Zeitung Heute : Späte Sühne

Martin Gehlen

Iran will Saddam Hussein wegen der Iran-Invasion in den 80er Jahren als Kriegsverbrecher belangen. Was ist, wenn Iran gegen den ehemaligen Diktator Klage einreicht?

Am 22. September 1980 um 14 Uhr überschritten neun Divisionen Saddam Husseins mit 100000 Soldaten die Grenze zum Nachbarn Iran. Damit begann der blutigste Waffengang, den der Mittlere Osten je erlebt hat. Mehr als eine Million Menschen verloren in den folgenden acht Jahren ihr Leben, bis es den UN im August 1988 gelang, einen Waffenstillstand zu vermitteln. In jeder iranischen Stadt erinnern Invalide auf den Straßen und so genannte Märtyrerfriedhöfe an die Kriegszeiten. Dennoch steht – anders als der von Saddam angezettelte Kuwaitkrieg 1990 – der irakisch-iranische Krieg nicht auf der Liste der Anklagepunkte gegen den Ex- Diktator beim Tribunal in Bagdad. Das will Iran ändern und Klage einreichen.

Aus Sicht Teherans böte dies die Gelegenheit, die damalige Rolle der USA, des Westens und der mit dem Westen verbündeten arabischen Staaten einmal international anzuprangern. Allein die Golfmonarchien steuerten damals 50 Millionen Dollar zu Saddams Kriegskosten bei, weil sie den Export der iranischen Revolution fürchteten. US-Präsident Ronald Reagan ordnete an, dem Irak mit Satellitenaufnahmen und Geheimdienstinformationen zu helfen. Nachdem Washington 1984 wieder diplomatische Beziehungen zu Bagdad aufgenommen hatte, erhielt Saddam fortan amerikanische Rüstungsgüter. Als Saddam später nicht mehr in der Lage war, die Waffen zu bezahlen, schuldeten die USA die Kredite um. 1987 war der Irak der weltweit größte Einzelimporteur amerikanischer Lebensmittel, finanziert mit einem Lieferantenkredit von einer Milliarde Dollar.

Dieses Kapitel westlicher Komplizenschaft mit Saddam Hussein ist nur die halbe Wahrheit des Krieges. Das von Teheran geforderte Tribunal könnte in Iran eine Debatte über die Verantwortung der eigenen Führung auslösen. Der irakische Diktator hatte im Dezember 1980 und im Sommer 1982 den Ajatollahs einen Waffenstillstand angeboten auf der Basis der vormaligen Grenzen. Khomeini lehnte ab. Er wollte das Schlachtfeld nutzen, die Gefühle der Bevölkerung zu mobilisieren und so seine Herrschaft nach innen zu festigen. Die Mullahs glaubten, sie könnten durch den Krieg ihre islamische Revolution in die schiitische Bevölkerung des Irak exportieren. Die Mitverantwortung der iranischen Geistlichkeit für die Verlängerung des Krieges, für hunderttausende zusätzlicher Toter zählt zu den großen Tabus im Lande.

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