Zeitung Heute : Sparen, forschen, wachsen

Innovative Technik, weniger Stromverbrauch und ein größerer Anteil erneuerbarer Energien helfen Klima und Wirtschaft

Andreas Troge

Erst vor kurzem haben wir erneut einen Alarmruf aus der Wissenschaft vernommen – die Arktis schmilzt! Der Klimawandel kommt nicht erst in ferner Zukunft, er ist jetzt schon im Gange. Einige der wesentlichen Ursachen sind bekannt: sorgloser Umgang mit Energie und ständig wachsender Energiehunger. Bei Energieerzeugung und -nutzung werden riesige Mengen klimaschädlicher Gase frei. Deshalb gehören die Diskussionen um Energieversorgung und Klimaschutz untrennbar zusammen. Die Kernfrage lautet: Wie schaffen wir es – hier und weltweit – genügend Energie bereitzustellen, ohne das Klima weiter zu belasten?

Derzeit nutzen wir zur Energiegewinnung vor allem Erdöl, Erdgas, Kohle und Kernenergie. Das Problem: Diese Energieträger sind nicht auf alle Zeiten verfügbar und verursachen erhebliche Umweltprobleme. Hinzu kommt, dass sich Deutschland zum Teil in bedenkliche Abhängigkeiten bei der Energieversorgung begibt und die Kernenergie – mit erheblichen Risiken – vor allem bei der Entsorgung der Brennelemente – verbunden ist.

Deshalb muss das derzeitige Energiesystem kontinuierlich und konsequent zu einer dauerhaften und umweltgerechten Energienutzung umgestaltet werden. Unsere Versorgung mit Energie muss auch künftig drei Bedingungen erfüllen: Sie muss allgemein verfügbar, zuverlässig und sicher sein. Eine dauerhafte, wirtschaftliche und umweltgerechte Energienutzung ist kein Widerspruch in sich. Sie ist möglich – und nötig.

In Deutschland und einigen anderen Ländern ist die Wende zum Klimaschutz und zur Ressourcenschonung im Energiesektor eingeleitet. Es gibt aber noch viel zu tun:

Energie besser nutzen und weniger Energie verbrauchen

Bislang gehen wir sehr sorglos mit der Energie um. Wir müssen lernen, Energie besser zu nutzen und zu sparen. Letzteres bedeutet vor allem, dass wir unser Verhalten ändern. Anreize – wie die Verteuerung der Energie durch die Ökosteuer – zeigen Wirkung, wie eine Studie jüngst belegte. Es ist aber auch wichtig, genau zu wissen, wie viel Energie zum Beispiel Geräte verbrauchen. Bei Haushaltsgeräten läuft dies schon sehr gut. Vor allem beim Stromsparen ist noch viel möglich. Nach dem Nachhaltigkeits-Szenario aus unserer Studie „Langfristszenarien für eine nachhaltige Energienutzung in Deutschland“ lässt sich die Stromnachfrage bis 2020 mit Hilfe vielfältiger Maßnahmen insgesamt um zwölf Prozent gegenüber dem Jahr 1998 verringern.

Wir müssen die Energieumwandlung effizienter machen – etwa durch den Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung sowie durch Verringerung des Energiebedarfs – beispielsweise durch energieeffiziente und solarangepasste Gebäude. Wenn wir in Deutschland den Anteil erneuerbarer Energien von heute acht auf 20 Prozent der Stromerzeugung bis 2020 steigern wollen, muss der Ausbau entschieden fortgesetzt werden.

Innovative Energietechniken entwickeln und einführen

Innovative Energietechniken – Brennstoffzellen oder Mikrogasturbinen beispielsweise – sind weiter zu entwickeln und die Marktreife ist zu unterstützen. Das gilt auch für die Entwicklung neuer Umwandlungstechniken für die erneuerbaren Energien – etwa die Entwicklung von Windkraftanlagen im „Offshore-Bereich“ in der Multiwattmegaklasse (bis 5 Megawatt elektrische Leistung).

Den Anteil erneuerbarer Energieträger am Energiemix weiter steigern

Sonne, Wasser, Wind, Erdwärme, Biomasse. Die erneuerbaren Energien müssen wir noch stärker nutzen. Damit vermeiden wir klimaschädliche Treibhausgase, machen uns bei der Energieversorgung unabhängiger und schonen die Öl-, Gas- und Kohlevorräte. Die Bundesregierung hat sich verpflichtet, bis 2010 den Anteil an der Stromerzeugung von 6,25 Prozent – im Bezugsjahr 2000 – auf 12,5 Prozent zu verdoppeln. Bezogen auf den Primärenergieverbrauch soll der Anteil an erneuerbaren Energien von 2,1 Prozent im Jahr 2000 auf 4,2 Prozent im Jahr 2010 verdoppelt werden. Wir sind auf einem guten Weg. Allerdings dürfen wir die Sorgen der Menschen – etwa mit Blick auf die „Verspargelung“ der Landschaft durch die Windenergie – nicht außer Acht lassen.

Auf Kernenergie verzichten

Die Nutzung der Kernenergie birgt die Gefahr der radioaktiven Verseuchung bei Unfällen. Sie erfordert in jedem Fall die Jahrtausende währende sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle. Dafür gibt es weltweit noch kein überzeugendes Konzept. Zudem ist Uran ebenfalls kein unendlich verfügbarer Rohstoff.

Schließlich eröffnet eine nachhaltige Energiepolitik auch wirtschaftliche Chancen. Die Entwicklung neuer, energiesparender Produkte und ihre Markteinführung, Innovationen für hoch effiziente Kraftwerke sowie die Nutzung erneuerbarer Energien erschließen neue Felder für die inländische Wertschöpfung – auch für den Export. Daraus können – gesamtwirtschaftlich betrachtet – positive Wirkungen bei Nachfrage, Wachstum und Beschäftigung entstehen, weil importierte Energieträger, wie Öl, Kohle oder Erdgas, durch inländische Wertschöpfung ersetzt werden. Eine konsequent nachhaltige Energieversorgung steht damit keineswegs im Widerspruch zu Fortschritt und wirtschaftlichem Wachstum. Im Gegenteil: Eine mutigere vorausschauende Energiepolitik tut Wirtschaft und Klima gut.

Andreas Troge (54) studierte Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin. Nach Tätigkeiten in der Wirtschaft wurde er 1990 Vizepräsident und 1995 Präsident am Umweltbundesamt.

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