Zeitung Heute : SPANIEN UND PORTUGAL

An den spanischen Stammtischen weiß man, wer an der Euro-Krise schuld ist: „Alemania“ und „la Merkel“. Weil die deutsche Regierung mit ihrem „radikalen Spardiktat“, das sie in der EU durchsetze, den Aufschwung abwürge. Weil Berlin sich weigere, den klammen Krisenländern mit Euro-Bonds zu helfen und immer neue Reformbedingungen stelle. Außerdem nutze Deutschland die Not der Schuldenländer aus, um sich am Geldmarkt zu Dumpingzinsen zu finanzieren.

Die wachsende feindliche Stimmung Deutschland gegenüber spiegelt eine Umfrage der konservativen Tageszeitung „El Mundo“ wider, die ihre Leser fragte: „Glauben Sie, dass Merkel eine verkleinerte Euro-Zone ohne Spanien will?“ 70 Prozent antworteten mit „Ja“. Die sozialdemokratische Zeitung „El País“ macht Stimmung mit Überschriften wie „Deutschland bereichert sich an der Krise“. Und das bürgerliche Blatt „ABC“ titelte: „Alemania, einer der Schuldigen an der spanischen Immobilienblase“. Die deutsche Regierung ist derzeit zweifellos der beliebteste Prügelknabe in spanischen Euro-Debatten.

„Man hat das Gefühl, dass Länder wie Spanien, Portugal oder Griechenland arbeiten, damit Deutschland das Geld mit vollen Händen ausgibt“, sagt Diego Valderas. Er ist linker Vize-Regierungschef in der Krisenregion Andalusien, wo die Arbeitslosigkeit bei 33 Prozent liegt. „Wir brauchen ein Deutschland, das europäischer ist, und ein Europa, das weniger deutsch ist“, pflichtet Carme Chacon bei. Die Ex-Verteidigungsministerin sitzt im nationalen Parlament auf der Oppositionsbank und versucht, mit populistischen Tönen Spitzenkandidatin ihrer sozialistischen Partei zu werden.

Auch Spaniens konservativer Regierungschef Mariano Rajoy nimmt seine Parteifreundin Merkel nicht mehr so in Schutz wie früher. Rajoy fordert mehr Entgegenkommen des EU-Schwergewichts Deutschland – vor allem bei EU-Anleihen und Auflagen für sein Land, das demnächst wegen seiner kranken Banken am Euro-Rettungstropf hängen wird. Auch wenn Rajoy weiter versucht, antideutsche Töne zu bremsen: „Die Sparpolitik ist keine Erfindung von Frau Merkel, sondern der EU, ein Projekt, dem wir alle freiwillig beigetreten sind.“

Positiv äußert sich Portugals konservativer Ministerpräsident Pedro Passos Coelho, der als harter Reformer im eigenen Krisenland den Ruf hat, „deutscher als Merkel“ zu sein. Und für den „Alemanha“ ein Vorbild ist: „Ich möchte ein industrialisiertes, offenes Land – das sind deutsche Ideen, gute und zugleich universelle Ideen.“ Ralph Schulze, Madrid

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