SOZIALKOMÖDIE„Looking for Eric“ : Aus der Tiefe des Raums

Julian Hanich

Mit dem 73-jährigen Regisseur Ken Loach geht es einem längst wie mit dem 73-jährigen Regisseur Woody Allen: Man blickt mit wohltemperierter Vorfreude auf jede neue Lieferung, die zuverlässig alljährlich die Kinos erreicht. Auch wenn die ganz große Erwartungsspannung nicht mehr aufkommen mag – zu vertraut sind Stil und Anliegen über all die Jahre geworden. So hat Loachs Betriebsamkeit doch die beruhigende Wirkung des Rituals: Man weiß, was zu erwarten ist, und das hat fast immer hohes Niveau.

Am Anfang von Loachs neuem Film „Looking for Eric“ dreht ein Mann verwirrte Runden im Kreisverkehr. Der Mann heißt Eric. Dass er gegen den Verkehrsstrom anfährt, trifft seine Situation ganz gut: Auch in seinem Leben läuft nämlich so ziemlich alles in die falsche Richtung. In seinem Job als Postmann geht es nicht voran. Seine Stiefsöhne sind Nichtsnutze. Zu allem Überfluss zwingt ihn seine Tochter auch noch dazu, Kontakt zu seiner ersten großen Liebe Lily herzustellen – jener Frau, die er seit 25 Jahren nicht vergessen kann. Jetzt wäre es an der Zeit, jemand würde das zerrüttete Nervenbündel auf die richtige Spur bringen.

An dieser Stelle springt ihm sein Regisseur mit einer launigen Drehbuchidee zur Seite. Eric heißt zwar mit Nachnamen Bishop, doch sein Gott entstammt nicht der Christenbibel. Eric betet einen weltlichen Halbgott an: den Fußballer Eric Cantona, in den neunziger Jahren der Held von Manchester United. Spätestens als eines Tages ebendieser Cantona aus der Tiefe des Raumes kommt und mitten hinein ins Leben des verunsicherten Helden tritt, wird klar: „Looking for Eric“ darf auch als Kommentar auf die Rolle des Fußballs als Ersatzreligion säkularer Gesellschaften gelesen werden. Eric wird zum Alter Ego von Eric: Beichtvater, Therapeut und Motivator. Kann mit der Unterstützung dieses genialen Steilvorlagengebers noch irgendwas schiefgehen?

Was Ken Loachs Filme auszeichnet, ist der unverwüstliche Glaube an die Kraft des mitmenschlichen Zusammenhalts. Sei es, indem er den eklatanten Mangel schmerzhaft bloßlegt, sei es, indem er die Solidarität ganz direkt als Befreiung feiert. Was unseren unterkühlten Gesellschaften abgeht, sehnt Ken Loach mit heißem Herzen herbei. Deshalb sind seine Filme, trotz ihres Spülsteinrealismus, häufig rührende Utopien. „Looking for Eric“ bildet da keine Ausnahe. Herzerwärmend. Julian Hanich

„Looking for Eric“, GB 2009, 117 Min., R: Ken Loach, D: Steve Evets, Eric Cantona, Stephanie Bishop

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