SOZIALDRAMA„Precious – Das Leben ist kostbar“ : Zu Hause wohnt der Schmerz

Foto: Prokino
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Precious heißt auf Deutsch kostbar, edel, heiß geliebt. Auf den ersten Blick scheint keines dieser Adjektive etwas mit dem 16-jährigen Mädchen zu tun zu haben, das diesen Namen im Harlem der achtziger Jahre trägt. Sie ist übergewichtig, verschlossen und alles andere als heiß geliebt: Ihr inzwischen abwesender Vater hat sie mehrfach vergewaltigt. Sie hat ein behindertes Kind mit ihm und erwartet ein weiteres. Von der Mutter wird sie täglich erniedrigt, geschlagen und zur Hausarbeit gezwungen.

Immer wenn die Gewalt unerträglich zu werden droht, fantasiert sich Precious (herausragend: Gabourey Sidibe, Foto, links) in eine glitzernde Parallelwelt als gefeierte Popsängerin mit sexy Boyfriend hinein. Wohl nur dank dieser Fähigkeit hat sie es geschafft, sich einen unversehrten, kindlichen Kern zu bewahren. Manchmal blitzt er kurz auf, etwa wenn sie in einem Fastfood-Restaurant einen Eimer mit frittierten Hühnerteilen klaut und anschließend lachend die Straße entlangwackelt.

Mit solchen Szenen hält Regisseur Lee Daniels sein Sozialdrama, das drei Preise beim Sundance Festival gewann, in der Balance. Bei aller Härte kippt es nie in einen effekthascherischen Schockmodus, sondern bleibt einfach immer ganz nah an seiner Hauptfigur. Deren unendlich langsame Entwicklung bleibt immer plausibel und ist absolut fesselnd. Hoffnung kommt auf, als Precious, die kaum lesen kann, in eine Förderklasse für Problemschülerinnen gesteckt wird. Hier findet sie nach einer Weile so etwas wie Solidarität und Freundschaft. Vor allem trifft sie hier die engagierte Lehrerin Ms. Rain, die nie zögert, wenn tatkräftige Hilfe gebraucht wird.

„Precious“ basiert auf dem Roman „Push“ (1996) von Sapphire. Die Dichterin und Performancekünstlerin hat selbst als Alphabetisierungslehrerin in Harlem gearbeitet. Ihr Ziel war es, die Menschen sichtbar zu machen, von denen sie inspiriert worden war. Mithilfe von Lee Daniels ist ihr das nun auf einer noch breiteren Ebene gelungen als durch ihr Buch – zumal Mo’Nique (rechts) für die Darstellung der Mutter eben den Oscar als beste Nebendarstellerin gewann. Deren irre intensiver Final-Monolog ist in der Tat ein Höhepunkt der Gruseligkeit in diesem sehenswerten Emanzipationsdrama, das nebenbei auch einen Beitrag zur aktuellen Missbrauchsdebatte liefert. Hart. Nadine Lange

„Precious“, USA 2010, 109 Min., R: Lee Daniels, D: Gabourey Sidibe, Mo’Nique, Paula Patton,

Mariah Carey, Lenny Kravitz

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