Sonntagsinterview : "Leben zu schenken hat etwas Tödliches"

Justine Lévy hat es nicht ganz leicht: Ihre Mutter war außergewöhnlich schön, ihr Vater ist extrem klug – und Carla Bruni spannte ihr den Mann aus.

Justine Lévy beschreibt, wie wie Carla Bruni ihre Ehe zerstörte.
Justine Lévy beschreibt, wie wie Carla Bruni ihre Ehe zerstörte.Foto: laif

Frau Lévy, Nicolas Sarkozy mobilisiert den Geheimdienst, weil ein Blogger das Gerücht verbreitet, die Präsidentengattin Carla Bruni habe eine Affäre. Was ist los in Frankreich?

Dass ein Präsident den Geheimdienst für seine persönlichen Zwecke einsetzt, das gab es schon unter Mitterand. Der Unterschied ist, dass es nun jeder weiß. Früher hat man sich in gewissen Kreisen in Frankreich zugeflüstert, dass François Mitterand eine Zweitfamilie hat. Heute ist alles transparent, und die Bettgeschichten stehen in der Zeitung.

Ein Fortschritt?

Die Sexualität des Präsidenten hat uns egal zu sein. Er hat das Recht darauf, so treu oder untreu zu sein, wie er will. Er ist ein leistungsfähiger Politiker mit einem vielleicht ausschweifenden Privatleben, aber das sollte man gelassener sehen.

Können Sie einem solchen Politiker vertrauen?

Natürlich. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich habe Sarkozy nicht gewählt, und ich bin normalerweise die Erste, die schlecht über ihn spricht. Aber ich würde hier keine große Affäre daraus machen, das wird alles sehr hochgekocht.

Franzosen in Berlin sagen, Frankreich sei ein bisschen wie Thailand: schön als Urlaubsland, aber man sollte sich nicht mit der Politik beschäftigen.

Das ist natürlich übertrieben. Aber ich weiß, dass wir im Ausland manchmal lächerlich wirken.

Ihre Schriftstellerkollegin Marie NDiaye ist 2007 nach Berlin gezogen, weil sie fand, Sarkozy vergifte Frankreich. Haben Sie einen ähnlichen Schritt überlegt?

Bevor Sarkozy Präsident wurde, waren solche Überlegungen regelrecht in Mode. „Si Sarkozy passe, je me casse“, lautete ein beliebter Spruch: Wenn Sarkozy kommt, gehe ich. Am Ende ist dann nur Marie gegangen. Offiziell haben wir gesagt, wir bleiben, um zu kämpfen, aber eigentlich sind wir noch da, weil es nicht so schlimm ist. Sarkozy ist kein Faschist. Er ist ein rechter Politiker, und seine Ausländerpolitik ist entsetzlich. Doch es gibt andere Kräfte, und bald wird auch wieder gewählt.

Was hat sich verändert, seit er an der Macht ist?

Die Politik in Frankreich ist ein größeres Spektakel als früher. Das kann auch an der Veränderung der Gesellschaft ganz allgemein liegen, am Bedürfnis nach Informationen, nach Selbstdarstellung. Wer weiß, wie Ségolène Royal regiert hätte.

Sie selbst müssen einen speziellen Blick auf das Präsidentenpaar haben. Ihr Ex-Mann Raphaël, Sohn des Philosophen Jean-Paul Enthoven, hat Sie einst wegen Carla Bruni verlassen, die damals mit dessen Vater zusammen war.

Ach wissen Sie, das war schmerzvoll, aber diese Geschichte ist zehn Jahre her. Inzwischen habe ich geheiratet, zwei Kinder bekommen und Bücher geschrieben.

Im Roman „Nicht so tragisch“ verarbeiten Sie diese Episode. Die Ich-Erzählerin ist glücklich mit ihrem Mann, bis eine gewisse Paula auftaucht, die „Männerfresserin“. Die noch dazu mit dem Vater des Ehemannes liiert ist.

Das ist die eigentliche Geschichte, die ich erzählen wollte. Über eine moderne Phädra, eine Frau, die mit dem Vater kommt und mit dem Sohn geht. Besagte Paula kommt in dem Roman übrigens gerade mal auf zwei Seiten vor.

Trotzdem hat das Buch unglaublich eingeschlagen, es wurde weltweit 500 000 Mal verkauft. Hatten Sie mit einer solchen Wirkung gerechnet?

Nein, ich war total naiv. Zu dieser Zeit lief ein Film, in dem eine an Carla Bruni angelehnte Figur auftrat und ganz schlecht rüberkam. Es gab auch einige Bücher wie meines, aber niemand hat die Verbindung hergestellt. Ich hatte nicht erwartet, dass die Geschichte das kleine Milieu verlässt, in dem mein Ex-Mann und ich uns bewegten. Aber gut, dadurch hat sich das Buch doppelt so gut verkauft, und ich sage Danke schön.

Ihr Ex-Mann glaubt, Sie seien eine gute Autorin, aber aus den falschen Gründen bekannt.

Vielleicht hat er recht. Ich habe Briefe von Leuten bekommen, die sagten, sie hätten das Buch nur gekauft, weil sie dachten, etwas über diese und jene Person zu erfahren. Tja, Pech gehabt.

War Ihr Ex sauer?

Am Anfang nicht, dann schon. Jetzt haben wir keinen Kontakt mehr, wir haben beide unsere eigenen Leben.

2007 angelte sich Carla Bruni den Präsidenten – empfinden Sie da nicht ein bisschen Schadenfreude?

Das war schon sehr weit weg von mir, ich war ein Beobachter wie alle anderen auch. Aber klar, ich fand das komisch.

Werden Sie oft auf das angesprochen, was in Ihren Büchern steht?

Die Leute fragen meistens: Ist das wahr? Und ich antworte je nach Tagesverfassung.

Marguerite Duras sagte einmal, nichts sei wahrer als das, was sie in ihren Romanen erfunden hat.

Wenn man über sich selbst schreibt, ersetzt man zwangsläufig eine Realität durch eine andere, bis man eine Art Hyperrealität erhält. Wenn ich leide, leide ich. Wenn ich darüber schreibe, bin ich schon in der Interpretation, in der Lüge. Aber ist die Erinnerung an etwas weniger real als das Etwas selbst?

Ihr neuer Roman „Schlechte Tochter“ handelt davon, dass Ihre Mutter stirbt, während Sie selbst Mutter werden. Was war die prägendere Erfahrung, der Tod oder die Geburt?

Es ist eigentlich das Gleiche, es hat auch etwas Tödliches, Leben zu schenken. Man muss sich von so vielem verabschieden, dem Leben, das man früher hatte. Davon, Hals über Kopf abzuhauen, Drogen zu nehmen. Sterben und Geburt, das sind kommunizierende Gefäße. Zumal ich Frauen nicht verstehe, die sagen, die Geburt ihres Kindes sei der schönste Moment ihres Lebens. Es ist doch der schlimmste Moment im Leben einer Frau. Geburt, das heißt Blut, Schmerz, Tränen, Krisen. Ein Tschernobyl für die Seele, die Familie, die Beziehung.

Die Psychoanalytikerin Corinne Maier hat in ihrem Buch „No Kid – 40 Gründe, keine Kinder zu haben“ geschrieben, auf französischen Müttern laste ein unglaublicher Druck, gleichzeitig erfolgreich, mütterlich und begehrenswert zu sein.

Ja, in Frankreich wird eine atemberaubende Menge Prozac verkauft, und viele Frauen nehmen Antidepressiva. Aber es ist keine verpflichtet, eine perfekte Mutter zu sein, die eine Karriere hat und schön ist und Bauch-Beine-Po macht.

Ihre Mutter, das Modell Isabelle Doutreluigne, zählte zu den schönsten Frauen der Welt. Wie war es, mit einer solchen Mutter aufzuwachsen?

Sie war eine unkonventionelle Mutter. Ungezwungen, auf der Suche nach extremen Erfahrungen. Sie nahm Drogen, wollte die Revolution, ein Kind ihrer Zeit sein. Das war für sie alles interessanter, als ein Kind zu haben. Ich hatte immer das Gefühl, an zweiter Stelle zu kommen, weil es eben Wichtigeres gab. Was sicher keine schlechte Erfahrung für ein Kind ist, aber ich hätte mir gewünscht, dass sie mir zumindest hin und wieder vorspielt, ich sei der Mittelpunkt der Welt.

Ihre Mutter soll ein Jahr im Gefängnis gewesen sein.

Das habe ich viel später erfahren. Als Kind lebte ich bei meinem Vater, er wollte mich vor der Wahrheit schützen. Bevor meine Mutter Freigang hatte, ist er stets in ihre Wohnung gefahren, hat alles hergerichtet, geputzt und mich dann hingebracht. So, als wäre alles wie immer. Oder er sagte, sie sei verreist oder arbeite in Disneyworld.

Was hat sie verbrochen?

Es war nicht so schlimm, eine Art Einbruch. Sie wollte mit Kumpels zusammen sein. Einer von ihnen war Schlosser, sie sind in einen Keller eingestiegen, in dem es viele Flaschen guten Weins gab. Den haben sie getrunken und sind eingeschlafen.

Ihr Vater ist der Philosoph Bernhard-Henri Lévy, bekannt für seine Kritik an der Linken und am islamischen Fundamentalismus. Sie sagten einmal, dass Ihre Eltern Ihnen die Politik verleidet hätten, weil sie selbst so politisch waren.

Als ich klein war, hatten meine Eltern wenig Geld, und ich war dabei, wenn sie ihre Demos organisierten und die großen Debatten, wie man die Welt ändern kann. Aber man merkt auch als Kind, dass sich die Welt nicht ändert. Später haben sie sich getrennt und gegeneinander gearbeitet. Mein Vater wandte sich vom Maoismus ab, meine Mutter radikalisierte sich. Sie glaubte an die Politik der verbrannten Erde, dass nichts überleben darf, wie man es kennt. Sie bewunderte die Leute der Baader-Meinhof-Bande, es gab deswegen Schreiduelle mit Papa. Sie hat keine Bomben geworfen, aber sie war Leuten sehr nahe, die das taten. Mit Politik habe ich also nicht viel am Hut. Ich mache das Minimum, ich gehe wählen.

In Deutschland wird Ihre Generation gerne „Generation Golf“ genannt, weil sie als 68er-Kinder spießig und sicherheitsfixiert sei. Wie ist das in Frankreich?

Oh ja, wir sind auch spießig und ziemlich reaktionär, alles soll geregelt sein. Ich persönlich hasse Überraschungen, und ich will auch nichts erleben. Ich habe wirklich den Eindruck, dass meine Eltern ohnehin schon alles erlebt haben, und dass es deshalb für mich nicht mehr viel an Erfahrungen zu machen gibt.

Diskutieren Sie mit Ihrem Vater über Politik?

Ich höre ihm zu und bin meistens einer Meinung, weil ich eine brave Tochter bin. Zudem hätte ich ihm intellektuell nicht viel entgegenzusetzen. Meine Eltern gaben mir das Gefühl, dass ich es erst gar nicht versuchen müsste, auf diesem Feld mit ihnen zu konkurrieren.

Ihr Vater und Ihre Mutter kommen immer wieder in Ihren Büchern vor. Ist es nicht beklemmend, über die eigenen Eltern zu schreiben?

Mich blockiert es eher, Sexszenen zu schreiben, wenn ich weiß, dass meine Eltern mir über die Schultern gucken. Ich stelle sie mir immer lesend vor, also passe ich auf, was ich schreibe. Mein Vater kann mit Sticheleien gut umgehen, er ist der Meinung, dass Schriftsteller alle Rechte haben. Dass ich ihn mir vorstellen darf, wie ich ihn mir vorstelle. Meine Mutter hat beim Lesen immer Grammatikfehler verbessert und Kommata umgestellt.

Haben Sie je gegen Ihre berühmten Eltern rebelliert?

Nein. Sie haben gemacht, was sie konnten, und ich merke ja selbst, wie schwer es ist, Eltern zu sein.

Charlotte Gainsbourg, als Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin ebenfalls mit berühmten Eltern aufgewachsen, sagte einmal, sie bedaure es, sich nicht aufgelehnt zu haben. Weil man klein bleibe.

Das stimmt, aber ich mag das. Leider kann man kein Kind mehr sein, wenn man selber welche hat. Aber ich bleibe zumindest das Kind meiner Eltern. Wenn ich mit meinem Vater zusammen bin, bin ich Kind. Ich bin nicht sehr erwachsen, ich habe meinen Führerschein nicht geschafft, ich brauche immer jemanden, der für mich Verantwortung übernimmt. Diese Elternrolle hat jetzt mein Ehemann übernommen. Meine kleinen Versuche, zu rebellieren, sind auch deshalb ins Wasser gefallen, weil ich gerne beschützt werde.

Wir sitzen im Verlag Editions Stock am Jardin du Luxembourg in Paris, in dem Ihre Bücher erscheinen und wo Sie unverlangt eingegangene Manuskripte lesen und begutachten. Hat man, wenn man selbst schreibt, Hemmungen, Absagen zu erteilen?

Ich bekomme viel Fantasy, historische Romane, Memoiren älterer Herren. Das rührt mich immer sehr an, wie viel Herzblut in diesen Texten steckt. Bei den Absagen verstecke ich mich dann auch ein bisschen und schreibe: „Wir, das Lektorenkomitee, müssen Ihnen leider mitteilen …“

Hätten Ihre Manuskripte auch in diesem Stapel landen können, wenn Sie einen anderen Namen hätten?

Beim ersten Buch war es sicher so, da hätte es nicht so großes mediales Interesse gegeben. Andererseits habe ich keine Lust, mich vom Schreiben abhalten zu lassen, nur weil Leute glauben könnten, es sei für mich leichter. Niemand wird publiziert, nur weil man seinem Papa einen Gefallen tun will.

Sie haben eine volle Stelle als Lektorin und eine Familie. Wann schreiben Sie?

Wenn es gerade kommt, da bin ich egoistisch. Manchmal denke ich mir, ich hebe mir Sätze für später auf, aber was weg ist, ist weg, man fängt die Sätze nicht wieder ein. Manchmal erlebe ich auch etwas und denke mir: Halt inne, das wäre eine gute Szene im Buch. Trotzdem könnte ich gut leben, ohne zu schreiben.

Die Schriftstellerin Zadie Smith sagt: „Schreiben ist Schmerz und Leiden, Lesen ist der wahre Genuss.“

Am meisten Schmerz und Leiden bereitet es, gelesen zu werden. Jedes Urteil macht Angst, Leser, Kritiker, Leute, die einem nahestehen. Die Komplimente sind schwer zu ertragen, weil sie so etwas Absolutes haben, die Kritiken, weil ich am liebsten Ohrfeigen verteilen würde.

Bekamen Sie schlechte Kritiken?

Ja. Wenn man über sich selbst schreibt und kritisiert wird, ist es, als würde man mich persönlich nicht lieben.

Können Sie sich vorstellen, auch über etwas anderes zu schreiben als über sich selbst?

Sicher, aber dazu müsste ich reifer sein, selbstbewusster. Mir hilft es, mich auf mich zu berufen, mich der Realität anzunähern, etwas Fühlbares zu haben. Es ist eine Frage des Selbstvertrauens, sich von sich zu entfernen.

Ihr Vater sagte in einem Interview, Sie würden immer weniger als seine Tochter wahrgenommen, seit Sie schreiben. Erleichtert Sie das?

Eines Tages werden die Leute vielleicht vergessen haben, wessen Tochter ich bin. Aber dann wird mir das vielleicht fehlen. Andererseits ist mein Vater auch nicht der wichtigste Mann, und ich bin nicht die Tochter von Mitterand.

Philosophen sind doch in Frankreich die Könige.

Könige, auf die man zielt. Eher Feinde als Freunde.

Als „Nicht so tragisch“ herauskam, waren Sie eine öffentliche Figur, ein Thema der Klatschpresse.

Das war surreal, vollkommen verrückt. Ich hatte das Gefühl, einen kleinen Schlüssel in eine Tür gesteckt zu haben und – baff! Die Presse war sehr aggressiv. Ein spanisches Interview mit mir trug die Überschrift: „Ich hasse Carla Bruni.“

Und – hassen Sie Carla Bruni?

Wie sagt man so schön: Gott schreibt auf krummen Linien gerade. Dank dieser Frau bin ich verheiratet, ich habe Romane geschrieben, auf die ich stolz bin, und ich habe zwei Kinder, die ich mehr liebe als alles auf der Welt. Wenn sich meine Wege eines Tages noch einmal mit Carla Bruni kreuzen, falle ich ihr um den Hals.

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