Sparen in Wuppertal : Ein Fanal

Die Parolen klingen abgestanden, aber die Lage ist ernst. Etliche Kommunen stehen vor dem finanziellen Kollaps, und sie wollen sparen an der Kultur. Deutschlands Stadtheatersystem, einmalig in der Welt, wackelt und ächzt. In Oberhausen, Hagen und Essen, in Schleswig, Dessau und Neustrelitz fürchten Bühnen um ihre Existenz. Je kleiner und randständiger die Stadt, desto dramatischer: Wen kümmert’s am Ende in Berlin, wenn in Moers der Vorhang fällt!

Zum Welttheatertag am 27. März – sonst kaum beachtet – lädt der Deutsche Bühnenverein nach Wuppertal. Auch dort liegt das Schauspiel in Agonie, die Stadt denkt an Schließung, womöglich bleibt ihr nichts anderes übrig. In der Heimat Pina Bauschs wird am Sonnabend die größte Solidaritätsveranstaltung erwartet, die Deutschlands Bühnen je auf die Beine gestellt haben. Wuppertals Intendant hofft auf ein „entfesseltes Theaterbekenntnis.“ Eine Menschenkette soll Schauspielhaus und Oper verbinden.

„Man kann doch nicht Schauspielhäuser schließen, um Steuererleichterungen für Hotels zu finanzieren“, schimpft Rolf Bolwin, der Geschäftsführer des Bühnenvereins. Wenn es so einfach wäre! Aber in Nordrhein-Westfalen tobt auch noch der Wahlkampf, die Reden werden griffiger, und man kann die Wut der Theaterchefs verstehen. Denn Theaterschließungen sind kurzsichtig, weil sie nur auf lange Sicht die Etats erleichtern. Bis dahin müssen Abfindungen gezahlt, Prozesse geführt und Gebäude instandgehalten werden. Und wenn dann eines Tages die Einsparungen greifen, könnte die finanzielle Not wenigstens teilweise überwunden sein.

Nichts ist so tot und traurig wie ein zugesperrtes Theater. Ein Schandfleck im öffentlichen Raum, eine extrem unpopuläre Maßnahme. Man weiß es aus Berlin. Die Liquidation der Staatlichen Schauspielbühnen hat den Senat damals mächtig in Verschiss gebracht, der Leerstand des Schiller-Theaters kostete Millionen – für nichts als blanken Aktionismus. Bald wird die Staatsoper dort ihr Übergangsdomizil finden, nach einer kostspieligen Renovierung. Der Schiller-Leerstand war in jeder Hinsicht ruinös.

Großkampftag an der Wupper. Da werden Erinnerungen wach – an die Proteste, die anno 1993 den Untergang des Schiller-Theaters begleiteten. Nie mehr wollten die NRW-Bühnen zum Theatertreffen nach Berlin kommen. Regisseure und Intendanten schworen ewige Rache. Sie standen an der Rampe, ballten die Faust, riefen „Barbarei!“ und reisten mit breiter Brust wieder ab. Solisten und Solidarität, das geht selten zusammen. Wiederholt sich das Fanal fatal in Wuppertal? Rüdiger Schaper

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