bürgerkrieg aus.

Wo Sie hinkommen, ist was los.

In Georgien wollte ich den Präsidenten Gamsachurdia sprechen, der in seinem Palast belagert wurde. Als ich die Treppe hochging, vorbei an Sandsäcken und Haubitzen, kamen die Wachen, griffen meinen Begleiter und warfen ihn runter. Er war sehr dick, rollte bis zur untersten Stufe. Als er dort angekommen war, schaute mich eine der Wachen an und sagte: Du, du kannst jetzt den Präsidenten sehen.

Sie suchten die Aufregung.

Ich war im Internat, in Cambridge Student, dann Banker – das war alles so vorhersehbar. Es ist schon sehr intensiv, wenn man unter Feuer gerät.

Wo gerieten Sie denn unter Feuer?

In Berg-Karabach zum Beispiel, 1993/94. Ich wurde von Deserteuren gekidnappt, Heroinabhängige, bewaffnet mit Maschinengewehren. Ich merkte gleich, die sind komplett irre, die werden uns erschießen. Wir entkamen nur, weil Granaten einschlugen und alle in Panik davonrannten. In Grosny geriet ich auch in eine schlimme Lage. Jemand steckte mir eine Waffe in den Mund. Ich dachte, Himmel, ich habe noch nicht mal Kinder – und jetzt sterbe ich an diesem entsetzlichen Ort.

War das der Moment, in dem Sie beschlossen, ich kündige und schreibe lieber Bücher?

Es war eigentlich eine komische Situation. Ich hatte einen kleinen Dolmetscher, ein Kind noch. Eine russische Rakete hatte gerade die ganze tschetschenische Führung in die Luft gesprengt, mit Ausnahme des Vizepräsidenten. Ich sagte, Herr Vizepräsident, das macht mich sehr betroffen, ich freue mich aber, dass Sie überleben konnten. Der Junge hat es falsch herum erzählt. Die Lage war ohnehin schon angespannt, nun drehten alle durch. Ich dachte, das reicht, ich muss hier weg.

Fortan interviewten Sie lieber die Spice Girls.

Dieses Interview war mehr als Satire angelegt. Ich hatte ihnen weisgemacht, sie seien die Wittgensteins und Rousseaus unserer Zeit, und wir wollten über Philosophie sprechen. Sie bekannten sich dann zum Thatcherismus.

Als Kriegsreporter hatten Sie den Ruf, ein Playboy zu sein.

Ich war Single, also hatte ich ein paar verrückte Jahre auf der Jagd nach dem Vergnügen. Kennen Sie den Song „Free fallin’“ von Tom Petty? Ich war sehr glücklich, mich „Free fallin’“ fühlen zu dürfen. Sie treffen zum Beispiel eine sexy französische Ärztin und haben eine Liebesaffäre an einem sonderbaren Ort wie Zangilan in Aserbaidschan. Es ist, als ob 24 Stunden zehn Jahre dauern würden, intensiv und sehr romantisch.

Es ist ein ziemlich weiter Weg von diesem Leben zu dem eines Historikers.

Stimmt, aber ich habe mich immer für die historische Perspektive interessiert.

Und Sie hatten den Ring, der Sie an Ihr Familienmotto erinnerte: Jerusalem.

Es war nicht nur der Ring. Ich war seit meiner Kindheit regelmäßig dort.

Welches Bild verbinden Sie in Ihrer frühesten Erinnerung mit Jerusalem?

Ich erinnere mich, wie ich an der Montefiore-Windmühle spielte und Teddy Kollek, damals Bürgermeister, uns überall herumführte. Das muss kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg gewesen sein, wahrscheinlich 1968. Ich hatte jedoch auch meine Probleme mit diesem Montefiore-Ding.

Sie beschreiben Moses Montefiore als einen der ersten reichen, emanzipierten Juden Europas, der ins Heilige Land ging und die Juden dort unterstützte.

In gewisser Weise begründete er Jerusalems Neustadt. Er war imposant, über 1,90 groß, blauäugig, furchtlos. Er bereiste die Welt und riskierte dabei mehrfach sein Leben, sah den Zaren, den Sultan, es war die Zeit, in der Großbritannien auf dem Höhepunkt seiner Macht war, er hatte Beziehungen ins Königshaus, zu den Premierministern. Als Jugendlicher war ich die Geschichten über ihn leid, die in der Familie erzählt wurden, zu hören, was für ein Heiliger er war.

Sie haben Ihr Buch wegen ihm geschrieben?

Nein, geschrieben habe ich das Buch, weil es so eines noch nicht gab. Es sollte kein Stadtführer werden, nicht beschreiben, wer welche Säule errichtete und warum. Sondern die Geschichte der Bewohner erzählen, basierend auf Faktenstudium, lesenswert für jedermann.

Wollten Sie je nach Israel auswandern?

Ich habe mit 15 in einem Kibbuz gearbeitet, Plastiksitze für Toiletten hergestellt. Aber auswandern? Ich verstehe die Menschen, die Zionisten sind, ich war es nie.

War Montefiore Zionist, bevor es den Begriff gab?

Alle Juden waren das irgendwie seit der Zerstörung des Tempels im Jahre 70.

Es gab größere Städte wie Alexandria und Konstantinopel, es gab solche, die strategisch besser lagen. Was macht Jerusalem so besonders?

Seine Heiligkeit. Die Tempelindustrie war immer die wichtigste der Stadt. Selbst weltlich orientierte Leute wie ich sind davon gerührt. Und Fundamentalisten glauben, dass Jerusalem ein guter Platz für den jüngsten Tag sei. Das Fatale an der Stadt sind die unerwarteten Konsequenzen, die Handlungen dort nach sich ziehen. Wer konnte ahnen, dass der Sieg von 1967 dazu führen würde, dass Israel von national-religiösen Ideologen dominiert würde? Bis dahin war es ein säkularer, sozialdemokratischer Staat.

Waren Sie jemals Opfer des Jerusalem-Syndroms?

Meine Frau behauptet, ich sei eines, weil ich so viel Zeit dort verbrachte. Jerusalem ist die schönste, spannendste Stadt, gleichzeitig ist es laut, hässlich und jeder ist leicht erregbar. Ich habe dort für die BBC gedreht, wir wurden mit Steinen beworfen und beschimpft. Weil wir britisch waren, jüdisch oder angeblich pro-arabisch – je nachdem, wo wir hinkamen.

Die Römer hielten Jerusalem für so unwichtig, dass sie ihr Hauptquartier in Judäa vor 2000 Jahren weit weg am Meer errichteten. Könnte man sagen, dass Jerusalem erst mit dem Auftauchen Jesu und seinem Tod überregionale Bedeutung bekam?

Die Jesus-Erfahrung hatte einen riesigen Anteil daran, dass Jerusalem wurde, was es ist. Praktisch war es jedoch immer eine politische Entscheidung, die der Stadt zu ihrer Schlüsselrolle verhalf. Jesus lebte und starb in Jerusalem, weil er die jüdischen Propheten studiert hatte und ihre Prophezeiung erfüllen musste. Aber es war Kaiser Konstantin, der entschied, Jerusalem zum christlichen Mittelpunkt zu machen. Und es war Herodes, der es zu einer großen Stadt für die Juden machte.

Ist Jerusalem bis heute der Schlüssel für den Frieden im Nahen Osten?

Am Ende kann es nur dort eine Lösung geben – oder ein neues Desaster. Die ganze Situation ist fragil, das Zentrum auf engstem Raum derart spannungsbeladen mit den Heiligtümern von Christen, Juden und Moslems dicht nebeneinander, und zum religiösen Konflikt kommt noch ein politisch-strategischer hinzu.

Sie klingen nicht sehr optimistisch.

Sollte es eines Tages in den arabischen Ländern Demokratien geben, würde das deren Forderungen moralischen Auftrieb verleihen. Das könnte Israel zum Einlenken zwingen.

Die Geschichte Jerusalems ist mit Gewalt gesättigt. Wir erinnern uns nur an einen Vorschlag zur Güte: Kaiser Friedrich II. machte ihn vor fast 800 Jahren.

Eine großartige Geschichte. Christen und Muslime teilten sich Jerusalem auf dem Verhandlungsweg. Allerdings hielt die Sache nur 15 Jahre, und Friedrich wurde exkommuniziert. Es gab aber noch eine Beinahelösung, als Richard Löwenherz und Saladin Palästina teilten.

Macht zwei Kompromisse in 2000 Jahren. Wir hörten, sogar Ihr Cousin habe Ihnen während der Arbeit gedroht.

Er sagte, wenn du behauptest, König David habe nie existiert, rede ich kein Wort mehr mit dir. Das ist das Problem mit Jerusalem, jeder denkt, es gehöre ihm.

In Ihrem Buch spielen handelnde Individuen eine große Rolle. Sie glauben, es sind Personen, die Geschichte machen?

Historiker haben immer behauptet, dass die großen Kräfte furchtbar wichtig sind, zum Beispiel wie viel Kohle pro Haushalt verbraucht wird. Dabei sind die Entscheidungen Einzelner ausschlaggebend – oft genug sind es irrationale Entscheidungen. Denken Sie an George W. Bush, der Krieg im Irak war allein seine Entscheidung.

Sie betonen die Rolle des christlichen Zionismus.

Der christliche Zionismus machte die Balfour-Deklaration möglich ...

… die den Juden 1917 einen Staat zusprach.

Die englischen Evangelikalen von damals, wie David Lloyd George, sind den heutigen Evangelikalen in Amerika sehr ähnlich. Auch sie glauben an die Wiederkunft Jesu Christi, auch sie sympathisieren mit Israel. Diese Vorstellungen sind im Moment in der Weltpolitik von großer Bedeutung.

Ironischerweise wollen die Evangelikalen, dass die Juden ins Heilige Land zurückkehren – aber dann müssen sie entweder konvertieren oder …

… sterben, ja.

Der renommierte israelische Historiker Benny Morris wirft Ihnen vor, Sie würden zu viele Sex-and- Crime-Storys schreiben.

Massaker, Nonnen und Bischöfe gehören zur Geschichte der Stadt, aber nicht nur. Ich wollte auch über Frauen, Essen, Tanz, Musik, Sex und Liebe schreiben. Zu meinen Lieblingsgeschichten gehört, wie um die Wende zum 20. Jahrhundert zehntausende russische Pilger in die Stadt kamen, viele von ihnen Frauen, die dann strandeten und die Mätressen mächtiger arabischer, jüdischer und türkischer Führer wurden.

Ihr Katharina-Buch öffnete Ihnen Türen. Glauben Sie, das gelingt Ihnen mit „Jerusalem“ auch?

Ich weiß es nicht. Auf Facebook haben mich rechte Israelis als Verräter beschimpft. Und es gab Briefe von Armeniern, die mich fragten, warum ich von einem Massaker an ihrem Volk und nicht von einem Genozid geschrieben habe.

Ihre Frau schreibt auch, romantische Romane.Wir haben gelesen, dass Sie beide einst am gleichen Tisch an Ihren Büchern gearbeitet haben.

Ja, da lebten wir in einer sehr kleinen Wohnung. Wir hatten diesen runden Tisch im Esszimmer und stritten pausenlos über die Hintergrundmusik. Sie wollte Celine Dion, ich Guns’n’Roses.

Guns’n’Roses, das ist sehr lauter Hardrock. Was schreibt man dazu für Bücher?

Die Frage ist berechtigt. Gegenfrage: Was für Romane können Sie zu Celine Dion schreiben?

Was war der Soundtrack zum Jerusalem-Buch?

Irgendetwas, damit ich wach blieb. In den drei Jahren, in denen ich an diesem verdammten Buch gearbeitet habe, habe ich kaum geschlafen. Es war mein bisher schwierigstes. So viel ist sicher: Wenn ich mich noch an einen Titel erinnern könnte, ich würde ihn nie wieder hören wollen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar