Zeitung Heute : Spätes Recht

Kambodscha war lange ein sicheres Pflaster für Pädophile. Jetzt beginnt sich das zu ändern. Zurzeit stehen zwei Deutsche vor Gericht

Moritz Kleine-Brockhoff[Phnom Penh]

Die vier Mädchen tragen blaue Röcke und weiße Kurzarmhemden, es sind ihre Schuluniformen. Die Jüngste ist elf, die Älteste 13. Ohne Zögern gehen sie nach vorne zum Richter, eine nach der anderen. „Henning zog mich aus und fesselte mich.“ – „Er stach mit einem Stift in meine Vagina, nahm eine Taschenlampe und schaute hinein.“ Die Sätze der Kinder sind kurz und klar, ihre Stimmen fest. „Ich war sieben Tage lang bei Henning, jeden Tag zwei Mal Sex, auch mit Tom, der vorbeikam.“ – „Ich weinte und schrie, da stopfte er mir ein T-Shirt in den Mund.“

Die Mädchen sagen zwei Stunden lang aus. Dann ist es still im Saal. „Danke“, sagt der Richter leise.

Eine Stunde nach der Gerichtsverhandlung, Phnom Penh, 278. Straße: Uth Bunna steht vor seinem kleinen Reihenhaus. „Andere haben angeblich Schreie gehört, ich nicht“, versichert er. Herr Bunna, Mitte 40, Bierbauch, Igelschnitt, wohnt im Erdgeschoss. Die zweite Etage hatte er vergangenes Jahr für 150 US-Dollar im Monat an einen Deutschen vermietet. An den 60-jährigen Rentner Henning O., früher Lehrer. „Ein guter Mann, unschuldig. Hennings Mädchen waren gar nicht so jung. Bestimmt 17 oder 18“, meint der Vermieter. Und weil ihm dann wohl einfällt, dass man auch das für jung halten könnte, fügt er schnell an, in Kambodscha sei Sex ja nun mal ab 15 legal. Das stimmt.

Bunna lügt trotzdem. Die Mädchen, die Mieter Henning O. sich holte, diese Mädchen, die jetzt vor Gericht aussagten, die sahen aus wie Kinder. Zwei von ihnen waren da, als Polizisten die Wohnung stürmten. Beide weinten. Henning O. blieb ruhig. „Ich muss noch eben nebenan meine Medikamente holen“, sagte er. Sekunden später sprang er vom Balkon. Unten fiel er auf einen Eisengitterzaun. Er überlebte.

Tags darauf kam die Polizei wieder in die Straße, dieses Mal nicht zum Haus Nr. 16, sondern zur Nr. 36C. Dort wohnte einer, der auch auf Henning O.s Sex-Aufnahmen zu sehen war. Die Kinder nennen ihn Tom. Der 42-Jährige – einst Ingenieur, in Kambodscha Englischlehrer – gab an, in seiner Freizeit ab und an „dicht“ zu sein. Falls es im Nebelzustand zu Misshandlungen gekommen sein sollte, tue ihm das leid. „Der Kerl nahm vor den Orgien Ecstasy“, sagt ein Ermittler, „und er hat die Droge auch den Mädchen verabreicht, um sie gefügiger zu machen.“

Kambodscha war lange ein Paradies für Pädophile. Es kommt nicht selten vor, dass Eltern ihre Kinder hier aus Not verkaufen. Und der Staat tat lange nichts. Wegschauen bringt Geld, die Sexindustrie zahlt gut für Schutz von oben. Und wenn mal jemand verhaftet wurde, folgten Bestechung und Freilassung. All das ist immer noch verbreitet, und doch ist das Schänderparadies jetzt keines mehr. „Bisher konnten die Täter sich unantastbar fühlen. Das ist vorbei, sie riskieren heute ernste Strafverfolgung, der politische Wille ist spürbar“, meint Katherine Keane.

Keane leitet das Büro von „Aktion für Kinder“, einer NGO, die seit 2003 Pädophile jagt und Opfern hilft. Keanes Mitarbeiter patrouillieren an Phnom Penhs Flusspromenade, auf Märkten, vor Kneipen. Sie verfolgen Ausländer mit kambodschanischen Kindern. Verschwinden sie gemeinsam in Hotels oder Privathäusern, rufen sie die Polizei. „Die Beamten ziehen mit“, sagt Keane. Manchmal bekommt sie auch Tipps. Mitte 2006 zum Beispiel, als jemand anrief und meldete, dass in seiner Straße ein älterer Ausländer verdächtig oft junge Mädchen bei sich habe.

„Wir begannen sofort mit der Überwachung“, erzählt Samleang Seila, Keanes Chefermittler. In zwei Schichten hockten Seila und seine Kollegen vor Henning O.s Haus. „Wir brauchten Geduld“, sagt Seila, „dann gingen Mädchen hoch. Wir verständigten die Polizei.“ Die Ermittler befragten später zwei der Kinder, die aus dem Haus kamen. Dann warteten sie, bis weitere Mädchen auftauchten, Henning sollte in ihrer Begleitung verhaftet werden. Es klappte.

Wenn in Kambodscha eine Behörde ordentlich ausgestattet ist, kann das nur einen Grund haben: einen großzügigen Spender. Die Büros im Anbau des Innenministeriums sind ein gutes Beispiel. Kachelboden, Klimaanlagen, Flachbildschirme, an den Aktenschränken Aufkleber von Unicef. „Die Hilfe aus dem Ausland hat die Wende gebracht, nun geht es Pädophilen an den Kragen“, sagt Polizeiausbilder Keo Sun, ein netter, kleiner Mann mit vielen Goldzähnen, der gerade höflich vergaß, den Druck aus dem Ausland zu erwähnen. „Wir haben Polizeiabteilungen eingerichtet, die nur Pädophile suchen und die Verbrecher, die die Kinder anbieten.“ 2003 ging es los, mittlerweile arbeiten landesweit sieben Einheiten. In der Millionenstadt Phnom Penh, wo 20 000 Jungen und Mädchen auf der Straße leben, besteht die Kinderschutztruppe allerdings bloß aus sieben Polizisten. Und im Badeort Sihanoukville, wo sich die meisten Kinderschänder herumtreiben, gelten fast alle Beamten als korrupt und damit als nutzlos bis hinderlich.

„Trotzdem, ein Anfang ist getan, es geht voran“, sagt Christian Guth, der am Innenministerium Polizisten ausbildet. Guth, ein Franzose, kam 1994 als UN-Polizist und verliebte sich in Kambodscha. „Selbst in Sihanoukville wird jetzt verhaftet, 2006 hatten wir da sogar eine Verurteilung“, sagt Guth.

Er steht auf und holt alte Unterlagen. „Ich zeige mal nur die Deutschen.“ Er packt aus. Kopien von deutschen Reisepässen, Fotos von Verhafteten und von nackten Kindern, Aussagen, Ermittlungsberichte. Alexander G., 2002, festgenommen mit zwei Mädchen. Michael R., 2002, vergewaltigte Jungen. Thomas J., 2002, verhaftet mit einer 14-Jährigen. Dr. Elmar B., 2003. Hans-Michael W., 2004. Elmar-Maria B., 2004. „Alles im Sand verlaufen“, sagt Guth traurig.

Halb acht. Im Innenhof des Gemeindegerichts von Phnom Penh warten zwei deutsche Diplomaten und zwei NGO-Mitarbeiter. Die Mädchen kommen, die gleich aussagen werden. Auf Badeschlappen schlurfen sie ins Gericht, sie haben Malhefte und Stifte dabei. Sirene, Blaulicht, ein Ford Transit. Uniformierte mit Gewehren springen heraus, die Deutschen folgen, eine Handschelle kettet sie aneinander. Tom sieht im schlabberigen Sträflingsanzug aus wie ein Gespenst. Abgemagert nach sechs Monaten Untersuchungshaft. Im Freien soll er warten, hinten auf der Steinbank. Da hockt er sich hin und regt sich nur noch beim Hüsteln. Henning O. – Kakihose, verblichenes T-Shirt – war im Krankenhaus und sieht gesund aus. Offenbar sind die Verletzungen vom Sprung überstanden. Über seine linke Hand ziehen sich fünf lange, dicke Narben. Am Hals ist nichts zu sehen. Dabei soll er probiert haben, sich mit einer Tablettenverpackung aus Silberfolie die Halsschlagader aufzuschneiden. „Ich sage nichts“, meint er. Noch ein Gefängnisbus, zwei Frauen. Eine ist die Mutter von zwei der misshandelten Mädchen. 500 US-Dollar soll sie für ihre jungfräulichen Töchter verlangt haben. Die andere Frau soll sie vermittelt haben. Beide wischen sich ihre Tränen ab. Alle Angeklagten wissen, dass sie bei Schuldspruch mit mindestens zehn Jahren Haft bestraft werden. Höchststrafe ist 20 Jahre.

„Das bin ich nicht“, sagt Tom. „Ich verstehe nicht“, sagt der Richter. Er hält dem Angeklagten Fotos vor die Nase. Und einen Laptop mit einem großem Foto auf dem Bildschirm. Tom mit Mädchen. Selbst von den Besucherbänken aus ist der Deutsche zu erkennen. Eben musste er den linken Ärmel hochkrempeln und seine Tätowierung zeigen, eine Schlange. Die Schlange ist auch auf den Fotos.

Der Richter hat genug und will die Frau sehen, die die Mädchen vermittelt haben soll. Sie streitet alles ab. Genau wie die Mutter. Als sie beim Hereinkommen auf der hintersten Bank ihre Töchter sieht, reißt sie ihren Arm vors Gesicht. „Hier, ihre Kinder beim Sex“, sagt der Richter und zeigt die Fotos. „Das sind nicht meine Kinder.“ Dann Henning O., er gibt nur einen Satz von sich: „Mein Anwalt ist unterwegs, ohne ihn möchte ich nichts sagen.“

Was er nicht erzählen will, berichten seine Opfer.

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