Zeitung Heute : Souvenirs aus dem Automaten

Zwei Gründer verkaufen Designartikel aus umgebauten Süßigkeitenspendern

Bei Christian Friedrich und Jan Neubauer klingelt das Telefon: Eine alte Eiche werde gefällt und sie dürften sich Stücke aussuchen, verkündet der Anrufer. So kommen die beiden Designer durch einen Sturmschaden zu einem Salzstreuer. Denn ihre Möbel und Wohnaccessoires sind aus Stadtbäumen gewerkelt, die abgeholzt werden müssen. Jetzt kann man Designstücke wie den würfelförmigen Salzstreuer oder die zylinderförmige Pfeffermühle, gefertigt aus geschichtsträchtiger Hauptstadteiche, im Automaten kaufen.

Das Konzept, Berliner Designsouvenirs aus Süßigkeitenautomaten zu verkaufen, stammt von Jörg und Theresa Wichmann, den Gründern der Design-Plattform Berlinomat und des gleichnamigen Ladens in Friedrichshain. Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels kürte Berlinomat 2008 zum „Shop des Jahres“. Der zündende Gedanke, Design in einer Miniboutique auf Rollen an touristischen Knotenpunkten anzubieten, kam dem 39-jährigen Wichmann des Nachts. Immerhin macht er 60 Prozent seines Umsatzes mit Touristen. Seit Februar stehen Prototypen am Hauptbahnhof, am Flughafen Tegel und in den Galeries Lafayette.

Wer I-Love-Berlin-T-Shirts oder Kaffeebecher mit Berliner Bären aus der üblichen Souvenirpalette erwartet, liegt falsch. Der Automatenshop bietet allein Produkte von in Berlin lebenden und arbeitenden Designern. Die in Kleinserien produzierten Stücke gibt es nicht zum Schokoriegelpreis, sie kosten 7,50 bis 50 Euro. Allein in die Entwicklung der Automaten, für die ein Team aus Technikern, Automaten-, Screen- und Verpackungsdesignern zwei Jahre lang getüftelt hat, floss eine sechsstellige Summe.

Seit 2003 vermarktet Wichmann Berliner Design erfolgreich und ist in der Mode- und Designszene verankert. „Mir ist es wichtig, dass Berliner Design gesehen und gehört wird“, sagt der gelernte Werbekaufmann. „Gerade die jungen Marken muss man an die Hand nehmen.“ Daher auch seine Zusammenarbeit mit Design- und Modeschulen wie der Mediadesign-Hochschule (MD.H). Die beste Studentenidee aus Wichmanns Designworkshop an der MD.H unter dem Motto „alles andere gibt es schon“ wird es als Produkt in seinem Automaten geben. Aber auch gestandene Labels wie Hüftgold sind mit ihren flauschigen Schals vertreten. Insgesamt gibt es 42 Design- und Souvenirartikel, die teils für den Automaten entwickelt wurden oder schon aus dem Friedrichshainer Laden in der Frankfurter Allee bekannt sind.

Eine knappe halbe Million Euro setzte der Designladen Berlinomat im Vorjahr um – drei Prozent mehr als 2008. Jetzt „erhoffen wir uns mit den Automaten noch einmal einen ordentlichen Sprung“, sagt Wichmann. Der Berliner träumt von Automaten von Toronto bis Tokio, aber zunächst müssen seine Prototypen die Bewährungsphase bis Jahresende bestehen. In den USA laufen automatisierte Lädchen schon prächtig, dort gibt es iPods oder Körperlotionen in rund 1000 „automated retail stores“ der Firma Zoomsystems. Zudem spart der Automat Miet- wie Mitarbeiterkosten und durch sein mobiles Rollwerk kann er dahin transportiert werden, wo der Kunde ihn braucht: Vielleicht zum Checkpoint Charlie oder vor den angesagten Club Weekend?

Viele Passanten halten Abstand zu dem orangenen, rund drei Meter hohen Apparat mit 24 Produktschachteln hinter der Glaswand. Einige sind mutiger. Ein Mann mit iPhone blättert durch die videoanimierten Demos, die jedes Produkt auf einem Touchscreen vorstellen. Dann eilt er weiter. Aber er merke sich das Gerät, falls er mal schnell ein Geschenk brauche. Eine junge Düsseldorferin entscheidet sich für das Urban-Art-Berlin-Buch; der Bildband über Straßenkunst gehört zu den Verkaufsschlagern der ersten Wochen. Ein Potsdamer Produktdesignstudent findet den Automaten unpersönlich, freut sich aber, als er den Sphinx-Brillenhalter in Nasenform entdeckt. „Den hat ein Kommilitone von mir gemacht.“ Er kauft aber lieber den Jutebeutel – mit der Aufschrift „Ick bin ne Jute“.

www.berlinomat.com

Mir ist es wichtig, dass Berliner Design gesehen und gehört wird. Gerade die jungen Marken muss man an die Hand nehmen.“

Jörg Wichmann,

Gründer

Berlinomat

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