Zeitung Heute : Später nach Plan

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Das gab es seit Bestehen der Bundesrepublik noch nie. „Wir liegen still“, sagte Bahnchef Hartmut Mehdorn gestern Abend in Berlin. Um 19 Uhr 40 gab die Bahn in einer dürren Pressemitteilung bekannt, dass sie ihren kompletten Fernverkehr einstellt. „Wir gehen kein Risiko ein“, schob Mehdorn nach.

Die Verwirrung war groß: Um 16 Uhr hatte die Bahn noch verkündet, es gebe nur auf einzelnen Strecken Verspätungen. Pendler würden am Feierabend sicher nach Hause kommen, sagte Gerd Felser, der Sprecher der Bahn in Nordrhein-Westfalen – dort, wo die Folgen des Sturms schon tagsüber zu spüren waren. Gegen Nachmittag hatte die Bahn bereits die Geschwindigkeiten ihrer Züge gebremst; auf der ICE-Strecke zwischen Köln und Frankfurt am Main waren wegen der starken Windböen nur noch 200 statt der üblichen 300 Stundenkilometer drin, im Nahverkehr sollte bei 140 km/h Schluss sein.

Schon wenig später waren die Worte des Bahnsprechers nicht mehr viel wert: Überall in Deutschland stürzten Bäume auf Gleise oder Oberleitungen und der Wind raste mit Orkanstärke übers Land. Zunächst versuchte die Bahn, besonders windgefährdete Strecken zu meiden und die Züge umzuleiten, doch um kurz vor 19 Uhr musste man schließlich kapitulieren. „Wir müssen den gesamten Verkehr einstellen, es ist zu gefährlich“, hieß es. Der entscheidende Auslöser für den kompletten Stopp des Betriebs war wohl ein Unfall in der Nähe von Osnabrück. Dort steckte noch am späten Abend ein Zug mit 180 Fahrgästen zwischen zwei umgeknickten Bäumen fest. Rettungsmannschaften versuchten mit schwerem Räumgerät, die Strecke wieder freizubekommen. Zur bundesweiten Koordinierung richtete die Bahn in Berlin ein Lagezentrum ein. Die Züge würden gezielt an die Bahnsteige gefahren, so dass die Fahrgäste diese in den Bahnhöfen verlassen könnten, hieß es dort. „Nach individueller Prüfung“, so die offizielle Sprachregelung, könnten einzelne Züge aber weiterfahren.

Über das Internet-Portal der Bahn (www.bahn.de) und die Hotline des Unternehmens war nicht zu erfahren, welche Züge nun fahren und welche gestrichen wurden. Mehdorn sagte, er erwarte, dass die Bahn in der Nacht wieder den normalen Betrieb aufnehmen kann. Ein Sprecher der Bahn schränkte diese Aussage später drastisch ein. Es könne auch am Morgen noch Stunden dauern, bis der Verkehr wieder geregelt ablaufe. Das Problem: Sämtliche Fernzüge verkehren nach einem feinziselierten Fahrplan. Der Sturm hat diese Umlaufplanungen nun durcheinandergebracht. Die meisten Lokomotiven und Waggons stehen nicht dort, wo sie eigentlich sein sollten.

Außerdem muss die Bahn damit rechnen, dass auch während der Betriebspause über Nacht weitere Bäume in die Gleise gefallen sind. Vor Betriebsbeginn müssen deshalb auf vielen Strecken Erkundungsfahrten stattfinden. Auf diesen Strecken wird der erste Zug aus Sicherheitsgründen ohne Fahrgäste verkehren – und damit ausfallen.

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