Zeitung Heute : Soundgeknister an schönen Orten

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Christine Lang

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

In der vergangenen Woche hat sich für mich wieder mal bewiesen: Es gibt für Clubgänger einfach keine bessere Stadt als Berlin. Überall, aber auch wirklich an den unmöglichsten Orten, feiern die Menschen Partys. In alten Schwimmbädern in Prenzlauer Berg, in Bunkern in Wedding, in stillgelegten Fabriken in Kreuzberg, in Kinofoyers in Friedrichshain oder, neuerdings, in der Staatsoper in Mitte. Ich weiß schon gar nicht mehr, wofür ich mich entscheiden soll. Und es ist nicht mal so, dass all diese Tanzflächen dann leer wären, ganz abgesehen davon, dass sie nicht einmal mehr ausschließlich für die jugendliche Zielgruppe interessant zu sein scheinen. Ein Beispiel: Letztes Wochenende habe ich bei der Boogie-Nights-Party im Oxymoron aufgelegt. Zu Housetunes tanzten aus DJ-Sicht „ältere Herrschaften“ – inklusive sehr seriösem Erscheinungsbild. Ich glaube, dass sich hier einige Regierungsbeamte mal ordentlich amüsieren wollten: Schlipse wehten, und Frisuren mussten hernach mühevoll wieder in Form gelegt werden. Die Kondition dieser Tänzer war natürlich nicht die gleiche wie die von Ecstasy-oder-sonstwie-motivierten Ravern, aber: alle Achtung! Zu meinem nächsten DJ-Auftritt werde ich einfach mal meine ganze Verwandtschaft einladen, denn die Hörgewohnheiten der Generationen scheinen sich nicht mehr so voneinander zu unterscheiden. Wer mit Beatles und Rolling Stones aufgewachsen ist, kann wohl locker elektronische Beats und Bässe verkraften.

Ich bin nach meinem Set trotzdem gleich weiter in einen anderen Club gezogen. Ein Glück, sonst hätte ich das beste Konzert seit Jahren verpasst! Im Big Eden spielten um drei Uhr morgens Kid Congo Powers und Khan, eine Zwei-Mann-Formation, deren Performance, wie ein Freund es treffend formulierte, wie „Clockwerk Orange auf schwul“ wirkte. Kid Kongo Powers ist eine Legende. Bevor er zu elektronischen Beats sang, spielte er bei den Cramps, Gun Club und den Bad Seeds. Jetzt im Duo mit Khan ist er eine Sensation. Leider ist Kid Congo schon wieder zurück in die USA gefahren. Bis zum nächsten Auftritt wird es wohl noch dauern.

Ich könnte noch von einigen anderen guten Clubnächten in letzter Zeit erzählen, aber wir sehen ja schon wieder einem neuen Wochenende entgegen, und ich möchte Ihnen dies hier für den Berliner Party-Dschungel noch mit auf den Weg geben: An diesem Wochenende gibt es gleich zwei Highlights – und beide an ungewöhnlich schönen Orten. Die Musikzeitung De:Bug feiert ihr siebenjähriges Bestehen und dies mit großem Aufgebot. Musikalische Richtung: intelligentes, elektronisches Soundgeknister. Im schönen Foyer des Kino International wird es aller Voraussicht nach aber längst nicht so wild zugehen wie vielleicht im Club Apollo Saal. Dort ist der Bucovina Club aus Frankfurt eingeladen. Und über dessen gute Qualität habe ich Ihnen ja schon mehrmals berichtet.

Freitag ab 23 Uhr „7 Jahre De:Bug“ mit den DJs Brett Johnson, Jesper Dahlbäck, Bleed u.a.. Live sind dabei Krikor, Stavostrand, Robert Lippok – das alles im International, Karl-Marx-Allee 33. Samstag ab 22.30 Uhr „Bucovina Club“: DJ Shantel. Live: Boom Pan (Tel Aviv). Im Club Apollo Saal, Unter den Linden 7

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