SPÄTSOMMERMÄRCHEN„Vicky Cristina Barcelona“ : Europa, ein Liebesnest

Christiane Peitz

Stellen Sie sich vor, Sie sind so romantisch veranlagt und sehen so hinreißend aus wie Javier Bardem und haben die Wahl zwischen Scarlett Johansson als sexy New Yorker Blondine und Penélope Cruz als rassiger Spanierin. Wie entscheiden Sie sich? Genau, Sie nehmen beide. Stellen Sie sich vor, Sie sind so romantisch veranlagt und hinreißend sexy wie Scarlett Johansson und haben die Wahl zwischen Javier Bardem und Penélope Cruz. Natürlich fällt die Wahl wieder auf beide. Das ist in etwa der Plot von Woody Allens romantischer Komödie „Vicky Cristina Barcelona“, nur dass die Menage à trois zwischen Johansson/Bardem/Cruz durch Rebecca Hall als coole Brünette zum Quartett komplettiert und das amouröse Verwirrspiel deshalb noch federleichter, noch flirrender wird.

Nach drei in London und Großbritannien gedrehten Filmen setzt der 73-jährige Woody Allen seine europäischen Lehr- und Wanderjahre fort. Spaniens Sonne – der dortigen Filmförderung sei Dank – tut ihm gut. Barcelona in goldgelbem Licht, Oviedos efeuberanktes Gemäuer, Antonin Gaudís Park Güell, Bohème-Flair, Flamencogitarre und überhaupt das pittoreske Folklore-Europa, wie es die Amerikaner gern erfinden – Woody Allen bastelt ein zauberhaftes Spätsommermärchen aus diesen Klischees und hebelt sie mit feiner Selbstironie wieder aus. Alan Ayckbourn meets Seifenoper. Dafür sorgt schon der Off-Erzähler, der die Figurenkonstellation nonchalant kommentiert: Zwei amerikanische Freundinnen, die vernünftige Vicky (Hall) und die unvernünftige Cristina (Johansson), machen Urlaub bei einem älteren Verwandten-Ehepaar in Barcelona und gehen auf ein unwiderstehlich-unsittliches Wochenendangebot des Malers Juan Antonio (Bardem) ein, der trotz dieser frischen Romanzen nicht von seiner verrückten Exfrau (Cruz) loskommt. Höhepunkt: Penélope Cruz als Königin der Tobsuchtsanfälle! Höhepunkt der Höhepunkte: ihr leidenschaftlicher Kuss mit der Konkurrentin!!

Altherrenfantasien? Aber ja. Bloß kein bisschen abgeschmackt, denn Woody Allen nimmt den eigenen Blick auf seine Actricen mit aufs Korn. Ein Amerikaner träumt vom Liebesnest Europa und nimmt sich dabei nicht sonderlich ernst. So wird der alternde Allen zum Meister des Feinsinns, der das heitere Geschehen mit einer Prise Melancholie würzt. Der Stadterotiker in Barcelona. Christiane Peitz

„Vicky Cristina Barcelona“, GB 2007, 96 Min., R: Woody Allen, D: Javier Bardem, Patricia Clarkson, Penélope Cruz, Rebecca Hall, Scarlett Johansson

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