Zeitung Heute : Späteinkauf mit Gleisanschluss

15 000 Quadratmeter für Einzelhändler und Restaurants wird es am Hauptbahnhof geben. Das bedeutet hunderte neuer Arbeitsplätze – und Shoppen fast rund um die Uhr.

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Von Bernd Hops Für die einen wird er der größte Zentralbahnhof Europas, für die anderen der größte Spätkauf der Stadt. Der neue Hauptbahnhof, den die Deutsche Bahn am 28. Mai, kurz vor Beginn der Fußball-WM in Betrieb nimmt, hat insgesamt 15 000 Quadratmeter für Läden und Gastronomie. Und die Flächen sind vollständig vermietet. „Ende 2005 waren wir komplett“, sagt Frank Hunger, Teamleiter Großprojekte der Bahn. „Die Nachfrage war groß, wir mussten eine Menge potenzieller Mieter ablehnen.“

Die Firmen, die Flächen erhielten, haben in der Regel langfristige Verträge abgeschlossen und sprechen gerne davon, dass es eine Ehre sei, dabei zu sein. Sie denken vor allem an die 300 000 Menschen, die den Bahnhof im Schnitt täglich nach Prognosen der Bahn besuchen werden (siehe Kasten). Mittlerweile sind die Ladenflächen den Mietern alle für den Innenausbau übergeben worden, damit die Geschäfte auch pünktlich zusammen mit dem Hauptbahnhof eröffnet werden.

Die Mieter werden auch zwei Drittel der 900 Arbeitsplätze im Hauptbahnhof schaffen. Die Bahn vergibt für Service, Gebäudetechnik und Sicherheit 300 Jobs.

Der Drogeriediscounter Rossmann zum Beispiel plant im Bahnhof eine seiner größten Filialen überhaupt – mit 25 Mitarbeitern. Die Supermarktkette Kaiser’s werde in ihrer Filiale wiederum – berechnet auf Vollzeitbasis – 50 neue Stellen zu besetzen haben, sagt Tobias Tuchlewski, der Regionalleiter von Kaiser’s-Tengelmann in Berlin-Brandenburg. Für das Unternehmen habe es „einen hohen Prestigewert“ im Hauptbahnhof vertreten zu sein. Andere Filialen in Berlin würden im Gegenzug nicht verkleinert. „Bahnhofsstandorte sind immer beliebt bei Lebensmittelanbietern“, erklärt Tuchlewski.

Insbesondere die dort gelockerten Ladenöffnungszeiten haben es den Firmen angetan. „Theoretisch könnten wir die ganze Nacht geöffnet bleiben“, sagt Tuchlewski. Das soll allerdings nicht ganz ausgeschöpft werden. Bisher will Kaiser’s von Montag bis Samstag von 6 bis 23 Uhr aufsperren, sonntags von 8 bis 22 Uhr. Damit liegt Kaiser’s über den Kernöffnungszeiten, die für die Läden im Bahnhof gelten (8 bis 22 Uhr). Man werde sich anschauen, wie sich die Kundenströme entwickeln, sagt Tuchlewski. Angeboten werde ein leicht eingeschränktes Vollsortiment inklusive Frischfleisch und Gemüse. Für Bahnchef Hartmut Mehdorn findet der Kaiser’s-Manager nur lobende Worte. „Ich kann seinem Konzept viel Positives abgewinnen. Es ist auch gut, dass er den Namen Hauptbahnhof durchgesetzt hat“, sagt Tuchlewski. Während Berlin am alten Namen Lehrter Bahnhof hing, war Mehdorn der Überzeugung, dass Reisende von außen damit nichts anfangen könnten. Tuchlewski sieht nur ein großes Problem: Es gibt zu wenig Strom für die Einzelhändler. Auf einen geplanten Imbissbereich habe Kaiser’s deshalb verzichtet. Die Stromleitungen seien nicht leistungsfähig genug. Nachbessern lasse sich da nichts. „Die Architekten haben zu allererst auf Kreativität geachtet“, moniert Tuchlewski.

Der größte Mieter im Bahnhof, die Mitropa GmbH, will mehr als 100 Menschen einstellen. Die Mitropa war bis vor wenigen Jahren die für die Gastronomie zuständige Bahntochter, wurde an die britische Compass-Gruppe verkauft und wechselte Anfang April erneut den Besitzer. Sie gehört jetzt einer schwedischen Private-Equity-Gesellschaft. 1200 Quadratmetern wird die Mitropa mit einer ganzen Reihe von Gastronomieangeboten belegen. Eine Burger-King-Filiale im Franchise wird dazu gehören, genauso wie ein Gosch-Fischrestaurant. Außerdem gibt es mehrere Mitropa-Eigenmarken.

„Der Hauptbahnhof ist für die Mitropa das wichtigste Projekt in diesem Jahr“, sagt eine Sprecherin. Natürlich werde nicht sofort mit „Riesenumsätzen“ gerechnet. „Es ist eine langfristige strategische Entscheidung. Es wird dem Hauptbahnhof ja auch eine gute Entwicklung vorausgesagt“, sagt die Sprecherin.

Ähnlich sieht das Kaiser’s-Regionalleiter Tuchlewski: „Wir erwarten, dass sich der Hauptbahnhof in den nächsten zwölf bis 24 Monaten zu dem Zentrum entwickeln wird, als das er auch gedacht war.“ Es werde voraussichtlich einige Jahre dauern, bis die Investitionen wieder eingespielt seien. Aber man denke langfristig. Selbst wenn die Besucherprognosen der Bahn nicht ganz einträfen, sei der Standort attraktiv.

Bahnmann Hunger lobt das Potenzial, das im Umfeld steckt – auch wenn es dort heute in weiten Teilen noch trist aussieht. Kanzleramt und Reichstag, Charité und Hamburger Bahnhof, zwei Bundesministerien und künftig auch der Bundesnachrichtendienst BND – alles das sei fest gesetzt. Und es gebe genügend Entwicklungsflächen, sagt Hunger. „Wenn der Hauptbahnhof eröffnet ist, dann wird es auch so richtig losgehen.“

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