Soziales Umfeld : Wer erzieht hier eigentlich?

Eltern denken zwar, sie hätten einen mächtigen Einfluss auf ihre Sprösslinge - doch das ist ein Trugschluss. Kinder erziehen Kinder.

Bas Kast
Kind Zunge
Frech kommt weiter. Die Eltern dienen nur begrenzt als gutes Vorbild. -Foto: ddp

Judith Rich Harris studierte noch, als ihr das Phänomen zum ersten Mal ins Auge sprang. Harris wohnte im amerikanischen Cambridge zur Untermiete bei einem russischen Ehepaar, das drei Kinder hatte. Das Englisch der Eltern, schreibt Harris in ihrem Buch „Ist Erziehung sinnlos?“ (Rowohlt), „war kläglich“, dazu kam ein starker russischer Akzent. Die Kinder aber „hatten denselben Boston- Cambridge-Akzent wie die anderen Kinder. Sie sahen auch so aus wie die Kinder in der Nachbarschaft.“

Jahrzehnte später verfolgte die Psychologin Harris die Sache noch immer. Sie hatte sich Fachliteratur besorgt aus der Bücherei von Middletown, New Jersey, wo sie nun wohnte, hatte Studien über Studien gesichtet. Dann schoss es ihr plötzlich durch den Kopf: Eltern denken zwar, sie hätten einen mächtigen Einfluss auf ihre Sprösslinge. In Wahrheit jedoch sprechen und kleiden Kinder sich nicht wie ihre Eltern, sie hören nicht die Musik ihrer Eltern, sie hören überhaupt kaum auf ihre Eltern. Dagegen lassen sie sich bereitwillig von Gleichaltrigen beeinflussen, ja sie eifern sich gegenseitig regelrecht nach. Kurz: Nicht Eltern, sondern Kinder erziehen Kinder!

Was sich nach einer radikalen, vielleicht sogar abwegigen Idee anhört, hat sich in den letzten Jahren zu einer Theorie entwickelt, für die nicht nur Alltagsbeobachtungen, sondern auch handfeste empirische Befunde sprechen:

Studien zeigen, dass sich erwachsene Geschwister in gleichem Maße ähneln, egal, ob sie zusammen oder getrennt aufgewachsen sind. Das betrifft Persönlichkeitsmerkmale wie Schüchternheit oder Offenheit für Neues, aber auch die Intelligenz.

Adoptivgeschwister, die bei den gleichen Eltern aufgewachsen sind, sind sich nicht ähnlicher als zwei zufällig ausgewählte Menschen.

Eineiige Zwillinge sind als Erwachsene gleich ähnlich, unabhängig davon, ob sie zusammen aufgewachsen sind.

Bis heute ist Harris mit ihrer Theorie eine Außenseiterin. Sie hat aber auch Befürworter gefunden, etwa den renommierten Harvard-Psychologen Steven Pinker. Auch Pinker ist überzeugt, dass Eltern ihre Kinder zwar genetisch, nicht aber über die Erziehung beeinflussen. Die „Erziehung“ komme von den Freunden, den Klassenkameraden, der Clique.

Der Harvard-Forscher stuft Harris’ Theorie sogar als „Wendepunkt in der Geschichte der Psychologie“ ein. Schließlich gab es einmal eine Zeit, als man das gesamte Verhalten eines Kindes dem Erziehungsstil der Eltern, insbesondere der Mutter, ankreidete. War das Kind autistisch, lag es an der Gefühlskälte der Mutter. War es schizophren, hatte die Mutter widersprüchliche Bindungssignale ausgestrahlt. Mutti ist schuld – dieser Glaube habe dermaßen um sich gegriffen, dass Eltern jede arbeitsfreie Minute dazu benutzten, ihre Kinder „zu unterhalten und zu chauffieren, aus Angst, sie könnten sonst Tunichtgute oder Amokschützen werden“.

Pinker sieht in Harris’ Überlegungen ein heilsames Gegengewicht zum Mainstream. Eine realistischere Sicht, meint er, würde allen gut tun. Eltern könnten ihren Kindern zum Beispiel wieder Geschichten vorlesen, „um ihnen eine Freude zu bereiten, und nicht, um ihren Neuronen auf die Sprünge zu helfen“.

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