Zeitung Heute : Soziale Marktwirtschaft

Der Winterfeldtplatz ist nicht alles: Ein kulinarischer Spaziergang durch den Schöneberger Kiez zwischen Akazien- und Goltzstraße

Thomas Platt

Es gibt kaum etwas Schöneres für den passionierten Lebensmittelfreund, als ohne Einkaufszettel oder ein konkretes Kochvorhaben im Sinn am Sonnabend über einen großen Wochenmarkt zu schlendern. Erst dann breitet sich das Angebot in seiner ganzen Fülle wirklich aus, und der Blick auf andere Konsumenten, die sich kurz vor Toresschluss in eine Hast hinein gesteigert haben, um ja noch das ihren Vorsätzen Entsprechende aufzutreiben, wiegt einen gar in königlicher Ruhe. Wenn man dann jedoch mit leeren Händen zu Hause in der Küche steht, geht einem das junge Gemüse auf dem Winterfeldtmarkt nicht mehr aus dem Kopf.

Über ihn, der sich in nahezu jedem Touristenführer findet, kursieren inzwischen Legenden; er gilt am Samstag als Nonplusultra eines Budenzaubers aus Kraut und Rüben – und es fehlt nicht viel, dass man ihn wie den Münchner Viktualienmarkt für sakrosankt erklärt. Von ihm allerdings ist er meilenweit entfernt. Anders als in München sind die Produkte durchweg von durchschnittlicher Qualität, das Fleisch-, Käse- und Wurstangebot geht selten über das eines Supermarkts hinaus und die lauthals offerierenden Verkäufer übertreffen sich darin, ihre Kunden mit lärmender Stimme einzuschüchtern. Bevor man ihm endgültig den Rücken kehrt, vermag wenigstens eine solide, auf dem Holzkohlengrill gebratene Schinken- oder Lammbratwurst von „Bauer Lindner aus der Heide“ die Visite zufrieden stellend abzuschließen.

Gottlob stammt der Mostrich dazu nicht vom knapp dreißig Meter entfernten Stand des „Senfsalons“, der mit Variationen wie „Colonial“ (mit Kakao und Kaffee), „Pfeffrige Orange“ und einem weiteren Dutzend Senf-Sottisen die Vorbeikommenden erschreckt. Und gut, dass es von hier nicht weit ist zur „Enoteca“ in der Winterfeldtstraße, die mit den Spaghetti von „Martelli“, den Dosentomaten von „Annalisa“ und dem industriell erzeugten Aceto Balsamico von „Pedroni“ gleich drei Sieger der Tagesspiegel-Testrunde im Programm hat sowie eine wunderbare „Tapenade noire“ von „Darvaux“, die es schon allein wegen ihrer dezenten Sardellennote im Hintergrund gewiss auch bis in die ersten Ränge schaffen würde.

Jeder für sich und Spott gegen alle, so könnte das Motto der Goltz- und die sie weiter nach Süden verlängernde Akazienstraße heißen, die den Bezirk als Aorta des Kleinhandels durchzieht. Auch wenn einem das Treiben dort zunächst nachbarschaftlich oder gar solidarisch vorkommt, lässt sich schwerlich von der Hand weisen, dass fast jeder Geschäftsinhaber mit einem egozentrischen Konzept ringt – und nicht selten sogar mit sich selbst. Mit dem Imbiss-Restaurant „Maharaja“ kurz hinter der Pallasstraße öffnet sich gleich ein bezahlbarer Currykosmos, der die vergleichbaren Institutionen vis-à-vis vor allem mit seinen vegetarischen Gerichten übertrifft.

Statt eines Yogi-Tees könnte man den Kaffee bei „TTT“ trinken. Aber weder dessen betuliches Korbstuhl-Ambiente noch der aufdringliche Potpourri-Duft aus unzähligen Ronnefeldt-Teedosen oder das Personal sind einladend, so dass es bei einer Tüte des ausgezeichneten Espressos aus der hessischen Rösterei Laier sowie bei einem Päckchen Kakaopulver der gleichen Firma bleiben muss. Letzteres ist nur schwach entölt, wenig alkalisch und schmeckt mild und voll. Zum Beispiel im Marmorkuchen entfaltet es sich trefflich.

„Bernd Albrecht“ liegt weiter vom Markt entfernt. Das Angebot der Metzgerei ist einzigartig: Wild von einem Jäger aus Witzke in Brandenburg, das noch aus dem Wald stammt und nicht aus dem Gehege, sowie Bio-Fleisch vom Hereforder Rind, das in Münchehofe gezüchtet wird. Über Rehrücken und Wildschweinkeule und dem französischen Loué-Geflügel stehen auf der Theke noch mit Sauce eingemachte Wildschwein- und Rehrouladen, ebenfalls aus Witzke.

Bei der Verdauung eines dieser Haus gemachten Fertiggerichte aus dem Schraubglas hilft ein Schnaps von Vittorio Capovilla. Seine kostspieligen Destillate aus Rosà bei Bassano del Grappa, die bei „Südwind“ gehandelt werden, gehören in die internationale Spitze und werden bei der alljährlich stattfindenden Destillata regelmäßig mit Medaillen ausgezeichnet. Bemerkenswert ist neben ihrer unglaublichen Fruchttiefe ein leicht mineralischer Ton, der vom Quellwasser aus den Dolomiten herrührt, das Capovilla zum Herunterschneiden auf die vorgeschriebene Trinkstärke verwendet. Obwohl die Käse- und Wursttheke von Südwind manierlich bestückt ist, es vorzügliches Ciabatta und italienisches Landbrot gibt und frische Pasta aus Italien einmal in der Woche hier ankommt, sind es eher die kleinen Extras, die den Reiz des Eckgeschäfts ausmachen. Zu ihnen gehören der Orangensirup von „Maurizio Russo“, mit dem man sich eine Orangeade wie in den 60er Jahren zubereiten kann, oder der fein abgestimmte Kräutersenf aus der so genannten Kunstmühle im Thüringischen Kleinhettstedt.

In unserer Kultur wimmelt es von verkannten Künstlern, die sich gerne der Lebensmittel annehmen, um ihnen das Siegel der Unvergänglichkeit aufzudrücken. Tatsächlich bleiben die humorigen Schokoladenderivate von „Zotter“ aus Österreich lange über das Haltbarkeitsdatum hinaus ungut im Gedächtnis haften. Aber es dürfte eher selten sein, dass jemand wegen Apfel-Berberitzen- oder Sellerie-Trüffel-Portwein-Schokolade bei „Estrellas“ vorbei schaut. Obwohl sie Zotters Schokolade auf Abwegen führt, wartet Esther Kurtz mit echten Sensationen auf, die aus der souveränen Beherrschung des Handwerks stammen und sich nicht mit falschem Adel zu schmücken brauchen. Die glänzenden Schokoladendragees von „Corefeo“ aus Rhede, unter denen die Sorten Mandelkaramell und Tiramisu deutlich hervorragen, sowie das knautschige Ahornsirup-Lakritz von „Auzier-Chabernac“ aus Montpellier (Lakritzgegner werden mit „Pate grise“, einer weißgrauen Varietät, in Versuchung gebracht) sind typische Kleinindustriewaren, während die vollmundigen Pralinen der „Konditorei Storath“ aus Bamberg einer Manufaktur im besten Sinn des Wortes entstammen.

Die empfehlenswerten Rosenpralinen mit kandierten Veilchen oder die Rosmarinpralinen werden allerdings von Esther Kurtz’ Chilitrüffel in den Schatten gestellt. Man möchte es erst gar nicht glauben, was für ein enormes Echo die erst spät im Gaumen einsetzende Schärfe der dunklen Kakaomasse verschafft. Zum Teil liegt es daran, dass sie die leicht mit Malz aromatisierte Forestera- Couvertüre „Timmendorf“ der Firma „Lubeka“ als Grundstoff einsetzt. Aus ihr gießt sie nicht nur niedliche Hohlfiguren wie Bären, Elefäntchen, Ponys, Clowns und Damenschuhe, sondern auch eine denkwürdige Herrenschokolade mit grob gemahlenem Kaffee von „Double Eye“, einem interessanten Espresso-Spezialisten direkt nebenan. Sie kann beispielsweise auf langen Autofahrten als Doping eingesetzt werden. Wenn die zierliche Inhaberin ihre Süßigkeiten erklärt, wirkt sie wie eine kapriziöse Dame auf der Suche nach Marcel Proust. Dieser Eindruck hat etwas Stimmiges: Schließlich ist die Konfiserie von heute ein Werk des 19. Jahrhunderts – und aus ihm kommen ja auch der Wochenmarkt und der Spaziergang auf uns.

„Bauer Lindner“, Winterfeldtmarkt (Sa und Mi 7-14 Uhr).

„Bernd Albrecht“, Akazienstr. 4, Tel. 7821381 (Mo 10-18, Di, Do, Fr 10-19, Sa 10-14 ).

„Double Eye“, Akazienstr. 22, Tel. (0179) 4566960 (Mo 10.30-18.30, Sa 10.30-14).

„Enoteca“, Winterfeldtstr. 56, Tel. 23638240 (Mo-Fr 10-20, Sa 10-16 Uhr).

„Estrellas Chocolaterie“, Akazienstr. 18, Tel. 78956646 (Mo-Fr 10-19, Sa 10-14 Uhr).

„Maharaja“, Goltzstr. 20, Tel. 2157825 (täglich 12-24 Uhr).

„Südwind“, Akazienstr. 7, Tel. 7820439 (Mo-Fr 10-20, Sa 10-16 Uhr).

„TTT – TeeTeaThé“, Goltzstr. 2, Tel. 21752240 (Mo-Sa 8.30-24, So 10-15 Uhr).

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