Zeitung Heute : Souvenirs aus kleinen Händen - Eine Ausstellung widmet sich dem Thema "Tourismus und Kinderarbeit"

Hella Kaiser

Schwitzend suchen wir in Alis Caféhaus in Aleppo Schutz vor der Mittagshitze. Wer könnte bei 35 Grad im Schatten etwas essen? Dass wir wenig später doch an Sesamkringeln nagen, liegt an Ahmed. Augen wie Kirschen hat er und ein Lächeln, dass uns dahin schmelzen lässt. Geschickt balanciert der elfjährige Syrer das runde Kuchentablett auf seiner rechten Schulter und läuft wieselflink um die Tische herum. "Eigentlich", sagt eine Touristin nachdenklich, "müsste der Junge doch jetzt in der Schule sein." Als wir ihn auch abends um 23 Uhr noch bei der Arbeit sehen, ahnen wir: Auch morgen wird es wohl nichts mit dem Unterricht.

Wer durch die Dritte Welt reist, kennt das Problem. Ob in Chile, Thailand oder Simbabwe, überall begegnet man den kleinen Helfern und Händlern, die Touristen Waren und Dienstleistungen anbieten. Nach Expertenschätzungen arbeiten weltweit rund 250 Millionen Kinder zwischen fünf und vierzehn Jahren. Etwa zwanzig Millionen von ihnen, so belegt eine Studie aus dem Jahre 1995, suchen ihr Auskommen im Tourismus. Solange die Nachfrage nach exotischen Urlaubszielen steigt - die World Tourism Organization (WTO) prognostiziert jährliche Zuwachsraten von vier Prozent - werden entsprechend mehr Kinder Beschäftigung suchen - und finden.

Gerade Entwicklungsländer versuchen, ihre miserablen Wirtschaftsbilanzen durch Erträge aus dem Tourismus zu verbessern. Doch wer Urlauber ins Land locken will, aber nicht mehr als Strand und Sonne zu bieten hat, muss preiswerter sein als die Konkurrenz. Da kommen Kinder als billige Arbeitskräfte gerade recht. Die vom Schweizer Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung konzipierte Ausstellung "Ferienglück aus Kinderhänden", jetzt auf der ITB zu sehen, zeigt viele Beispiele, wie und wo Kinder im Reisegeschäft eingesetzt werden. Sie schuften in indischen Gästehäusern, thailändischen Bars und philippinischen Küchen, verdingen sich an lateinamerikanischen und afrikanischen Stränden als Beachboys, arbeiten als Träger oder verkaufen Souvenirs.

Ihr Lohn ist kärglich, aber für viele Familien unverzichtbar. Ohne den Verdienst ihrer achtjährigen Tochter etwa könnte die Vietnamesin Hoa in Ho-Chi-Minh-Stadt nicht überleben. "Mir kaufen die Leute ja sowieso nichts ab", sagt die 42-Jährige resigniert. Ihrem kleinen Mädchen aber könnten die Touristen nicht widerstehen. Mit dem Verkauf von Postkarten und Kaugummis verdient die Kleine den Lebensunterhalt der vierköpfigen Familie: rund 45 Dollar im Monat. Statistisch gesehen könne ein Kind schon ab drei bis vier Jahren mehr einbringen als es zum Leben braucht, fand Terre des Hommes heraus.

Angesichts dieser traurigen Tatsachen stehen Touristen vor einem Dilemma. Sollen sie sich auf den Handel mit Kindern einlassen oder nicht? Während viele schon deshalb etwas geben, um nicht weiter belästigt zu werden, begreifen andere ihre "Spenden" als unmittelbare Form der Entwicklungshilfe. Schließlich, so belegen doch die Fakten, sind Kinder und ihre Familien auf diese Erwerbsquellen dringend angewiesen.

Die Ausstellung zeigt, welch ein Teufelskreis mit diesem Verhalten in Gang gesetzt wird. Beispiel Kenia. Seit die Strände des afrikanischen Landes von Reisenden "entdeckt" wurden, siedelten sich immer mehr Einheimische in den Einzugsgebieten rund um die großen Hotels an. Sie zogen in der Hoffnung her, "in der boomenden Tourismusregion ein Auskommen zu finden", erklärt Christine Plüss vom Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung. Selbst aus Ruanda und Somalia seien Jobsuchende gekommen. Während sich für die Erwachsenen die Hoffnung auf Arbeit selten erfüllt, sind es wieder die Kinder, die als billige Handlanger angestellt werden.

68 Prozent dieser kleinen Helfer, so fand Christine Plüss heraus, gehen nicht mehr zur Schule. Wozu auch? Am Strand, so berichteten die jungen Afrikaner, könne man leicht Geld verdienen und komme überdies mit Fremden in Kontakt. Da ließen sich, so die trügerische Hoffnung, vielleicht Freundschaften schließen, die Wege in eine gesicherte Zukunft in Europa oder den Vereinigten Staaten ebnen könnten. Auf Sand gebaute Träume, aus denen viele junge Kenianer schmerzlich aufwachen mussten, als die Touristen nach einer Reihe von negativen Schlagzeilen ausblieben. Den wenigsten bot sich die Chance, einmal versäumte Ausbildungschancen noch nachzuholen.

"Bildung ist das wirksamste Instrument, dass wir für den Kampf gegen die Kinderarbeit besitzen", bekräftigte Carol Bellamy, Direktorin des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen aus Anlass einer Tagung zum Thema. Dass dies in vielen Entwicklungsländern nicht erkannt wird, hängt oft unmittelbar mit dem Tourismus zusammen.

Um überhaupt ins Feriengeschäft zu kommen, müssen Flughäfen und Straßen gebaut sowie Wasser- und Stromversorgung garantiert werden. Um die Kosten für diese Infrastrukturmaßnahmen aufzubringen, wird häufig an den Sozialausgaben gespart. In Mosambik zum Beispiel führte man das Schulgeld wieder ein, was prompt dazu führte, dass zahlreiche Eltern ihre Spösslinge erst gar nicht zum Unterricht anmeldeten.

Die Ausstellung zeigt exemplarisch, welchen Beitrag die Tourismusindustrie zum Wohle der einheimischen Bevölkerung leisten könnte. Da werden Kinderhilfsprojekte vorgestellt, die mit wenig Mitteln schon Erhebliches zu Wege brachten. Ein gutes Beispiel ist etwa das Programm "Guia Mirim" in Salvador de Bahia. Hier werden junge Brasilianer zwischen zwölf und achtzehn Jahren als Fremdenführer ausgebildet und betreut. Man will den Kindern Wissen wie etwa Sprachkenntnisse vermitteln und eröffnet ihnen gleichzeitig die Chance auf den notwendigen Gelderwerb.

Wer mit offenen Augen durch die (Dritte) Welt reist, findet Möglichkeiten zu helfen. Ein älteres deutsches Ehepaar sah bei einem Aufenthalt in Kenia, dass die Schulkinder dort keine Hefte und Stifte haben. Ein Jahr später hatten sie die entsprechenden Dinge in ihrem Gepäck und wollen - nach Absprache mit dem Lehrer - bei weiteren Besuchen mehr von dem mitbringen, was den Schulkindern fehlt. Das kostet nicht mehr als ein paar Souvenirs aus kleinen Händen. Und ist allemal nützlicher.Die Ausstellung "Ferienglück aus Kinderhänden" ist während der ITB in Halle 7.2"b an Stand 17 zu sehen.

Zusätzliche Informationen und Hintergrundmaterial findet man im gerade erschienenen gleichnamigen Buch von Christine Plüss (Rotpunktverlag Zürich, 192 Seiten, 30 Mark).

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben