Zeitung Heute : Sorglose Sünder Humboldts Eros

Vorbeugen nein danke? Forscher untersuchen, warum Krankheitspräventionen oft erfolglos sind Reise ins Innere der Menschen: Der Gründer der Berliner Universität schuf die Grundlagen für die moderne Sexualwissenschaft

Klaus M. Beier

Gesundheitsbewusstes Verhalten wird allerorten eingefordert. Das Bundesgesundheitsministerium überschüttet die Bürger mit Appellen zur gesunden Ernährung und fordert zum regelmäßigen Gesundheits-Check ab 35 auf, Krankenkassen belohnen ihre Klienten mit Prämien und Bonussen, wenn sie an Rückenschulen oder Entspannungskursen teilnehmen. Was sich unter dem Begriff Prävention zusammenfassen lässt, klingt vernünftig: Krankheitsrisiken im Vorfeld erkennen, Erkrankungen vorbeugen und deren Folgen minimieren. Durch Prävention sollen die Kosten im Gesundheitswesen gesenkt werden, und jeder Bürger ist dazu angehalten mit dem „richtigen“ Verhalten seinen Betrag zu leisten.

Tatsächlich aber erreichen Krankenkassen und Ärzte mit Präventionsprogrammen lediglich einen Bruchteil der Bevölkerung, wie der aktuelle Gesundheitsbericht der Bundesregierung preisgibt: Nur 17 Prozent der Versicherten nehmen an Untersuchungen zur Früherkennung chronischer Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes teil. Der Anteil derjenigen, die an Programmen zur Gesundheitsförderung teilnehmen, liegt unter zehn Prozent. Der beständig an der Erhaltung seiner Gesundheit arbeitende Mensch ist offenbar die Ausnahme.

Die Wirksamkeit von Präventionsprogrammen wird im neu begründeten Forschungsschwerpunkt „Präventives Selbst“ untersucht. Hier arbeiten Sozialanthropologen des Instituts für Europäische Ethnologie mit Medizinern der Charité zusammen, denen es auch um die Frage geht, wie sich Körper, Psyche und das soziale Umfeld von Patienten nach der Diagnose im Wechselspiel miteinander verändern. „Wir wollen untersuchen, ob und wie Betroffene eine Balance zwischen Verantwortung und Risiko finden“, sagt Jörg Niewöhner vom Institut für Europäische Ethnologie. Die Forscher von Humboldt-Universität und Charité begleiten Patienten zwei Jahre lang im Alltag, denen laut Diagnose des Hausarztes droht, in Zukunft an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu leiden. Die Forscher führen Interviews mit Hausärzten und Krankenkassenmitarbeitern.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören zu den chronischen Krankheiten und stehen bereits seit Jahrzehnten im Visier der Präventionspolitik. Ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands leidet an ihnen. Sie sind noch immer Todesursache Nummer eins in Deutschland, ihre Therapie verursacht höhere Kosten als jede andere Krankheit. Den Sozialanthropologen Niewöhner interessiert, was mit Patienten passiert, wenn sie vom Hausarzt erfahren, dass ihnen aufgrund von Übergewicht, mangelnder Bewegung und erhöhtem Blutdruck eine Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems droht. Die Frage ist, wie Patienten dieses Wissen „verwerten“.

Niewöhner vermutet, dass die Präventionsstrategie ihr Ziel verfehlt, weil sie von „unerwünschten Nebenwirkungen“ begleitet wird. Im Gegensatz zu dem erwarteten Verhalten könnte ein Patient beispielsweise sein Übergewicht, eines der Hauptrisikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen, als neue – positive – Identität annehmen. Oder das Wissen um eine genetische Disposition dient als Entschuldigung, um einen ungesunden Lebensstil beizubehalten.

„In der internationalen kulturanthropologischen Forschung spricht einiges dafür“, erklärt Niewöhner, „dass Identitätskonzepte immer stärker durch körperliche Faktoren geprägt werden“. So hält der US-amerikanische Anthropologe Paul Rabinow die Bildung neuer kollektiver und individueller Identitäten auf der Basis biomedizinischen Wissens für möglich. Zur Beschreibung dieses Phänomens hat er Anfang der 90er Jahre den Begriff „Biosozialität“ geprägt.

In einer Umkehrung des biosoziologischen Konzepts, das Verhalten auf genetische Grundlagen zurückführt, postuliert Rabinow, dass Verhalten und soziale Beziehungen durch medizinisches oder genetisches Wissen beeinflusst und geformt werden. Seine Theorie entwickelte er vor dem Hintergrund des 1990 gestarteten internationalen Human Genome Project zur Entschlüsselung der menschlichen Gene, aber auch als Reaktion auf die gleichzeitig boomende Soziobiologie. Die Berliner Forscher untersuchen nun, inwieweit solche Identifikationsprozesse auch bei der gesundheitlichen Prävention eine Rolle spielen.

Mit der bevorstehenden Verabschiedung eines bundesweiten Präventionsgesetzes soll die Gesundheitsprävention zu einer tragenden Säule des Gesundheitssystems ausgebaut werden. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Erforschung von „Medizin als sozialer Prozess“ an der Humboldt-Universität in Zukunft weiter in den Vordergrund rückt. Bekommt die Universität in der Exzellenz-Initiative der Bundesregierung den Zuschlag für den Elitestatus, könnte der Forschungsverbund Sozialanthropologie und Lebenswissenschaften Teil des von HU und Charité gemeinsam geplanten „Interdisziplinären Forschungsinstitut Lebenswissenschaften“ werden, das als Kernstück des Zukunftskonzeptes der Humboldt-Universität gilt. Kristina Vaillant

Mehr Informationen im Internet:

www.csal.de

Wilhelm von Humboldt ist den meisten durch seine bildungspolitische Großtat – die Gründung der Berliner Universität im Jahre 1810 – bekannt. Dass er sich wie sein jüngerer Bruder Alexander um die Entdeckung des „Kosmos“ bemühte, ist dagegen in Vergessenheit geraten. Dies mag daran liegen, dass sich Wilhelm auf die „innere“ Welt des Menschen konzentrierte und sich Erkenntnisse aus diesem Feld weniger gut vergegenständlichen lassen – anders als die Forschungen seines Bruders. Dieser beschrieb bekanntlich die äußere Natur und konnte hierfür Pflanzen, Gesteine, Zeichnungen von Flussverläufen und Gebirgen präsentieren.

Dabei waren Wilhelm von Humboldts Erkenntnisse ausgesprochen fortschrittlich – womöglich zu gewagt für seine Zeit. Er machte deutlich, dass das innere Erleben nicht abzukoppeln ist von der Geschlechtlichkeit der Menschen. Aus heutiger Sicht würde man sagen: nicht abzukoppeln von ihrer sexuellen Präferenz. Humboldt behauptete damit, dass die Geschlechtlichkeit eines Jeden sein inneres Erleben und Verhalten bestimmt.

Seine erstmals 1795 in der von Friedrich Schiller herausgegebenen Monatsschrift „Die Horen“ publizierten Gedanken zur Geschlechtlichkeit waren so kühn, dass Immanuel Kant sich bemüßigt sah, diese neue Richtung des Denkens in Misskredit zu bringen. Kant ging von zwei Stämmen der Erkenntnis aus – Sinnlichkeit und Verstand. Wilhelm von Humboldt wies dagegen nach, dass es sich um einen einzigen Baum der Erkenntnis handelte. Sinnlichkeit und Verstand ließen sich nicht wirklich voneinander trennen. Insbesondere im Sexuellen, so Humboldt, seien rationale und irrationale Einflüsse verknüpft. Aus heutiger neurowissenschaftlicher Sicht würde man sagen: „Keine Kognition ohne Emotion“. Da die Sinnlichkeit in der Geschlechtlichkeit wurzele, empfahl Humboldt als Ausgangspunkt der Humanwissenschaften das Studium menschlicher Geschlechtlichkeit. Dies beinhalte naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Elemente. Für ihn war klar, „dass die physische Natur nur ein großes Ganzes mit der moralischen ausmacht und die Erscheinungen in beiden nur einerlei Gesetzen gehorchen“.

Dieses Konzept hat Wilhelm von Humboldt auf seine späteren Sprachforschungen ausgedehnt und dabei herausgearbeitet, dass auch der „Gedanke der letzte Sprössling der Sinnlichkeit“ ist und damit der Ursprung des Geistes in der Geschlechtlichkeit liegt. Das organisierende Prinzip der Natur sei Eros: Die Liebe zum Anderen, die Spannung, die Differenz ist das eigentlich Bewegende. Der Eros bestimme die körperliche wie die geistige Anziehungskraft sowie die Erweiterung des eigenen Selbst durch den Anderen.

Im Humboldtschen Sinne leitet sich daraus ab, auf das bisher Fremde zu achten und dies in die eigene Weltsicht zu integrieren. Genau dasjenige, was trennt und die Differenz markiert, werde zu etwas Verbindendem. Dies funktioniert aber nur in der Aufmerksamkeit für das, was vom Anderen in Abweichung zur eigenen Weltsicht vorgebracht wird. Ist diese Aufmerksamkeit nicht gegeben – indem nur auf das Gleiche geachtet wird, oder auf das, was von einem selbst ausgeht – dann versiegt im Körperlichen das Zusammenspiel und im Geistigen bricht ein Dialog ab.

Das von Wilhelm von Humboldt entwickelte Gesamtverständnis des Menschen und sein Blick auf den inneren Kosmos ist für die heutige Sexualwissenschaft von größter Bedeutung – für die Grundlagenforschung als auch für die klinische Arbeit. Sein zentraler Gedanke, dass sich das geistige Schaffen des Menschen und letztlich auch sein Handeln von seiner „sinnlichen Natur“ nicht trennen lasse, findet sich in den Studien von Havelock Ellis, dem englischen Pionier der Sexualforschung („Studies in the Psychology of Sex“, 1897-1910). Gleiches gilt für Sigmund Freud und seine „Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905). Insbesondere finden sich Humboldts Gedanken auch bei Iwan Bloch („Das Sexualleben unserer Zeit“, 1906), dem Begründer der Sexualwissenschaft.

Wilhelm von Humboldt fasste schließlich 1827 sogar den Plan, eine Geschichte der Prostitution zu schreiben – im selben Jahr, in dem auch Alexander von Humboldt seine berühmten Kosmosvorlesungen an der Berliner Singakademie hielt. Wilhelms Werk zur Prostitution blieb Entwurf. Das war möglicherweise auch seiner Erkrankung geschuldet; Humboldt litt an Symptomen, die auf die Parkinson-Krankheit hindeuten.

Bisher wurde sein gedankliches Vermächtnis nicht ausreichend gewürdigt. Mit dem Ziel, seine Erkenntnisse zu bewahren, wurde 2006 die Wilhelm- von-Humboldt-Stiftung gegründet. Förderung und Schutz des Bewusstseins von Geschlechtlichkeit, Sexualität und Partnerschaft als elementaren Bestandteilen der menschlichen Natur ist ein Ziel der Stiftung. Sie unterstützt Wissenschaftler, die sexualwissenschaftliche Fragestellungen in Forschung, Klinik und Lehre bearbeiten wollen.

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