SOS-Kinderdorf : Die Frau des Fremden

Anitha heiratet einen Mann, den sie kaum kennt. Zehn Minuten hat sie vor der Verlobung mit ihm gesprochen. Das SOS-Kinderdorf hat ihn ausgesucht, denn dort ist Anitha aufgewachsen. Wie verträgt sich die Idee eines Kinderdorfs mit arrangierten Ehen? Und was ist mit Liebe?

Kerstin Decker[Cochin Indien]
Hindu Hochzeit
Anitha und Shanthos, weiß gekleidet und goldumrändert. -Foto: Patrick Wittmann/SOS-Kinderdorf

Sie sind Freundinnen, und Nachbarn sind sie auch. Anitha, das Hindu-Mädchen, wohnt im Haus „Ganga“, die Christin Sumi nebenan im Haus „Dove“. Sie sind fast gleich alt, Mitte zwanzig. Es ist gut, auf einem Hügel zu wohnen. Man kann so viel besser auf die Welt runtergucken.

Wenn Anitha und Sumi früh am Morgen auf die Veranden ihrer Häuser treten, liegt sie ihnen schon zu Füßen. Das hat die Welt nicht immer gemacht. Denn dies hier ist ein SOS-Kinderdorf, und wer da groß wird, dessen Dasein hat früh einen tiefen Riss bekommen. Anitha lacht viel, wie Sumi. Aber neuerdings vergisst sie das Lachen manchmal mitten im Lachen, dann steht es still in ihrem Gesicht, so als müsse es nachdenken. Drei Tage lang noch wird Anitha das urvertraute, großzügige Haus mit der Veranda sehen, die Geschwister, die gar nicht ihre Geschwister sind, aber man könnte keine besseren haben, ihre Mutter Wimala, die gar nicht ihre Mutter ist, aber man könnte keine bessere … Familien wie diese hat der früh elternlose Österreicher Hermann Gmeiner sich vorgestellt, als er nach dem Krieg die SOS-Kinderdorf-Idee hatte: Familie statt Heim, statt Waisenhaus. 37 Jungen und 149 Mädchen leben heute im 1990 eröffneten SOS-Kinderdorf Cochin im südindischen Staat Kerala, in 15 Häusern.

Drei Tage lang noch wird Anitha das Bild von Hermann Gmeiner vor Augen haben, umkränzt von bunten Lichterketten und Kerzen wie ein Buddha. Dann wird sie weggehen. An einen Ort, den sie noch nie zuvor gesehen hat, um in einem Haus zu leben, in dem sie nie zuvor war.

Sie wird dort mit einem Mann wohnen, den sie zwar schon gesehen hat, aber mit dem sie vor ihrer Verlobung erst zehn Minuten gesprochen hat. Anitha heiratet – und das SOS-Kinderdorf hat ihr den Mann organisiert. Anitha hat schon gearbeitet, in einem Graffiti-Shop, hat aber wieder aufgehört. „Ich will eine gute Ehefrau, Mutter und Schwiegertochter werden“, sagt sie, zweifelt unter Gmeiners Bild einen Augenblick, lacht und zupft an ihrem knallgrünen Sari die Verlegenheit weg.

Anitha heiratet so wie fast alle Inder bis auf den heutigen Tag. Warum sich kennen vorher? Man wird sich schon kennenlernen. Andere entscheiden, wer zu einem passt. Die Eltern, das Kinderdorf also. Was hätte wohl Herr Gmeiner dazu gesagt? Natürlich ist das Kinderdorf eine Insel. Aber darf es darum Insulaner westlichen Stils hervorbringen: Bekenner des Glaubens, dass jeder Mensch seine eigene Insel ist? Gar Insulanerinnen? Die Mädchen bleiben im Dorf, bis sie hinaus ins Leben treten. Und das bedeutet für eine junge Inderin: heiraten.

Vielleicht Anitha?, sagten die Kinderdörfler, als jene Familie aus Perinthalmanna sich erkundigte, ob sie nicht ein Mädchen hätten für ihren Sohn. Ein Onkel war auf die Idee gekommen. Man täte ein gutes Werk und bekäme dafür ein behütet aufgewachsenes, traditionell erzogenes und doch gut ausgebildetes Mädchen.

Hätten die Kinderdörfler nicht auch Sumi vorschlagen können? Nein, unmöglich, die Brautschauer sind Hindus. Und nun sogar ein Brahmane für Anitha, oberste Kaste. Shanthos heißt er. Nun gut, ein etwas abgesunkener Brahmane – er fährt einen Schulbus. Drei Tage noch. Und es ist so viel zu tun: Make-up kaufen, Ketten, Ringe, Schuhe …

Lizzy George, Inderin trotz ihres Namens, um die 40, kommt mit. Sie ist gewissermaßen die SOS-Übermutter aller heiratswilligen Mädchen im Dorf. Und oberste Bräutigambeschauerin. 34 Ehen hat das Kinderdorf schon arrangiert. Und es ist wählerisch. Wer zu alt ist, keinen festen Beruf oder Wohnsitz hat, kann gleich wieder gehen. So wie jener Mann damals, 37, Künstler. Viel zu alt, und überhaupt: Künstler! Auch die Sterne müssen stimmen, Größe, Hautfarbe. Je heller, desto besser. Es geht um Mittelstandsehen.

Von Lizzy erfahren die Mädchen alles, was ein Mädchen wissen sollte, bevor es von einer Nacht auf die andere bei einem Mann einzieht. Es sind Ankündigungen nicht ohne eine gewisse Bedrohlichkeit, etwa: „Dein Haus ist deines Mannes Haus.“ Aber Anitha freut sich. So von heute auf morgen ein Haus bekommen! Darüber, dass der Satz vom Mann und Haus sich wohl nicht umkehren lässt – mein Haus ist auch meines Mannes Haus – hat sie noch nicht nachgedacht.

Auch Lizzy würde das Problem wohl nicht verstehen, wir tun das Beste für unsere Mädchen, sagt sie; manchmal schaut sie ein wenig nachsichtig auf diese Europäerinnen, diese Alles-allein-Entscheiderinnen, diese Insulanerinnen des Lebens, die so merkwürdige Fragen stellen. Ist das Alles-allein-Entscheiden nicht eine systematische Überforderung des enttäuschbaren Ichs? Schon Hegel hat gewusst, dass die Ehe eine sittliche Einrichtung ist und als solche mit Liebe nicht viel zu tun habe. Lizzy muss eine große Hegelianerin sein.

Die Frauen halten vor dem Hochzeitsausstatter „The Green Land Phantasy“, er sieht eher aus wie eine Drogerie zur Faschingszeit. Die Frauen begutachten Lippenstifte. Zu dunkel, zu hell, zu grell, zu blass. Bis Anitha beherzt zugreift: „Cranberry“. Es ist wie bei einem Bräutigam, zuletzt muss man einfach einen nehmen.

Eigentlich hat Anitha Grund, Männern zu misstrauen. Der Hauptmann in ihrem Leben, ihr Vater, kümmerte sich nicht mehr um die Töchter, nachdem die Mutter gestorben war. Da ging Anitha in die 6. Klasse. Sie muss nun noch ihren Koffer packen. Mehr wird sie nicht mitnehmen.

Sumi kommt jeden Tag erst gegen sieben Uhr abends zurück aus ihrem Tourist-Office in der Stadt. Nur am Sonntag hat sie ihre Ruhe. Und dann passiert es, am Sonntag vor Anithas Hochzeit, um halb sieben Uhr abends. Eine Familie am Kinderdorftor, eine christliche Familie. Sie sucht eine Braut!

Normalerweise, sagt Mr. Titus, geht das gar nicht: gleich herkommen. Es ist eine Ausnahme, weil die Familie weit weg wohnt. Mr. Titus ist der Leiter des Kinderdorfes, einer von den Menschen hier, für deren Ausstrahlung man ein Wort sucht und zuletzt immer dasselbe findet: Reife, das gemeinsame Kind von Denken, Verantwortung und Erfahrung.

Sumi hat eine halbe Stunde zum Umziehen und zur provisorischen Wiederanordnung der durcheinanderfallenden Gedanken im Kopf. Noch vor kurzem hätte der Bräutigam in spe sich mit seiner Familie an den Tisch gesetzt, und Sumi hätte den Tee gebracht. Eine dienende Zuschauerin der eigenen Lebensentscheidungen. Das war gestern.

Heute macht ihre Mutter den Tee, und die potenzielle Braut sitzt mit am Tisch und wirft wohl ab und zu unter gesenkten Lidern einen halben Blick auf den unbekannten, schmalen, angenehm zurückhaltenden Mann, der bald ihrer sein könnte. Und dann spricht sie mit dem Fremden wie Anitha mit Shanthos, zehn Minuten lang. Anil heißt er, dreißig Jahre alt. Die Familie hat eine Farm, acht Hektar. Akzeptabler Mittelstand also.

Bin ich etwa eine Bäuerin? – Nein, so denkt Sumi nicht, dazu fehlt ihr, der selbstbewussten Reisekauffrau, doch das westliche Ich-Sagertum. Darum will sie über so etwas Wichtiges wie ihren Bräutigam auch gar nicht allein entscheiden. Als die Farmersfamilie weg ist, könnte Sumi rufen: Um Himmels willen, nicht der! Und ihre SOS-Mutter, Mr. Titus, Lizzy George – alle würden es sofort akzeptieren. Aber Sumi bewegt schlangenhaft den Kopf: Das heißt Ja. Vielleicht.

Das heißt noch lange nicht Ja. Zwar haben Anil und seine Familie auch zustimmend mit dem Kopf geschlängelt. Aber nun müssen Sumis SOS-Mutter, Mr. Titus und die anderen das Haus des Bräutigams besuchen, alles begutachten und viele Fragen stellen. Nur eine wird nicht mitkommen: Sumi.

Am nächsten Abend trägt Anitha weiße Jasminblüten im Haar, und ihre Hände sind bräutlich mit Henna bemalt. Gäste betreten das Haus „Ganga“ durch ein Spalier aus Palmblättergirlanden. Und dann verbeugt sich Anitha vor denen, die in ihrem Leben bisher wichtig waren. Sie berührt die Füße von Mutter Wimala, Mr. Titus, Lizzy und vielen mehr, die ihr die Hand auf den Kopf legen. Abschied, Dank und Segnung in einem.

„Shanthos weds Anitha“ steht auf dem Auto, das sie am nächsten Morgen wegbringt vom Haus „Ganga“. Ein ganzer Bus voller Kinderdörfler kommt mit. Last-Minute-Panik-Gedanken. Was, wenn dieser Shanthos nun doch ein Irrtum ist? Schließlich passen die allermeisten Menschen nicht zueinander.

Gott sei Dank, wie ein Irrtum sieht der brahmanische Schulbusfahrer doch nicht aus. Kein Machotyp. Eher weich, vielleicht etwas steinern im Gesicht, aber schließlich ist Anitha auch erst das zweite Mädchen, das ihm „begegnet“ ist, wie er sagt. Und nun muss er gleich vor allen neben ihr gehen. Anitha und Shanthos, weiß gekleidet und goldumrändert, tun es wie zwei, die eine gemeinsame Prüfung zu bestehen haben. Zu zweit und doch jeder für sich. Zuerst der Tempel, dann die Tempelvorplatzzeremonie, zuletzt das brahmanische Räucherritual in der betonnüchternen Mehrzweckhalle des Ortes. Heiliges Wasser, heilige Hölzer und Pflanzen geben ihr Bestes, über Stunden. Und das Feuer natürlich, das der Priester schürt und dessen Rauch der Braut immer wieder in die Augen beißt.

Braut und Bräutigam küssen sich nicht, bis vor kurzem kamen Küsse nicht einmal in Bollywood-Filmen vor. Es gibt viel intimere Gesten: das umräucherte Paar, dicht hintereinander auf Knien, sie lehnt ihren Kopf über seiner Schulter zurück, er den seinen nach vorn. Sumi schaut halb anteilnehmend, halb mit professionellem Interesse zu. Zu Tränen muss Anitha sich nicht mehr überreden. Die Anspannung der letzten Tage und Stunden bricht sich Bahn – sie ist nun verheiratet. Der Priester sagt: „Arrangierte Ehen halten länger.“

Unter Tränen betritt Anitha später das Haus ihres Mannes und seiner Familie in einem hellen Palmenwald. Die aber, mit denen sie fast ihr ganzes bisheriges Leben verbracht hat, fahren gleich ab.

Mr. Titus und Lizzy George wollen noch weiter. Das Haus von Anils Eltern, Sumis potenziellem Bräutigam, liegt nur eine Autostunde entfernt. Sie werden es sorgfältig besichtigen, auch die Schlafzimmer, werden in den Brunnen schauen, von den Früchten des Gartens essen und die Küche kontrollieren. Dann nehmen sie die Einladung zum Tee an. Der Bräutigam in spe, in gelb kariertem Hemd und langem Rock, wischt sich immer wieder den Schweiß von der Stirn. Er steht hinter dem Stuhl seines Vaters, bewegt die Lippen wie im Selbstgespräch oder Gebet. Es beachtet ihn keiner. Das hier ist eine Sache der Erwachsenen. Für Augenblicke liegt große Anspannung in der Luft, nur der Ventilator ist zu hören. Dann steht Mr. Titus auf und geht sich die Hände waschen. Lizzy George auch. Das ist das Zeichen! Wer sich die Hände wäscht, will wiederkommen.

Am nächsten Morgen hat Anitha, auf ihrer neuen Terrasse sitzend, schon mit dem halben Kinderdorf telefoniert. Sie kann wieder lachen. Über die Nacht spricht keiner. Nachtinselgeheimnis.

Sumi sagt: Drei Schlafzimmer haben die! Sie hat schon alles gehört. Die Reisebürofrau, die nun wohl Bäuerin werden wird, schlängelt wieder mit dem Kopf. Warum sollten Paare wie Anitha und Shanthos nicht ebenso glücklich werden wie die Selbstaussucher? Vielleicht verlieben sie sich sogar ineinander.

Was hatte Lizzy, die Hegelianerin, gesagt, worum es geht? „Um das kleine Glück und Sicherheit.“ Ist das wenig?

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben