Zeitung Heute : Spätes Wunderkind

Schnell trotz Sehbehinderung – was für ein Spaß. Der Sieg ist schöne Nebensache. Mit Leichtigkeit holt Sabine Gasteiger Gold im Slalom und Silber im Riesenslalom

328606_0_d9e98862.jpg
Die Leichtigkeit ihres Erfolgs:GETTY IMAGES NORTH AMERICA

Sie gewinnt, weil sie nicht gewinnen muss. Sabine Gasteiger ist 53 Jahre alt und hat bei den Paralympischen Winterspielen in Vancouver wieder einmal bewiesen, dass sie zu den besten Skirennfahrerinnen ihrer Klasse gehört. Und das, obwohl sie eigentlich gar nichts beweisen will. Denn das Wichtigste ist für sie, „dass man zwischen Start und Ziel Spaß hat, mehr gibt es nämlich nicht aus skifahrerischer Sicht!“

Durch eine genetisch bedingte Erkrankung fast vollständig erblindet, hatte die Sportlerin, die in Vancouver bisher paralympisches Gold im Slalom und Silber im Riesenslalom eingefahren hat, nie ernsthaft vor, professionelle Abfahrtsläuferin zu werden. Vielmehr hatten sie und ihr Mann Emil noch vor einigen Jahren den Plan, das Skifahren hauptsächlich auf das Tourengehen zu reduzieren. Besonders, da ihr „das langsame Fahren nicht so viel Spaß macht“. Das ließ sich aber aufgrund ihres geringen Restsehvermögens und den zumeist überfüllten Pisten nicht vermeiden.

Als das Ehepaar dann jedoch von einem Lehrgang zur Begleitläufer-Ausbildung erfuhr, dachten sie „naja, vielleicht lernen wir ja noch was“ und sind daraufhin einfach hingefahren. Dort erkannten die Trainer recht schnell, dass in der sympathischen Oberösterreicherin großes Potenzial und Talent für alle Abfahrtsdisziplinen steckte. Das war vor sieben Jahren, damals war Gasteiger 46 Jahre alt.

Von diesem Zeitpunkt an begann sie – mit ihrem Mann als Begleitläufer – bei verschiedenen Rennen anzutreten und den meist um Jahrzehnte jüngeren Konkurrentinnen davon zu fahren. Ihr Anreiz war es nie, sich messen zu wollen: „Wir haben drei Kinder, ein Haus und ein gutes Leben – mit oder ohne Medaille.“ Sabine Gasteiger liebt das Skifahren, die Geschwindigkeit und die Pisten, die sie während der Rennen ganz für sich hat. Diese Freude strahlt sie in jeder Sekunde aus, die man mit ihr spricht. Und vielleicht ist genau diese Einstellung der Schlüssel zu ihrem sportlichen Erfolg.

Sie selbst kann sich nicht erklären, warum sie nur zwei Mal in ihrer Karriere auf dem vierten Platz landete, oder warum sie so oft auf dem Podium stand. Ob Wunder oder nicht, sie ist dankbar für alles was sie zusammen mit ihrem Mann erreicht hat, seien es die fünf Weltcupsiege oder die Goldmedaille in Turin.

Die Paralympischen Spiele in Vancouver sollten den Schlusspunkt unter ihre gemeinsame Karriere setzen. Doch leider riss sich Emil Gasteiger im September 2009 bei einem Training in Chile die Achillessehne, und der Traum eines gemeinamsen Finallaufs in Vancouver drohte zu platzen. Doch Stefan Schoner, ein guter Freund des Ehepaars seit den Winterspielen in Turin, sprang als Begleitläufer ein. Bedenkt man, dass Sabine Gasteiger und Stefan Schoner nur fünf Monate Zeit hatten, zusammen zu trainieren und sich aufeinander einzustellen, erscheint der Erfolg hier in Whistler- Creekside umso glanzvoller.

Und ihr Mann steht ihr natürlich weiter zur Seite. Schließlich sind Sabine und Emil Gasteiger ein perfekt eingespieltes und untrennbares Team. Für beide steht fest, dass der Skisport auch nach dem Rückzug aus dem Leistungssport fester Bestandteil ihres Lebens bleiben wird. „Wir möchten uns die Qualität, die wir in den letzten sechs Jahren gewonnen haben, bewahren“, so Emil Gasteiger. Schließlich könne man kein Rennen zusammen fahren und den Trainingsalltag überstehen, wenn die Beziehung nicht im guten Zustand sei.

Am Freitag und am Sonntag finden die letzen alpinen Wettkämpfe für die Sehbehinderte statt. Und wer weiß, vielleicht fliegt Sabine Gasteiger vor ihrem sportlichen Ruhestand noch mit einer weiteren Medaille im Super G oder in der Kombination aus Vancouver zurück ins heimische Bad Goisern! Leonie Arzberger, 19 Jahre

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!