Zeitung Heute : Spanisch speisen

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Katja Hübner

Bunte Wände, wohlige Wärme, Abendlicht und Kerzenschein. Der Rotwein kommt nicht aus der Flasche sondern aus dem Fass. Ein Duft nach Pflaumen im Speckmantel und Kartoffelbällchen mit Schinken. Aus dem Lautsprecher erklingt ein Lied, die Stimme eines Mannes. Er singt mit Gefühl, er macht Pausen. Er wartet so lange, bis jede Zeile der Strophe ihre ganz eigene Bedeutung bekommt. Er singt von Liebe, Angst und Traurigkeit, begleitet von einer Gitarre. Flamencomusik. Gesungen vom wohl berühmtesten Flamencosänger Spaniens: José Monge Cruz, genannt El Camarón, „die Krabbe“.

Für die Spanier, heißt es, gibt es ein Leben vor und nach El Camarón. Kein anderer soll den Flamenco so revolutioniert haben wie er. Der Flamenco ist eine Einheit aus Text, Rhythmus, Tanz und Gitarre. Das Wichtigste jedoch ist der Sänger. El Camarón hat die Musik mit seinem Gesang neu erfunden. Er hat den Flamenco modernisiert, ihn beschleunigt und mit neuen Instrumenten interpretiert. Schon zu Lebzeiten war er ein spanischer Volksheld. Als er vor zehn Jahren starb, war er erst um die vierzig Jahre alt. Die meisten Götter sterben jung.

El Camarón wurde zum Mythos. Sein Bild – ernstes Gesicht, dunkles, gewelltes Haar und Bart – schmückt T-Shirts, Tassen und Wandgemälde. Es gibt Zeitschriften, die seinen Namen tragen. Es existieren Büsten, die von den Ergebensten unter den Spaniern angebetet werden.

Mitten in der deutschen Hauptstadt hat nun José Maria Jiménez das Restaurant „El Camarón“ eröffnet, eine Liebeserklärung des in Berlin lebenden Andalusiers an sein Idol. An den Wänden des gemütlichen Etablissements hängen Bilder des verstorbenen Sängers. Vom Band läuft Flamencomusik: El Camarón mit seinen Gitarristen Paco de Lucia und Tomatito. José Jiménez hat sich mit diesem Restaurant einen Traum erfüllt. Seit Jahren hat er in den verschiedensten Lokalen Berlins gearbeitet, nun steht er im „El Camarón“ in seiner eigenen Küche. Auf der Speisekarte stehen seine andalusischen Lieblingsgerichte, die Spezialität des Hauses ist neben der Empanada (gefüllte Teigtasche) die Paella mit Stockfisch oder mit Kaninchen. Für seine Gäste bereitet der Inhaber auch Speisen auf Wunsch zu, zum Beispiel welche ohne Knoblauch, auf den man hier sonst kaum mal verzichtet.

Für die Zukunft plant José Jiménez in seinem Lokal Live-Konzerte. Natürlich mit Flamenco-Musik. Selbst wenn, wie er meint, es wahrscheinlich keinen Sänger mehr wie El Camarón geben wird. „Manchmal aber“, sagt er, „bin ich mir nicht sicher, ob man El Camarón derart vergöttert hätte, wenn er nicht früh gestorben wäre.“ So werden Legenden gemacht. Eine Büste des Sängers für sein Restaurant hat José schon bestellt. Sie soll demnächst auf dem Tresen stehen.

El Camarón, Tapas y Raciones, Linienstraße 160, 10115 Berlin-Mitte, Telefon: 275 825 92, Öffnungszeiten: Montag bis Samstag ab 17 Uhr, Küche bis 23.30 Uhr, Paella mit 24 Stunden Vorbestellung. El Camarón-Doppel-CD: Una Leyenda Flamenca von Camaronde la Isla Philips (Polymedia/Universal Vertrieb), 36,99 Euro.

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