SOZIAL–STUDIE„Mein Stück vom Kuchen“ : Absturz in die Stummheit

Foto: Kinowelt
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Eine Frau weiß nicht, wie weiter. Sie ist geschieden, hat drei Kinder und nun auch noch ihre Arbeit verloren. Aus manchem Leben gibt es nur noch einen Ausweg: sehr viele Schlaftabletten.

Könnte so eine Komödie beginnen, natürlich eine zeitgemäße, sagen wir: eine Empört-Euch!-Komödie, eine Vernetzt-Euch-!-Komödie? Cédric Klapisch lehnt Politik oder gesamtgesellschaftliche Situationen als Vorlage seiner Filmen eigentlich ab. Mehr Poesie, weniger Soziologie!, fordert er, um diesmal alles anders zu machen. Denn natürlich ist eine Familienmutter ohne Familienvater und ohne Arbeit, wenn sie sich doch noch zum Dableiben entschließt, durchaus zu sehr viel mehr entschlossen. Unsere gewöhnlichen Zugeständnisse an das Taktgefühl und alles, „was sich gehört“, gelten nicht mehr für sie.

Karin Viard ist Mutter France aus Dünkirchen. Sie war schon in Klapischs allererstem Film dabei, und durch diesen stürmt sie nun mit großer Unerschrockenheit, halb Jeanne d'Arc, halb Mutter Courage. Wenn das Leben ihr keine andere Chancen mehr bieten will, dann nimmt sie eben an diesem Kurzputzlehrgang für Immigrantinnen ohne Sprachkenntnisse teil - Putzfrauen müssen nicht viel reden; keinen interessiert, was sie denken. Und zur Sicherheit, sagt der Kursleiter, könne sie doch etwas mit Akzent sprechen. France entscheidet sich für die Rolle der beherzten Osteuropäerin, und gewiss sind alle afrikanischen Kursteilnehmerinnen fortan der Meinung, dass die lautesten Frauen der Welt in Russland wohnen. Lustig ist das schon, wenn auch nur ein bißchen. Und dann folgt der Absturz in die Stummheit. Ein Börsenmann, der die Pariser Dependance eines Londoner Geldinstituts aufbauen soll, sagt es ihr gleich: nicht zu viele Worte und keine Fragen zum Haushalt. Am besten sie verhalte sich, als sei sie gar nicht da. Der Börsenspekulant Steve (Arroganz mit Potential: Gilles Lellouche) ist nervös. Börsianer sind immer nervös. Und irgendwann ist er doch froh, dass seine Putze sprechen kann, erst recht, als seine Ex einen kleinen Jungen bei ihm abgibt. Es ist Steves Sohn. Und ihm steht der Banker hilfloser gegenüber als einem Börsenchrash. Der Prinz und das Aschenputtel, die angejahrte Schöne und das Biest im Designeranzug - nein, so geht das nicht. Nicht so ausrechenbar. Und schon gar nicht mit diesem Empört Euch-!-Schluss, diesem Wir-nehmen-unser-Leben-in-die eigenen-Hände-Ende.Kerstin Decker

F 2011, 109 Min., R: Cedric Klapisch, D: Karin Viard, Gilles Lellouche, Audrey Lamy

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