Zeitung Heute : Sorge dich nicht, lüge

Von Tanja Stelzer

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Letzte Woche haben wir Noah bei seiner ersten Lüge ertappt. Er spielte mit seinem BaggerFuhrpark. Ich weiß nicht, ob es mütterlicher Instinkt war oder bloß der unangenehme Geruch, der durchs Wohnzimmer wehte. Jedenfalls fragte ich ihn: „Hast du die Hose voll?“ Noah hob den Kopf, überlegte kurz und antwortete triumphierend: „Nee!“ Dann spielte er weiter, und ein zufriedenes Grinsen über die eigene Schlauheit fläzte sich in sein Gesicht wie in einen bequemen Sessel. Das Grinsen wich grenzenloser Empörung, als ich ihn trotzdem zur Wickelkommode trug. Obwohl er protestierte: „Bagger spielen!“

Ich hatte mich immer für Noahs Unverstelltheit begeistert. Niemand ist ehrlicher als ein Baby: Es brüllt, wenn ihm etwas nicht passt, es juchzt, wenn es sich freut; dazwischen gibt es wenige Abstufungen. Babygefühle sind ungefiltert; am Anfang kennt der Mensch keine Falschheit. Damit ist es vorbei. Noah ist kein Baby mehr; er hat das Kalkül entdeckt.

Für ein paar Tage versank ich in Trauer über das Ende der Unschuld. Dann las ich im Online-Familienhandbuch einen Beitrag über „Kinderlügen als Spiegel ihrer Zeit“. Ein Vergleich zwischen Forschungen aus den 20er Jahren und einer neuen Befragung von Berliner Kindern hat ergeben: Heutzutage lügen Kinder moralisch wertvoll. Im letzten Jahrhundert waren die Forscher noch über das „niedrige sittliche Niveau“ der Kinder erschrocken. Heute sind Kinder zwar auch nicht ehrlicher, aber sie zählen, sagen die Wissenschaftler, bessere Gründe für Lügen auf. In den 20ern fanden Kinder es in Ordnung, die Unwahrheit zu sagen, wenn sie mehr Süßigkeiten gegessen hatten als erlaubt. Heute meinen Kinder, dass ein Einbrecher oder ein Mörder lügen darf, um seine Tat zu vertuschen, „sonst kommt er ja ins Gefängnis“. Mord und Einbruch finden sie offenbar nicht so schlimm.

Wenn mein Neffe Gabriel lügt, hat meine Schwägerin festgestellt, leuchten seine Augen noch blauer als sonst. „Das ist die Fantasieentwicklung“, hat sie mir erklärt. Irritiert sind Kinder allerdings, wenn sie ihre Eltern beim Lügen ertappen. Neulich war meine Schwägerin mit Gabriel im Thermalbad. Er ist gerade vier geworden, und für Kinder ab vier muss man Eintritt zahlen. Nach einem kleinen Kampf mit ihrem Gewissen schlug meine Schwägerin ihrem Sohn vor: „Du kannst doch sagen, du bist drei, mhm?!“ Gabriel setzte einen Blick auf, der sagte: „Hey, ich bin vier, um nichts in der Welt werde ich wieder drei!“ Die Kassiererin hat das Kind dann einfach durchgewinkt.

Meine Schwägerin erzählt ihrem Sohn, dass sie fliegen kann und zaubern. Manchmal, wenn er nicht am Computer spielen soll, sagt sie: Der ist kaputt, den kann nur der Papa reparieren. Kleine Lügen für einen guten Zweck: um Geld zu sparen, um Gabriels Fantasie zu fördern, um Streit zu vermeiden, manchmal, zugegeben, auch aus Bequemlichkeit. Jedesmal, wenn ihr Sohn sie erwischt, verliert sie ein Stück ihres mütterlichen Heiligenscheins, und Gabriel wird ein bisschen erwachsener. Die Forscher fänden das bestimmt einen prima Grund für eine Lüge.

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