Zeitung Heute : Sozialarbeit unkompliziert

Ein EFB-Projekt unterstützt hilfebedürftige Familien dabei, ihren Alltag zu bewältigen

Marion Hartig

Svenja Rabe kam gerade aus Ghana zurück, hatte dort mit Straßenkindern gearbeitet, als sie von dem afrikanischen Mädchen hörte, das seit einigen Jahren mit seiner Familie in Berlin wohnt. Das sich nicht zurechtfindet in seinem Leben. Miese Noten in der Schule, keine Freunde, keine Freizeit, Eltern, die es wichtiger finden, dass ihre Tochter auf die Geschwister aufpasst, wäscht und kocht als dass sie Mathematik lernt oder Deutsch. Seit ein paar Monaten kümmert sich Svenja Rabe nun um die 14-Jährige. Besuchen darf sie das Mädchen nicht. „Die Eltern sind dagegen“, sagt die Studentin. Sie treffen sich in einer Begegnungsstätte. Die Studentin hilft bei den Hausarbeiten, hört zu. Erklärt ihr, warum sie nicht mit fremden Männern mitgehen darf, auch wenn sie nett sind. Zeigt ihr, wo sie Freunde finden, Bücher ausleihen und Volleyball spielen kann.

Svenja Rabe ist 23 Jahre, studiert im Hauptstudium Sozialarbeit an der Evangelischen Fachhochschule Berlin (EFB) und nimmt am Projekt „Niedrigschwellige Familienhilfe“ teil. Die Teilnehmer absolvieren 100 Stunden Praktikum in einer sogenannten Problemfamilie, die Unterstützung von außen braucht, um mit dem Alltag klar zu kommen. „Die Situationen, in denen die Studierenden eingesetzt werden, sind vielfältig“, sagt Brigitte Wießmeier, EFB-Professorin für Sozialarbeit. Ein Student half drei Monate lang, die vermüllte Wohnung einer Mutter mit drei Kindern zu entrümpeln. Eine Studentin begleitete eine Familie dabei, vor einer Zwangsräumung ein neues Zuhause zu finden. Andere standen einer rheumaerkrankten, alleinerziehenden Mutter zur Seite, die ihre neugeborenen Zwillinge zu versorgen hatte oder unterstützten eine isoliert lebenden Frau, die als Heiratsmigrantin nach Berlin kam, Kontakte zu knüpfen. Gemeinsam mit den Familien suchen die Studierenden nach Lösungen – und helfen bei der Umsetzung.

Entstanden ist das Projekt auf Nachfrage. „Das Jugendamt Berlin-Mitte suchte Unterstützung für die Arbeit mit jungen Familien“, berichtet Brigitte Wießmeier. Das erste Projekt startete im Sommersemester 2001 – und wurde zu einem Erfolgsmodell: Inzwischen arbeitet die Fachhochschule auch mit Ämtern und privaten Einrichtungen anderer Stadtteile zusammen. Insgesamt 81 Familien wurden bisher von 69 EFB-Studierenden betreut.

Doch nicht jede Familie, die Hilfe braucht, eignet sich für das Projekt. „Das Praktikum soll die Studierenden nicht überfordern. Sie werden ausschließlich in Familien vermittelt, deren Probleme sich noch relativ leicht auffangen lassen“, erklärt Wießmeier. Denn: Die Niedrigschwellige Familienhilfe ist eine Präventivmaßnahme. Doch schon durch einfache Hilfen könne man gestresste Eltern entlasten und so vielleicht verhindern, dass Situationen eskalierten, Kinder geschlagen, missbraucht oder vernachlässigt würden. Im Durchschnitt sechs Monate dauert ein Praktikumseinsatz. Einige Studierende schließen ihr Projekt früher ab, weil die Familie keine Hilfe mehr braucht. Ist das nicht der Fall, übernehmen Teilnehmer des nächsten Seminars, professionelle Sozialarbeiter kümmern sich – oder die Familie muss wieder ohne Unterstützung auskommen.

Für die Studierenden stehen nicht nur die Praxisstunden auf dem Curriculum. Sie tauschen sich auch regelmäßig mit den für ihr Projekt zuständigen, professionellen Sozialarbeitern aus. Außerdem besuchen sie ein Theorieseminar, in dem sie mit Kommilitonen über ihre Fälle diskutieren, lernen, wie man Familienstrukturen analysiert und was es soziologisch gesehen bedeutet, etwa in einem afrikanischen Dorf aufzuwachsen und dann in Berlin zu leben. „Das Interesse an unserem Angebot ist groß“, sagt Brigitte Wießmeier. Die kostenlosen und ohne viel Bürokratie einsetzbaren Studierenden seien gefragt. Doch im Moment kann ihr Seminar keine weiteren Aufträge annehmen – das Projekt ist restlos ausgebucht.

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