Zeitung Heute : Spaß am Umweg

Der Tagesspiegel

Die Nr. 2465 weiß, dass sie keine Chance hat: „Ick hab’ eben einen Favoriten jeseh’n, die Nummer ölf. Der hatte janz dünne Beene.“ Man kann nicht sagen, dass der kleine Mann mit der Brille auf der Nase und der 2465 auf der Brust dicke Beine hätte. Trotzdem macht ihm ein Freund ein bisschen Mut: „Auf die dünnen Beene kommt die Elf sowieso nie an.“

Es ist kurz vor zehn, auf dem Alexanderplatz machen sich lauter Leute mit engen Hosen um die dünnen Beine und Startnummern vor der Brust warm, um zehn rennen sie vom ausgemachten Startpunkt los, und nach einer halben Minute scheint die Sache entschieden: Ganz vorne rennen drei Afrikaner, die tatsächlich die allerdünnsten Beine haben. Die Nummer 11? Merkwürdig, nicht zu sehen. Ja, wenn die auch alle so dürre sind.

Merkwürdig an diesem Berliner Halbmarathon ist auch, wie viele dabei mitmachen. Über 14 000. Da wüsste man schon sehr gern, warum die das tun. Klar, es gibt 1500 Euro für den Sieger, dafür kann man sich ein paar Paar prima Laufschuhe kaufen. Aber Sieger ist ja meistens nur einer. Die irre schnellen Afrikaner wollen sich für einen Weltmeisterschaftslauf qualifizieren, heißt es. Leistungssportler eben, da fragen wir gar nicht weiter. Warum tun das aber die vielen anderen, die, die das wirklich gar nicht müssen? Start und Ziel des Laufs liegen schlappe 500 Meter Luftlinie voneinander entfernt. Man schafft das gemütlich zu Fuß in fünf Minuten. Warum rennen die einen Umweg von über 20 Kilometern?

Nun, es sieht so aus, als sei die Sache ganz einfach: „Mensch weil’s Spaß macht“, sagen die, die heil durchs Ziel gekommen sind.

Wirklich? Spaß? Beim Lauf über die Schlusslinie guckt ihr doch alle so furchtbar ernst und seid so blass und riecht so streng!

„Echt, macht total Spaß!“ Und die Nummernmenschen strahlen den Frager glaubhaft seelig an. Einer sagt noch was vom inneren Schweinehund, ein anderer was vom Superpublikum, und ein Dritter freut sich, dass er mal über die Autostraßen rennen konnte, vorbei an all den Sehenswürdigkeiten. Der Vierte sagt: „Junge, da musst du selbst mitrennen, dann wirst du’s verstehen.“

Da hinten, da ist die Nummer elf! Eins seiner dünnen Beine zieht er irgendwie nach. Und er guckt auch gar nicht froh. Es heißt, er sei nur Achtzehnter geworden. Als Favorit ärgert er sich jetzt bestimmt. Könnte es sein, dass wenigstens dem die Plackerei keinen Spaß gemacht hat?dae

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