Soziales : Almosen statt Problemlösung?

Sie versorgt eine Million Arme in Deutschland mit günstigen Lebensmitteln. Trotzdem muss sich Sabine Werth, Chefin der Berliner Tafel e. V., in letzter Zeit oft Vorwürfe anhören: Sie verteile Almosen, anstatt Probleme zu lösen – und verhindere so eine Revolte.

Nadja Klinger
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Sie sät nicht, aber sie erntet. Sabine Werth in der Gemüsesortierhalle auf dem Gelände des Beusselmarkts. -Foto: Uwe Steinert

Sabine Werth steht auf dem Parkplatz vor ihrem Unternehmen. Berlin pfeift ihr um die Ohren, reißt an der Kleidung, zaust das kurze, blonde Haar. Es ist Ende März, der Frühling noch nicht in Sicht, er wird erst Tage später eintreffen. Aber sie ist sowieso kein Mensch, der bessere Zeiten abwartet. Sie legt sich ins Zeug.

Sabine Werth zählt Fahrzeuge. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs ... Kleinere Transporter und größere, die bis zu siebeneinhalb Tonnen laden. „Alles unsere Autos!“, ruft sie begeistert. Als wüsste sie nicht, dass sie einen ganzen Fuhrpark hat. Als hätte sie nicht eben die Teamsitzung überzogen, weil die Arbeit der Berliner Tafel e. V. mittlerweile die eines Großunternehmens ist. Und warum? Weil Sabine Werth sich ins Zeug legt.

Das ist eine von zwei Antworten. Die andere lautet: Das Unternehmen wuchs, weil die Kundschaft immer größer wurde. Aber das ist eigentlich keine Antwort. Sondern ein Problem.

Gegen dieses Problem haben in letzter Zeit Menschen in vielen deutschen Städten demonstriert. Sabine Werth erhielt neulich per Rundmail eine Einladung zu einer Berliner Protestveranstaltung. Sie las: Jedermanns Recht auf soziale und gesellschaftliche Teilhabe solle eingeklagt werden. Sabine Werth nickte. Dann aber las sie einen Satz, der gegen sie gemünzt war: Die Berliner Tafel, hieß es da, stütze eine menschenunwürdige Situation, sie verteile Almosen wie im Mittelalter, für die sie auch noch Dankbarkeit erwarte. Sabine Werth schrieb sofort eine Antwort-Mail: „Geht dem eigentlichen Grund für das Übel nach!“ Sie hätte auch fragen können: Warum greift ihr ausgerechnet die an, die nicht nur protestieren, sondern sich bewegen? Sabine Werth schickte die Antwort-Mail ab, doch sie kam umgehend zurück. Sie schickte sie erneut ab, aber sie blieb unzustellbar. Das System meldete: Sie brauchen es nicht noch einmal zu versuchen.

Ein System ist eine ausgeklügelte Angelegenheit. Es funktioniert. Aber es ist mehr als nur die Summe seiner Teile.

Sabine Werth wurde 1957 geboren. Als sie vier war, starb ihr Vater. Vom Fenster der Wohnung an der Potsdamer Straße, Ecke Bülowbogen beobachteten Mutter und Tochter, wie das Leben funktioniert. Es bestand aus Ruinen, Bombenlöchern, Obdachlosen und Prostituierten. Es ließ sich durchrechnen: Wie lange steht eine Frau, bis ein Freier kommt, wie lange bleibt sie mit ihm verschwunden, wie viel Zeit vergeht, bis sie den nächsten hat? Die Mutter war Krankenschwester, die Tochter pflückte Birnen in den zerstörten Hinterhöfen. Dort pflückten auch andere Kinder. Es galt das Faustrecht. „Ich habe eingesteckt und ausgeteilt“, sagt Sabine Werth. „Ich habe mich geprügelt und verbündet.“

Mit 14 gab sie ihr erstes Radiointerview. Sie war Berlins jüngste Schulsprecherin. Der Direktor schrieb der Mutter: Ihre Tochter setze sich ungewöhnlich stark für andere ein. Am Ende der Schulzeit sollte Sabine Werth die Frauenrolle des Gretchens in Goethes „Faust“ erläutern. Sie flog durchs Abi. Sie hatte überzeugend argumentiert, doch nicht ein einziges Mal aus dem Werk zitiert. Sie brauchte keinen Goethe, um sich mit dem Leben auseinanderzusetzen.

Später legte sie ein Fachabitur ab, studierte Sozialarbeit, Sozialpädagogik, gründete eine Familienpflege, die heute 45 Mitarbeiter hat. Obendrein gründete sie 1993 den gemeinnützigen Verein Berliner Tafel. Sie fuhr durch Berlin, sammelte Lebensmittel ein, die die Supermärkte nicht mehr verkauften, weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen oder Verpackungen lädiert waren. Sabine Werth gab die Lebensmittel weiter an arme Menschen. Sie nannte es „das Prinzip Robin Hood: nehmen, wo zu viel ist, dorthin geben, wo es gebraucht wird.“

Robin Hoods Warenumschlagplatz war das Familienpflegebüro. Lebensmittel bedeckten den Boden, stapelten sich im Flur, füllten das Treppenhaus. Das war ein Problem. Aber nicht allein das von Sabine Werth. Sie bat die Stadt, ihr billige Räume zu geben. Alles, was Berlin anbot, war zu teuer. Für einen Euro pro Quadratmeter kam sie schließlich in Halle 102 der Berliner Großmarkt GmbH an der Blissestraße unter.

Die Berliner Tafel ist ein Warenumschlagplatz mit Stauraum, Kühlzellen, Kühlschränken. Das beißende Aroma überreifer Früchte liegt in der Luft, Frauen und Männer schleppen Kisten, räumen tonnenweise Lebensmittel aus, begutachten, sortieren, waschen, stapeln. Sie beliefern Suppenküchen, Frauenhäuser, Beratungsstellen, Notunterkünfte, Schulen, Kindereinrichtungen. Sie arbeiten mit Logistik, Tourenplänen, minutiös aufgelistetem Warenverkehr – und nur mit Spenden. Sie sind 600 ehrenamtliche und 24 feste Mitarbeiter.

Was sie tun, wird in unserer Gesellschaft bürgerliches Engagement genannt. Doch Halle 102 befindet sich auf einem riesigen betonierten Gelände, fernab von Straßen, Läden, Wohnhäusern. Die Bürger müssen keinen Bogen um sie machen, weil sie nicht im Weg steht. Sie ist kein Ort in der Gesellschaft.

Seit Januar 2005 betreibt die Berliner Tafel zusammen mit dem RBB und den Kirchen 45 Lebensmittelausgabestellen namens „Laib & Seele“. Für einen symbolischen Euro kaufen hier Menschen ein, deren Monatseinkommen unter 900 Euro liegt. Es kommen nicht nur Obdachlose und arme Rentner, sondern vor allem Menschen, die den Bewilligungsbescheid fürs Arbeitslosengeld II vorlegen.

1995 gründete Sabine Werth zusätzlich den Bundesverband Deutsche Tafel. Vor Hartz IV gab es in Deutschland 320 Tafeln, jetzt sind es über 800. Immer mehr Lebensmittel werden rangeschafft, weil es immer mehr Bedürftige gibt. Die deutschen Tafeln versorgen rund eine Million Menschen, 125 000 in Berlin, ein Drittel davon sind Kinder und Jugendliche. Etliche Vereine im Land kopieren das Prinzip des Nehmens und Gebens. Armenversorgung ist nicht mehr eine Sache einzelner Robin Hoods, es ist ein Markt geworden. Deutschland ist Tafelland.

In Tafelland gibt es zu viel des Guten. Das Zuviel hat ein Maß: Euro-Paletten. Alle Neuheiten der Industrieproduktion, die keiner kauft, kommen palettenweise bei der Tafel an. So konnte man vor einiger Zeit an den blau gefärbten Zungen von Kindern in Berliner Sozialeinrichtungen ablesen, dass die Blaubeerlimonade eines Getränkeherstellers ein Flop gewesen war.

Manchmal will die Lebensmittelbranche mehr loswerden als nur ihren Überschuss. „Ihr wollt unseren Müll?“, freuen sich Händler und Marktleiter, wenn Sabine Werth um Spenden bittet. „Seit 15 Jahren erkläre ich denen, dass wir nicht Alba sind“, sagt sie. Trotzdem stelle man ihren Fahrern immer wieder Müllsäcke an die Rampe.

Tafelland ist aber auch ein Land der Spenden, der Freiwilligen. Ohne die gäbe es die Tafel gar nicht. Als Sabine Werth vor sechs Jahren Alarm schlug, weil sie fast pleite war, kam sofort Geld. Trotz Krise bleiben die Zuwendungen nicht aus. Der Finanzvorstand einer Bank geht den Tafelleuten bei der Buchführung zur Hand. Regelmäßig kommt ein gut situierter Herr vorbei und stopft Lebensmittel in seinen Mercedes, um sie auszuteilen. Täglich schaffen 18 Laster sechs bis acht Tonnen Obst, Gemüse, Backwaren, Milchprodukte, Fisch, Fleisch, Aufschnitt, Süßwaren, Bücher, Kosmetik, Kleidung und Hausrat ran. In Halle 102 sieht es aus, als sei die Armut bestens aufgehoben in dieser Gesellschaft. Die Chefin beobachtet das durch ihre kleine runde Brille, „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, wie sie sagt.

Denn Tafelland speist zwar an der Tafel, aber es liebt sie nicht – weil der Weg zur Tafel aus der Gesellschaft hinausführt. Es ist beschämend, vor der Ausgabestelle Schlange zu stehen. „Ich muss da jetzt auch hin“, sagen die Leute. „Sie nehmen uns billigend in Kauf“, sagt Sabine Werth. Das Robin- Hood-Prinzip birgt die Gefahr seiner eigenen Verewigung.

Manchmal ist diese Gefahr sichtbar. An einem der letzten Märzabende sitzt Sabine Werth mit Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse auf einer Bühne in Prenzlauer Berg. Hier plaudert der SPD-Mann regelmäßig vor großem Publikum mit Prominenten. Die heutige Gesprächspartnerin hat die Verdienstmedaille des Landes Berlin und das Bundesverdienstkreuz bekommen. Wie immer gibt es Bier und Wein, aber anders als sonst kaum Publikum. „Ich hab’s geahnt“, sagt Thierse. Wer will schon den Feierabend mit der Armut verbringen. „Rücken wir alle ein bisschen zusammen“, sagt Thierse.

Schon als Sabine Werth ihre Tafel gründete, stand ihr die Frage im Weg: Solltest du, anstatt die Probleme zu lindern, sie nicht lieber beseitigen? Sie verdrängte die Frage. Erst jetzt, da in der Deutschlandkarte an der Wand von Halle 102 so viele Stecknadeln stecken, dass die schwarzen Kuppen ganze Regionen verdunkeln, ist sie wieder da. Jede Stecknadel ist eine Tafel. Wie viele Arbeitslose besänftigen diese Stecknadeln? Eine Million Arme, die versorgt werden – ist das eine Million, die die Klappe hält?

Die Tafeln erleichtern es dem Sozialstaat, sich zurückzuziehen, sagen Kritiker von Sozialforum, vom Aktionsbündnis Sozialprotest. Unternehmen behandeln Arbeitskräfte schlecht, bessern als Spender ihr Image auf, sparen obendrein Entsorgungskosten. Der Soziologe Stefan Selke aus Furtwangen hat das Prinzip der Tafel untersucht und ein Buch darüber geschrieben. Er sagt: Die Tafeln ändern nichts an den Ursachen der Spaltung zwischen oben und unten. Aus Sabine Werths Frage von einst wird bei Selke der Vorwurf einer „Vertafelung der Gesellschaft“.

„Die Lebensmittel, die wir verteilen, halten niemanden davon ab, sich zu bewegen“, sagt Sabine Werth. Eigentlich zeigen ihre Tafeln den Menschen den Fehler im System. Ausgabestellen könnten Orte des Aufruhrs sein. Doch wer sie in seiner Not nicht ignorieren kann, der nimmt sie auf sich wie eine Last und träumt still davon, sie abzuwerfen.

Supermarktangestellte, sagt Sabine Werth, könnten sich auf einfache Weise sozial engagieren, indem sie die Tafelware liebevoll bereitstellen. Doch stattdessen nehme die Tendenz zur Entsorgung zu. Sabine Werth ermahnt ihre Fahrer, beim Warenabholen freundlich zu bleiben: „Wir wollen nicht rausfliegen aus den Märkten.“ Dabei kann sie verstehen, dass die Männer pampig werden, wenn es heißt: Nehmt alles oder nichts! Oder wenn man ihnen befiehlt, das Lager zu fegen, nachdem sie aufgeladen haben. „Viele Menschen benehmen sich, als säßen wir nicht alle in einem Boot“, sagt die Tafelchefin. „Dabei zeigt das doch gerade die Wirtschaftskrise.“

Die Krise war Gesprächsthema, als sie im Herbst mit Politikern bei Anne Will im Fernsehen saß. Sie wurde gefragt, ob das Arbeitslosengeld II erhöht werden sollte. Sie schüttelte energisch den Kopf. Erklärte, dass vielmehr das Leben billiger sein müsste, sprach von kostenlosen Lehrmitteln, Schulessen, Fahrscheinen. Die Argumente nützten nichts. Zu Hause trudelten böse E-Mails ein, hasserfüllte Briefe, schließlich eine Bombendrohung. Die vertafelte Gesellschaft ging auf Robin Hood los. Zu seinem, zu ihrem Schutz rückte die Polizei an.

Sabine Werth hat Selke angerufen, den Soziologen aus Furtwangen, sie will bei ihm eine Dissertation schreiben. Die Fragestellung: Kann die Bewegung, die sie mit der Tafelgründung ausgelöst hat, auf die Gesellschaft übergreifen? „Die Antwort kann nicht von außen kommen“, sagt Sabine Werth. „Wir Tafelmenschen müssen sie finden.“ Vielleicht wird man einst in Talkshows über die Dissertation reden. Vielleicht wird man sie ihr aber auch wütend um die Ohren hauen.

Was sie mit ihrer wenigen Freizeit anstelle, fragt Wolfgang Thierse die Tafelchefin bei der Gesprächsrunde in Prenzlauer Berg. Sie lese gern, sagt sie, und sie löse Sudokus. So was mache er bei Sitzungen, verrät der Politiker. Sie antwortet: „Das würde ich mich nicht trauen.“

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