Zeitung Heute : Spät starten, langsam laufen

Wie in Athen die Olympischen Spiele vorbereitet werden

Gerd Höhler[Athen]

Auf dem Boden des Pools steht eine braune Brühe. Die Kacheln haben Moos angesetzt, am Beckenrand wächst Unkraut aus den Ritzen im Beton. Hier sollen die Schwimmwettbewerbe der Olympischen Sommerspiele 2004 stattfinden. „Das wird natürlich alles renoviert“, sagt der junge Mann vom Organisationskomitee. Seine Leute haben noch 20 Monate Zeit.

Die Griechen haben die „besten Spiele aller Zeiten“ angekündigt. Drei Viertel der Sportstätten seien bereits vorhanden, stellten die Athener vor fünf Jahren in ihrer Bewerbung groß heraus. Aber die meisten Anlagen, errichtet schon vor 20 Jahren, sind verfallen. Und dass sie bis zu den Spielen hergerichtet werden können, wird immer unwahrscheinlicher. Denn die Zeit läuft davon. „Wir sind beunruhigt und enttäuscht“, sagt Denis Oswald, Koordinator des Internationalen Olympischen Komitees für Athen. Am 13. August 2004 – einem Freitag – sollen die Spiele eröffnet werden. „Wir können nur hoffen, dass es kein Erdbeben mehr gibt oder irgendwelche Streiks“, sagt Oswald.

Von den besten Spielen aller Zeiten ist indes auch in Athen längst keine Rede mehr. Nun gibt der für die Olympia-Planung zuständige Kulturminister Evangelos Venizelos die Losung aus, man wolle „Spiele mit menschlichem Maß“ – eine schönfärberische Umschreibung der zahllosen Provisorien, auf die sich Wettkämpfer, Funktionäre und Besucher im Sommer 2004 einstellen müssen.

Nachdem Athen 1997 den Zuschlag für die Spiele bekam, geschah drei Jahre lang gar nichts. Die Griechen bildeten immer neue Gremien, stritten um Kompetenzen und schacherten um Posten. Das IOC mahnte, endlich mit dem Bauen anzufangen. Im Jahr 2000 war die Geduld des damaligen Präsidenten Juan Antonio Samaranch zu Ende. Noch nie in seinen 20 Jahren an der Spitze des IOC habe er eine „so schwere Krise“ erlebt, schimpfte Samaranch. Nichts komme voran, überall seien die Athener im Rückstand. Er drohte ihnen mit dem Entzug der Spiele. Sie gelobten daraufhin Besserung.

Das Stadion, in dem die Höhepunkte der Spiele stattfinden sollen, ist immer noch in einem traurigen Zustand. Ein paar Arbeiter sind dabei, die 75000 Plastiksitze, die Hooligans während der vergangenen 20 Jahre ohnehin demoliert haben, herauszureißen. Sie sollen irgendwann durch neue Stühle ersetzt werden. Aber aus dem Plan des spanischen Architektenstars Santiago Calatrava, das Olympiastadion und die umliegenden Sportstätten mit kühn geschwungenen Dachkonstruktionen aus Stahl und Glas zu überspannen, wird wohl nichts werden. Obwohl die Arbeit daran vor Monaten hätte beginnen sollen, ist bisher nichts von dem Dach zu sehen. IOC-Kontrolleur Oswald legt den Griechen jetzt nahe, darauf zu verzichten, weil es wahrscheinlich nicht mehr fertig werden würde. Athleten und Zuschauer werden wohl in einem nicht überdachten Stadion unter der glühenden Augustsonne schwitzen.

Vom verwahrlosten Olympiastadion gelangt man nach mehr als einstündiger Fahrt über verstopfte Straßen zum Küstenort Hellinikon. Hier, auf dem Gelände des stillgelegten Athener Airports, gammelt in einer Ecke des Flugfeldes ein ausrangierter Jumbo-Jet vor sich hin, daneben parken mehrere stillgelegte Boeing 727. Die vom Rost angenagten Gerippe zweier alter Flugzeughangars ragen in den Himmel. In ihnen soll, wenn sie erst notdürftig verkleidet und mit provisorischen Tribünen versehen sind, Handball, Baseball und Basketball gespielt werden. Auch Hockey soll inmitten der betonierten Rollbahnen und verfallenden Abfertigungsgebäude stattfinden.

Mit Provisorien versuchen sich die Organisatoren ebenfalls bei der Unterbringung der Olympia-Besucher zu retten. „Wir haben genug Betten für die Olympische Familie“, versichert der zuständige Funktionär Spyros Pappas. Weil die Athener Hotelkapazitäten nicht ausreichen, sollen im Hafen von Piräus 17 Kreuzfahrtschiffe festmachen, um Sportlern und Staatsgästen eine Unterkunft zu bieten. Aber wo die aus aller Welt erwarteten Zuschauer untergebracht werden können, ist noch nicht klar. Pappas muss Schlafgelegenheiten für bis zu 150000 Besucher finden. Er will sie in der Provinz unterbringen und auf den Ägäis-Inseln, viele Stunden Schiffsfahrt von Athen entfernt. Außerdem, so schlägt der „Gastfreundschafts-Direktor“ vor, gebe es ja „auch noch Campingplätze“.

Auch der Transport der Olympia-Teilnehmer und Zuschauer bereitet dem IOC große Sorge. Weil nicht nur die Zeit knapp wird, sondern auch das Geld fehlt, haben die Athener etliche Verkehrsprojekte gestrichen, die sie in ihrer Bewerbung noch angekündigt hatten. Eine U-Bahn zum Olympiastadion wird es nicht geben, mehrere Straßen werden nicht gebaut. Die geplante S-Bahn zum neuen Flughafen wird nicht fahren, weil die Triebwagen nicht rechtzeitig bestellt wurden. Jetzt erwägen die Organisatoren, ersatzweise U-Bahn-Züge auf den Gleisen fahren zu lassen. Die müssten allerdings noch umgerüstet werden.

Große Hoffnungen setzen die Olympia-Organisierer auf die geplante Straßenbahn, die täglich zehntausende Besucher zu den Sportstätten in den Küstenvororten Hellinikon, Glyfada und Faliron bringen soll. „Die Straßenbahn ist ein absolutes Muss“, sagt Panos Protopapas, der Direktor für das Transportmanagement der Spiele. Ein Jahr lang stritten die Bürokraten in den Athener Ministerien über die Streckenführung, mit dem Ergebnis, dass nun bereits verlegte Gleise wieder aus dem Asphalt gerissen werden müssen.

Der Weltverband der Ringer entzog jetzt Athen die für Juli 2003 angesetzte Junioren-WM. Der Olympia-Probelauf muss verlegt werden, weil die Halle nicht rechtzeitig fertig wird. Für einen Entzug der Olympischen Spiele, mit dem Samaranch vor zwei Jahren drohte, ist es indessen zu spät: „Der Zeitpunkt ist längst verpasst“, sagt ein IOC-Funktionär. Er scheint es zu bedauern.

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