Zeitung Heute : Spaß beiseite

Er will die Republik verändern. Zuerst aber musste Guido Westerwelle sich selbst neu erfinden

Hans Monath

Auf einem Volksfest in der niederbayerischen Provinz, 640 Kilometer von Berlin entfernt, stellt sich von einem Moment auf den anderen die Frage, ob Deutschland nicht doch liberaler ist, als Edmund Stoiber es wahrhaben möchte. Unter der weiß-blauen Zeltplane der „Rottaler Hütte“ schallt die Stimme von Guido Westerwelle über die Holztische hinweg durch den leichten Dunst von Bier und Braten.

Unten wartet nur ein einsamer Gegner auf seine Gelegenheit. Der Mann mit dem Schnurrbart steht plötzlich ganz allein in einem Gang und reckt ein Plakat in die Höhe: „Gleichgeschlechtliche Ehe, nein danke“, hat er auf das weiße Feld über das Logo der „Republikaner“ gekritzelt und darunter: „Homos Lesben, nein danke“.

Wenn die Welt noch irgendwo der alten Ordnung gehorcht, dann hier im Rottal im südöstlichsten Winkel der Republik, wo an diesem Mittag der Pulk von Honoratioren und ihr politischer Gast das Karpfhamer Fest mit dem Einzug der Bierkutscher eröffnet haben. Der Kirchturm glänzt in der Sonne, als der „Reformexpress“ hält, der gelb-blaue Wahlkampfbus, der den FDP-Spitzenkandidaten zu seinen Terminen bringt. Die Gehsteige sind sauber gekehrt, auf den Fensterbänken blühen Geranien.

Stämmige Männer in Lederhosen und gestrickten Wadengamaschen, die „Goaslschnoitzer“, lassen laut ihre Peitschen knallen. Die Kapelle schmettert den „Bayerischen Defiliermarsch“. Nur der geschwungene Schriftzug „Kalifornische Weine“ an einem frisch renovierten Hof erinnert daran, dass die Globalisierung auch vor dieser Hochburg bayerischer Tradition keineswegs Halt macht.

Den eineinhalbtausend Zuhörern in der „Rottaler Hütte“ hämmert der Spitzenkandidat der Liberalen seine Schlüsselbotschaften im Stakkato-Stil ein: Leistung muss sich wieder lohnen. Wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet. Da haut schon mal ein Zuhörer mit der Faust auf den Tisch, dass die Weizenbiergläser wackeln, und schreit: „Genau!“ Dann steht der Plakatmann auf.

Mit Provokateuren hat der gelernte Konfrontationspolitiker am Pult kein Problem: „Ich will Ihnen mal was sagen“, knöpft er sich den Angreifer vor. Für die Liberalen gelte auch in Bayern der Satz, „jeder wie er will in Deutschland“, ruft der Parteichef, den der bayerische Ministerpräsident einmal als „Junggesellen aus Bonn“ geschmäht hat. Das klingt fast schon ein wenig nach einer Maxime Friedrichs des Großen. Der war zwar Preuße, aber die Zuhörer jubeln, klatschen heftig und lang. Der Störer steht da wie ein Trottel und trollt sich.

Sogar in diesem hintersten Winkel Deutschlands, mitten im Stoiber-Land, ist ein ganzes Bierzelt stolz auf die eigene Toleranz und Liberalität. Nur die Liberalen selbst gelten fast überall in der Republik als eine eher unsympathische, kaltherzige Partei. Und während Westerwelle unermüdlich seine Überzeugung unter die Leute bringt, dass die FDP nach dem 18. September wieder regiert, klagen jüngere liberale Bundestagsabgeordnete und Nachwuchskräfte ganz offen darüber, dass ihnen die auch im eigenen Freundeskreis verbreitete Ablehnung ihrer Partei das Leben schon ziemlich schwer mache.

Viele FDP-Anhänger geben ausgerechnet Guido Westerwelle die Schuld an diesem schlechten Image. Manche sehnten sich lange nach einem anderen Vorsitzenden, der ihnen angeblich mit Seriosität und Verlässlichkeit bessere Wahlchancen bieten würde. Das freilich könnte nur ein geklonter Politiker leisten, der gleichzeitig über die verlässlich-bürgerliche Aura Wolfgang Gerhardts und den Kampfgeist, die Energie und die Schlagfertigkeit seines Nachfolgers als Parteichef verfügen würde. Als der Gast vorbeimarschiert, fallen auch manchem Zuschauer des Festzugs in Karpfham als Erstes wieder der Spaßwahlkampf und der FDP-Kanzlerkandidat aus dem Jahr 2002 ein. Vom Straßenrand ruft einer die Frage herüber, ob er diesmal wieder 18 Prozent holen wolle.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ machte für das miese Bild der FDP in der deutschen Öffentlichkeit jüngst auch die Medien verantwortlich, die angeblich ein verzerrtes Bild der Liberalen zeichnen, was sie im Thomas-Dehler-Haus mit einer gewissen Genugtuung gelesen haben. In den Reihen der Union, wo nach der Wahl vor drei Jahren viele vor Ärger tobten und den FDP-Wahlkampf für die Niederlage verantwortlich machten, hat sich Westerwelle dagegen hohe Achtung erkämpft. „Seine Seriositätsarbeit trägt wirklich Früchte“, sagte ein Mitglied der Fraktionsführung der CDU/CSU: „Der wirkt überhaupt nicht mehr lächerlich oder leichtgewichtig.“

Ob Westerwelle unter seinem Ruf leidet, gibt er nicht zu erkennen. Wird er mit dem Sympathie-Malus konfrontiert, verweist er ganz kühl auf die Serie von erfolgreichen Wahlen in seiner vierjährigen Amtszeit als Parteichef und darauf, dass ein Drittel der Parteimitglieder in dieser Zeit eingetreten ist. Oder er reagiert mit höhnischer Ironie. Als der Moderator einer Diskussionsveranstaltung in Berlin-Mitte zum Auftakt erst an das 2002 in der Flut abgesoffene „Guidomobil“ und an den Besuch im „Big Brother“- Container erinnert und dann nach der Selbsteinschätzung des Wahlkampf-Gastes fragt, lässt der ihn kalt auflaufen: „Eigentlich haben Sie schon alles gesagt.“

Was natürlich heißen soll: Gar nichts ist damit gesagt. Und das stimmt in diesem Fall auch. Ob Westerwelle in der heißen Phase des Wahlkampfes in Fernsehstudios debattiert, in einem Berliner Verlagshaus auftritt oder vor Mittelständlern im thüringischen Gotha, im Nieselregen auf dem Regensburger Marktplatz oder im schicken Münchner „Nachtcafé“, nirgendwo setzt er auf andere Effekte als die Kraft der Rhetorik und des Arguments. Bei den Terminen seines Lieblingsfeindes Joschka Fischer geht es den Menschen erst um die Person und dann um die Sache. Ob und oder wie lange Westerwelle joggt (er tut es), ist seinen Zuhörern dagegen ziemlich egal. Sie wollen nicht einem Event beiwohnen, sondern am Steuersystem, in der Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik durchdekliniert bekommen, dass mehr Freiheit und mehr Risiko das Land voranbringen.

Thüringen ist nicht gerade ein Stammland der Liberalen, aber der Lucas-Cranach-Saal des Hotels Lindenhof am Stadtrand von Gotha ist an diesem Sommerabend mit ein paar Hundert Zuhörern rappelvoll. Die sind zum Teil von weither angereist, weil auch Kreisverbände des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft eingeladen haben.

Unter dem ausgebauten Dach des Hotels staut sich die schwülwarme Luft. Den Zuhörern steht der Schweiß auf der Stirn, aber fast alle bleiben bis zum Schluss. Den Nerv trifft Westerwelle, als er sich Niels Annen vorknöpft, den Ex-Juso-Chef. 24 Semester habe der studiert, könne immer noch kein Examen vorweisen und wolle trotzdem in den Bundestag. „Wer sein eigenes Leben nicht in den Griff kriegt, sollte doch nicht über das Leben anderer entscheiden“, ruft Westerwelle, und der ordentliche Mittelstand klatscht begeistert.

Es geht an diesem Abend nämlich nicht nur um das liberale Stufensteuermodell. Wenn er dessen Sätze von 15, 25 und 35 Prozent aufzählt, schlägt der Parteichef mit dem Zeigefinger seiner Rechten so konzentriert und punktgenau auf drei Fingerspitzen seiner linken Hand, als sei er ein asiatischer Kampfsportler, der statt des überregulierten deutschen Steuerwesens einen Backstein zertrümmern will. Es geht auch um Werte und darum, wer künftig etwas gelten soll in der deutschen Gesellschaft.

Geradezu als Kompliment empfindet Westerwelle den Vorwurf von Rot-Grün, die FDP mit ihm an der Spitze wolle eine andere Republik. Dazu bekennt er sich: „Uns stört eine Alt-68er-Politik, die Ausdruck einer saturierten westdeutschen Wohlstandsgesellschaft ist, ohne zu merken: Diese Gesellschaft gibt es nicht mehr.“ Das treibt ihn an. Seine demonstrative Höflichkeit, die Verbeugung, das mit angeknipstem Lächeln zum Publikum gewandte Gesicht, wenn er einen Saal betritt, das alles sind auch Unterscheidungsmerkmale gegenüber der Generation von Fischer und Schröder, die sogar auf der Regierungsbank lümmelt. Wenn er am Ende eines Auftritts einen Geschenkkorb entgegennimmt, so betont er fast jede Silbe: „Ich-darf-mich- sehr-herz-lich-bedanken.“ Man kann sich in einem solchen Moment sehr gut vorstellen, wie sehr der Realschüler Westerwelle nach dem Übertritt ins Gymnasium damals unter dem Duzzwang wirrer linker Kuschelpädagogen oder unter schnöseligen Klassenkameraden litt, die kiffen und herumspinnen konnten, weil sie ihren privilegierten Status geschenkt bekommen hatten. Höflichkeit war da wohl eine Waffe und eine Möglichkeit, die anderen auf Distanz zu halten.

Vielleicht ist die im Kampf gegen eine feindliche Umgebung gewonnene Überzeugung, eine neue Generation jenseits der alten, zu träge gewordenen bundesdeutschen Gesellschaft zu verkörpern, auch der Schlüssel zum Verhältnis von Westerwelle und Angela Merkel. Spätestens seit dem Bundespräsidenten-Coup vertrauen sich die beiden. „Sie verstehen sich exzellent, viel besser, als das zwei Parteivorsitzende gewöhnlich tun“, sagt Unionsfraktionsvize Ronald Pofalla, der beide gut kennt. Keinen Moment zögert der CDU-Politiker aus Merkels „Boy-Group“ auf die Frage, welche Werte der ostdeutschen Pfarrerstochter und dem Jüngeren aus der alten Bundeshauptstadt gemeinsam seien: „Der Gedanke der Freiheit und der Rückgabe von Rechten an Individuen.“

Falls es nicht klappt mit der schwarzgelben Mehrheit, dann wird es bei den Liberalen „ein mittleres Erdbeben“ geben, wie einem Mitglied der Führung schwant. Andere sagen, die Partei werde dann explodieren. Wenn es aber klappt, werden mit einem Mal alle Fehler Westerwelles aus der Vergangenheit vergessen sein. „Jedes Staatsamt bringt doch einen Schub an Seriosität“, sagt ein wichtiger Unionspolitiker. „Das haben wir bei den Grünen schon erlebt.“

Aber will Guido Westerwelle überhaupt ins Kabinett, etwa als Justizminister? Es spricht nicht viel dafür, dass er seine Pläne beim Parteitag am Sonntag schon verraten wird. Wenn er aber auf der Regierungsbank Platz nehmen sollte, dann wird er das mit durchgedrücktem Kreuz und in sehr ordentlicher Haltung tun. Und das wird eine Botschaft sein.

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