Zeitung Heute : Spanische Provinz mit Kultur: Cuenca: Hängende Häuser über der Schlucht

Silke Immenga

Ein kunstinteressierter Spanienreisender, den weder Strandurlaub noch die üblichen Reiseziele reizen, sollte nicht versäumen, auf seiner Reiseroute der kastilischen Kleinstadt Cuenca einen Besuch abzustatten.

Cuenca liegt in der tiefsten Provinz. Und nur in der Provinz war es während der Franco-Diktatur möglich, im Museo de Arte Abstracto Español moderne Kunst zu zeigen. Und wer sich entschließt, Cuenca aufzusuchen, wird es nicht bereuen. Er findet eine authentische, vom Tourismus noch nicht verfälschte spanische Kleinstadt. Im gleichen Sinne authentisch ist das einmalige Museum mit Gemälden und Skulpturen des spanischen Informel. Für den kunstinteressierten Reisenden ist Cuenca allein deswegen schon lohnenswert, weil diese einstmals private Sammlung des Künstlers Fernando Zóbel die bedeutendste ihrer Art ist.

Die gegenwärtige Diskussion über globale Museums- und Kulturpolitik lässt das kleine Museum in einem anderem Licht erscheinen. Der amerikanischen Guggenheim Stiftung wurde mit ihrem spektakulären Museumsneubau in Bilbao oft eine "McDonaldisierung" der Kunstpolitik vorgeworfen, die nach marktwirtschaftlichen Interessen eine globale Politik betreibe. Ähnliche Vorwürfe galten dem vom amerikanischen Stararchitekten Richard Meier erbauten Museum für Gegenwartskunst in Barcelona. Ohne eigene Sammlung und wegen finanzieller Einschränkungen auf die Übernahme von externen Ausstellungen angewiesen, fehlt dem Museum bisher ein eigenes Profil. Um so mehr verdient das Museum in Cuenca Beachtung, weil es eine spanische Künstlergeneration der Nachkriegsära zu einem seltenen Ensemble vereint.

Aber nicht nur die Sammlung ist einzigartig, sondern auch ihre Lokalität: direkt am Abhang des Felskammes, über der tiefen Schlucht des Río Huécar sind die Casas Colgadas, die Hängenden Häuser, kühn platziert. Diese ehemaligen Adelshäuser aus dem 15. Jahrhundert sind erst Anfang des Jahrhunderts im Zuge des nationalen Reformprogrammes restauriert worden und stellen mit ihrem gotischen Baustil ein architektonisches Juwel dar.

An dieser prominenten Stelle gründete Zóbel 1966 sein Museum, dessen Innenräume er zuvor in Zusammenarbeit mit Künstlern und Architekten für ein adäquates Raumprogramm umgebaut hatte. Die einst engen und verschachtelten mittelalterlichen Innenräume sind zu großzügigen, hellen Ausstellungsräumen umgebaut. Neu gestaltete Fenster eröffnen dem Besucher einen spannenden Dialog mit der bizarren Felslandschaft, die einen Vorgeschmack auf eine geologische Sensation 35 Kilometer außerhalb Cuencas bietet. Dort befindet sich die Ciudad Encantada, die verzauberte Stadt, wo man durch die Erosion des Kalksteines fantastische Steinformationen und ungewöhnlich geformte Felsblöcke bewundern kann.

Wenn man als Unterkunft den Parador Nacional gewählt hat, wo man in einem ehemaligen Kloster übernachten kann, nähert man sich dem Museum auf einer schmalen Fußgängerbrücke aus Eisen, die über die gewaltige Schlucht führt und einst als Verbindung zwischen Altstadt und Kloster entstand.

Im Museum erwarten den Besucher neben der ständig ausgestellten Sammlung der mehr als 100 Bilder und Skulpturen auch Wechselausstellungen. Der Rundgang durch das Museum führt durch weite, lichte Räume, in denen die Gemälde großzügig gehängt sind. Immer wieder eröffnet sich ein grandioser Ausblick auf die Felsformationen. Überraschend ist die Vielfalt der Künstlerpersönlichkeiten. Während etwa der Maler und Architekt Pablo Palazuelo mit seinen großformatigen Leinwänden eine sachlich konstruktive Malerei vertritt, so verwendet Antoni Tapiés einen unkontrollierten Farbauftrag, mit breitem Pinselduktus und ergänzt das Bild mit neuen Materialien.

Antonio Saura ist mit monumentalen Figurenbildern vertreten, die durch eine spontane Pinselführung das menschliche Antlitz gewaltsam deformiert zeigen. Die handwerklich mühsam gefertigten Linienbilder von Eusebio Sampere vermitteln einen interessanten optischen Effekt mit zarten und kristallinen Strukturen.

Bei aller Experimentierfreudigkeit mit den formalen Mitteln der Malerei fällt eine Hinwendung zu spanischen Themen auf, wie die Titel Toledo, Zurbarán oder Sarkophag für Philipp II. zeigen. Diese Bilder, die sich mit einer konkreten Thematik der spanischen Identität auseinandersetzen ohne nachahmend zu sein, sind als Reaktion auf die damalige Kunstpolitik Francos zu verstehen. Aus Angst vor einer Überfremdung Spaniens hat der Diktator stets gemahnt, in der Kunst die "Hispanidad" zu wahren. Allerdings implizierten seine Vorstellungen ein idealisierendes und heroisches Geschichtsbild. Obwohl sich Spanien erst in den 50er Jahren dem Ausland öffnete und so allmählich die neuesten internationalen Strömungen aufgenommen wurden, stießen diese überwiegend auf Widerstand. Nur durch die private Initiative des Künstlers und Sammlers Zóbel war es möglich, dem Publikum eine neue Künstlergeneration zu präsentieren. Dies geschah abseits der Hauptstadt im geografisch isolierten Städtchen Cuenca, viele Jahre vor der Eröffnung des offiziellen Museums für Zeitgenössische Kunst in Madrid.

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