Zeitung Heute : Spaß ohne Notbremse

Der Boden war aufgeweicht, rutschig. Die Menge drängte zur Bühne, wollte noch näher herankommen. Und plötzlich wurde sie sich selbst gefährlich: Neun starben beim Roskilde-Festival. Zehn Jahre nach dem Unglück strömen wieder Zehntausende auf die dänische Sommerwiese, um aus dem Alltag zu fallen

Steen Lorenzen[Roskilde]
Unerklärlich. Trotz der Wellenbrecher, die den Druck in der Menschenmenge auffangen sollen, kamen am 30. Juni 2000 vor der Hauptbühne in Roskilde neun junge Männer ums Leben. Foto: dpa
Unerklärlich. Trotz der Wellenbrecher, die den Druck in der Menschenmenge auffangen sollen, kamen am 30. Juni 2000 vor der...Foto: dpa

Vor Sara Sandfær liegen am Mittwochnachmittag noch einige Stunden Arbeit, während die Welt um sie herum sich fallen lässt. Drei Wochen hat die 23-jährige Dänin mit Hammer, Säge, Nägeln und Pinsel an kühn geformten Sitzgelegenheiten gewerkelt. Nun schaut sie mit wachen blauen Augen auf ihre letzte Holzkonstruktion, die vor einer Konzertbühne steht. Strohblonde Haare fallen ihr ins Gesicht, in dem Farbspuren glitzern.

Bald wird es hier laut und voll werden. Lauter als das, was eine Band namens By The Patient bereits an brutal klingender Rockmusik, grunzendem Gesang und virtuosem Schlagzeuggewitter veranstaltet – und was sehr gut zu dem Geräusch von Saras Säge passt. Schon jetzt liegen Menschen in Saras Alter auf ihrem kunstvoll gezimmerten Podest, trinken in der Mittagssonne ihr erstes, zweites oder drittes Bier und fallen aus dem Alltag.

So soll es sein. 23 Jahre ist das Durchschnittsalter des eigenartigen Stammes, der bereits seit vergangenem Samstag auf einer Sommerwiese bei Roskilde seine Zelte aufschlägt. Die Fördestadt in der Nähe von Kopenhagen wächst derzeit mit jedem Tag, verdoppelt ihre Einwohnerzahl. 75 000 reisen an aus allen Teilen Europas. Party- und Musikbegeisterte, Punks, Waver, Hippies, Hiphop-, Elektro- und Gothic-Fans errichten ein riesiges Lager. Dörfer entstehen. Dort das der Österreicher, hier das der Schweden. Es fehlt an nichts. Es gibt Haupt- und Nebenstraßen, Kinos, Imbiss-Stände mit erstaunlich gutem Essen und einen See zum Baden, Kinder toben herum, und überall sind sehr viele Menschen, die eine Woche lang miteinander auskommen müssen.

Wenig mehr ist nötig, dass die Menge sich selbst gefährlich wird. Am 30. Juni 2000 hatte es nur geregnet. Der Boden war aufgeweicht und rutschig. Menschen drängten zur Bühne, wo eine der berühmtesten Rockbands spielte. Viele wollten noch näher dran sein an Pearl Jam und ihrem Frontmann Eddie Vedder, und immer mehr verloren den Halt. Jemand sagte hinter der Bühne, dass die Musik aufhören müsse. Sofort. Aber die Band bekam es nicht mit. Sie stand im Lärm, im Ventilatorwind, vor sich die wogende Masse.

„Als das Licht anging, konnten wir dieses Loch sehen im Publikum, dort, wo Menschen hingefallen waren und nicht wieder hochkommen konnten“, erzählt Erik Jensen, Journalist der dänischen Tageszeitung „Politiken“, von dem tragischen Moment. „Eddie Vedder wurde von Panik ergriffen und bat das Publikum immer wieder, sich zurückzuziehen, bevor er resignierend auf die Knie fiel.“ Niemand habe den Ernst der Lage in diesem Moment erfasst, sagt Jensen, „weil das alles weit weg war von der Roskilde-Wirklichkeit, wie wir sie bis dahin kannten“. Bilanz: neun Tote.

Das passt nicht zu dem Bild eines Festivals, das Ausschweifungen und den Irrsinn enthemmter Jugendlicher kennt und selbst für einen guten Zweck eintritt. Man soll sich fallen lassen, aber das Loch darf sich über einem nicht schließen.

„Wenn du das erste Mal hier bist, dann geht es um die klassischen Teenagerrituale“, sagt Sara Sandfær. „Du feierst und machst all das, was dir deine Eltern verboten haben. Das hat mir irgendwann nicht mehr gereicht. Ich wollte die andere Form von Gemeinschaft erleben, die hier auch stattfindet.“ Jetzt gehört sie zu den 25 000 ehrenamtlichen Mitarbeitern des Festivals, von denen viele wie Sara in Roskilde und Umgebung leben. Es ist eine Gemeinschaft, von der Saras Vater schon geschwärmt hat. Mogens Sandfær hat das Roskilde-Festival erfunden.

Zusammen mit seinem Schulfreund Jesper Switzer organisierte er 1971 ein „Soundfestival“, das den Geist von Woodstock aufnehmen wollte. Mogens Sandfær war 17 Jahre alt, in Kalifornien hatte er den Summer of Love erlebt und träumte von einer besseren Welt. Warum, dachte er sich, diese bessere Welt nicht wenigstens temporär schon mal errichten? Mit dem Gemeinschaftserlebnis eines Festivals wäre der Anfang gemacht.

Roskildes Stadträte ließen sich überreden, eine für Landwirtschaftsmessen genutzte Sommerwiese in ein dänisches Woodstock zu verwandeln. Ähnlich unvorbereitet wie ihre amerikanischen Vorbilder waren auch Sandfær und Switzer auf den Andrang. Statt der erwarteten achttausend kamen zwölf- bis fünfzehntausend Menschen auf dem Weideland vor einer Doppelbühne aus Holzbrettern zusammen, um 20 verschiedene Folk-, Rock- und auch Jazzbands zu sehen: „Die Leute haben ihre Zelte direkt davor aufgeschlagen. Einmal morgens den Reißverschluss aufgemacht, und schon konntest du dir die erste Band ansehen. Andere bauten sich ihr eigenes kleines Biwak. Oder sie machten es sich in einem Pferde-, Kuh- oder Schweinestall bequem. Und bei manchen sah es so aus, als hätten sie vor, für längere Zeit zu bleiben.“

Mogens Sandfær blieb dem Festival treu, auch wenn er schon im Folgejahr nur noch am Rande beteiligt war. Heute, 40 Jahre später, trifft man ihn in der Königlichen Bibliothek, die in Kopenhagen als schwarz glänzender Diamant direkt am Wasser gebaut ist. Sandfærs mächtige Brillengläser passen zum Habitus seines Jobs: Er leitet das Informationszentrum der Technischen Universität und stellte Mitte der 90er Jahre die erste dänische Homepage ins Netz. Jahr für Jahr hat er verfolgt, wie „sein Baby“ wuchs, zum größten Rock- und Popspektakel Skandinaviens. Die Holzbühne verschwand und wurde ersetzt durch eine orangefarbene Zeltkonstruktion – ein ehemaliges Bühnenbild der Rolling Stones, das 1978 vom damaligen Leiter Leif Skov in einem heruntergekommenen Lagerschuppen in London entdeckt wurde.

Dabei ist Musik nur der Katalysator eines Lebensgefühls, das im Festivalrausch zu sich selbst kommt. „Genau genommen ist die Frage, wer auftritt und wie die Musik klingt, zweitrangig“, sagt Sara Sandfær. „Es geht darum, den Rahmen zu sprengen, in den sich die Menschen tagtäglich einpassen müssen. Es ist toll, wie hier die Masken fallen, die Fassaden bröckeln. Die Menschen sind in jeder Hinsicht drauf.“

Das ist eine Gratwanderung. Die Stimmung kann kippen, ohne dass man genau wüsste, warum. Auch zehn Jahre nach dem Unfall ist nicht geklärt, was 2000 genau dazu führte, dass neun junge Männer im Gedränge ihr Leben verloren. Keiner von ihnen stand unter Drogeneinfluss, jedenfalls nicht mehr als üblich. Der Druck einer nach vorne drängenden Menge war schon in den 80er Jahren in Roskilde durch sogenannte Wellenbrecher gebremst worden. Maximal sechs bis acht Meter konnte sich die Welle zwischen den Eisenstangen fortpflanzen.

Was also war passiert? Ausgesprochen rücksichtslos muss das Verhalten dort gewesen sein, wo die neun zu Fall kamen. Sie verloren auf matschigem Untergrund den Halt, stürzten und schafften es durch die nachrückende Menge nicht mehr, wieder aufzustehen. Das Gewicht der Stürzenden presste ihre Körper zusammen. Sie erstickten. Schuldige hat die Staatsanwaltschaft nicht finden können.

Als einen absurden, schlechten Traum beschrieb Eddie Vedder das Ereignis danach. Die Zeit stand still in Roskilde.

Seit 1972 war das Festival eingebunden in die Arbeit eines gemeinnützigen Vereins und galt als besonders friedfertig. Es darf keinen Profit erwirtschaften, Überschüsse werden wohltätigen Organisationen gespendet. Auf diese Weise sind über 15 Millionen Euro an Ärzte ohne Grenzen, Amnesty International, das Rote Kreuz und viele andere geflossen. Gleichzeitig wurde das Nonprofit-Festival zum unentbehrlichen Partner der Stadt und der Kommune: 25 Prozent aller Jahresumsätze der Tourismusbranche in Roskilde werden während der Festivaltage erwirtschaftet. Und die vielen Sport- und Freizeitvereine, die vegetarische Burger oder dänisches Biksemad (Bratkartoffeln, Ei und rote Beete) verkaufen, freuen sich ebenfalls jedes Jahr über zusätzliche Kronen in der Vereinskasse.

Ausgerechnet ein solcher Wohlfahrtsapparat wurde zum Schauplatz der Tragödie, entzauberte das Bild des entfesselten Frohsinns. „Ich hatte auch versucht, ganz weit vorne vor der Bühne dabei zu sein“, erinnert sich Journalist Erik Jensen. „Aber es gab überhaupt kein Durchkommen.“ Mit seinem Sonderausweis zog er sich auf eine Plattform für Journalisten zurück. Nur ein paar Meter entfernt von dem Ort, der das Festival für immer verändern und Pearl Jam beinahe zerbrechen lassen sollte.

Heftig wurde die Festivalleitung danach kritisiert. Für die ungenügende Koordination der Rettungsmaßnahmen, für den Mangel an ausgebildeten Sicherheitskräften. Und auch dafür, das Festival fortzusetzen. Pearl Jam schrieben den Song „Love Boat Captain“. Darin heißt es: „It’s an art to live with pain.“ Es sei eine Kunst, mit dem Schmerz zu leben, singt Eddie Vedder in Erinnerung an die „neun Freunde, die wir nicht mehr kennenlernen werden“. Wenn ihre Musik zu einer Gefahr für jene wurde, die sie liebten, wie sollten sie selbst ihre Songs da noch unbefangen spielen?

Im Jahr 2006 brachten sie ein Album heraus, auf dem kein Titel zu finden war, nur der Name der Band. Wie zur Vergewisserung, dass es sie noch gab. „Wir möchten wieder große Shows spielen, wieder Erfahrungen machen, die andere große Bands auch machen. Wir wollen nicht die Gefangenen einer Erinnerung bleiben“, erzählte Pearl-Jam-Gitarrist Stone Gossard, kurz bevor die Band in jenem Jahr zum ersten Mal wieder auf einem Festival auftrat. „Es ist schwer, das alles zu verarbeiten. Als wären wir Zeugen eines fürchterlichen Verkehrsunfalls geworden und hätten dabei in der ersten Reihe gestanden. Die Erinnerungen lassen dich nicht mehr los. Du versuchst da irgendwie durchzukommen.“

Gossard und seine vier Mitstreiter suchten in der Folge den Kontakt mit Angehörigen der Verstorbenen. Sie wollten wissen, welche Lücken jene tragische Konzertnacht in neun Familien gerissen hatte. Nach Dänemark kehrten Pearl Jam erst 2007 wieder zurück. Das Roskilde- Festival meiden sie bis heute. Eddie Vedder nimmt es der Festivalleitung nach wie vor übel, dass sie nicht die Schuld für das Unglück auf sich genommen hat.

Das Festival glaubt, nach der Tragödie die richtigen Schlüsse gezogen zu haben: 1,2 Millionen Euro investierte es im Jahr nach dem Unglück in ein ausgefeiltes Sicherheitssystem, wie es kein zweites Open Air vorweisen kann. Das Publikum wird vor der Unglücksbühne in vier Korridore geschleust. Dazwischen Schutzgräben, in denen Helfer das Geschehen beobachten und Wasser verteilen. Es ist immer noch laut und eng, aber nicht bedrückend. Ampeln weisen den Fans den Weg zu freien Plätzen. Und auf großen Leinwänden erscheint immer wieder der Hinweis „Take care“ – passt aufeinander auf.

Für Musikjournalist Erik Jensen war es im Jahr eins nach der Katastrophe ein wichtiges Zeichen, dass „dieses rücksichtslose Vorpreschen während der Konzerte, um ja auch ganz vorne dabei zu sein, koste es, was es wolle, viel seltener zu beobachten war. So etwas wie eine neue Unschuld entstand in dieser Zeit, als würde die Gemeinschaft rundum erneuert.“

Mit einer Gedenkzeremonie von Patti Smith für die Toten wurde das 40. Festival am Donnerstagabend eröffnet. Die amerikanische Musikerin verteilte neun Rosen ans Publikum, für jeden der Verstorbenen eine.

Wenn Patti Smith am heutigen Samstag ihr reguläres Konzert gibt, werden sich die Wege von Tochter Sara und Vater Mogens Sandfær trennen: „Ich gehe da hin“, versichert Mogens und meint Patti Smith, während es ihm geht wie allen Vätern: „Meine Kinder hören sich Bands an, von denen ich keinen blassen Schimmer habe und deren Musik ich möglicherweise nicht verstehe.“ Aber, fügt er schmunzelnd hinzu, „dann kann ich selbst auf Entdeckungsreise gehen, um meinen Horizont zu erweitern“.

Am Ende werden sich alle wieder vor der orangefarbenen Zeltbühne treffen, dem Wahrzeichen von Roskilde, das seit 2000 für beides steht: entfesselte Momente des Fallenlassens und den Kniefall von Eddie Vedder.

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