Spazierengehen : Zur Erbauung und Verdauung

Der Brite tut’s der guten Luft wegen. Der Italiener, um gesehen zu werden. Der deutsche Spaziergang aber ist alles andere als ein Spaziergang. Hier geht’s um geistige Schwerstarbeit, um Erkenntnis. Eine österliche Lustwandelei mit Johann Wolfgang von Goethe und dem Promenadologen Bertram Weisshaar.

Jens Mühling
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Vom Eise befreit. Faust und Schüler Wagner vor den Toren der Stadt. Illustration zu Goethes Osterspaziergang von Paul Mohn,...

Ein paar Meter noch. Bertram Weisshaar verlangsamt jetzt den Schritt, nimmt den letzten Teil der Steigung schlendernd, hebt den Blick vom Grund in die Ferne, bleibt stehen. Eine stille Silhouette über dem Tosen der Stadt, nur noch der Mantel flattert im Wind, eine Haarlocke tanzt über blinzelnden Blicken.

Bertram Weisshaar ist am Ziel. Er hat eine Aussicht gefunden, die er nicht gesucht hat.

Ein unbegreiflich holdes Sehnen

Trieb mich, durch Wald und Wiesen hinzugehn,

Und unter tausend heißen Tränen

Fühlt ich mir eine Welt entstehn.

(Goethe, Faust I, „Osterspaziergang“)

Es ist ein sonniger Vormittag. In der Ferne, auf den Bahnsteigen des Berliner S-Bahnhofs Westkreuz, kann Bertram Weisshaar Ausflügler erkennen, Menschen mit Rucksäcken und Wasserflaschen, die es hinauszieht aus der Enge dieses unwirtlichen Stadtfleckens.

Spaziergänger aller Art ziehen hinaus.

EINIGE HANDWERKSBURSCHE: Warum denn dort hinaus?

ANDRE: Wir gehn hinaus aufs Jägerhaus.

DIE ERSTEN: Wir aber wollen nach der Mühle wandern.

EIN HANDWERKSBURSCH: Ich rat’ euch, nach dem Wasserhof zu gehn.

ZWEITER: Der Weg dahin ist gar nicht schön.

Bertram Weisshaar, Spaziergänger von Beruf, steht auf einem ausrangierten Autobahnzubringer. 20 Meter über dem Boden endet die von Stelzen getragene Asphaltpiste vor einem vierspurigen Abschnitt der Berliner Avus, die Zufahrt ist mit Betonblöcken versperrt. Kaum zwei Meter entfernt dröhnen Lastwagen an Weisshaar vorbei, Dieselgestank liegt in der Luft, jenseits der Trasse ragt das Betongebirge des ICC-Baus in den Himmel. Bisweilen trägt der Wind das schiefe Kreischen einer S-Bahn vom Westkreuz herüber, ringsum zerfranst die Avus in wirren Knoten, und unten, im Müll zwischen den Betonstelzen, ist ein Obdachlosenlager zu erkennen, verbogene Einkaufswagen zwischen fleckigen Matratzen. Weisshaar nimmt das alles lange und schweigend in Augenschein. Dann sagt er, und fast muss er schreien, der Verkehrslärm ist ohrenbetäubend: „Eine Landschaft ist das nicht!“

Es ist ein Befund, keine Enttäuschung.

Kehre dich um, von diesen Höhen

Nach der Stadt zurückzusehen.

Den Spaziergänger Goethe, sagt Weisshaar, müsse man sich als glücklichen Menschen vorstellen. Im „Osterspaziergang“ lässt er die Herren Faust und Wagner zwischen eisbefreiten Strömen und Bächen umherstreifen, eine Anhöhe erklimmen, auf die Stadt zurückblicken, und von dort oben, sagt Weisshaar, schenke Goethe seinen Helden Ansichten, die sich heute kaum noch finden ließen. „Das, was wir Landschaft nennen, war zu Goethes Zeiten viel klarer strukturiert. Wo die Stadt endete, begann das Land.“ Nur deshalb können Faust und Wagner aus der Ferne beobachten, wie bunt gekleidete Osterspaziergänger das Stadttor durchschreiten und wandernd die karge Vorfrühlingslandschaft beleben, wie Farbtupfer in einem ansonsten monochromen Gemälde.

„Heute“, sagt Weisshaar, „liegen zwischen Stadt und Land seltsame Übergangsbereiche.“ Er deutet auf die verschlungene Knotenlandschaft der Avus. „Wie hier, wo die Autobahn ihren Weg in die Stadt sucht.“ Wieder lässt Weisshaar den Blick über die ausgesuchte Hässlichkeit dieser städtebaulichen Unfallstelle schweifen, die jeden Spaziergänger, wenn er halbwegs bei Sinnen ist, zur instinktiven Umkehr treiben würde.

Weisshaar lächelt. Er ist bei Sinnen. Aber er ist nicht jeder Spaziergänger.

Weisshaars Metier ist die Promenadologie, die Spaziergangswissenschaft. Der Begründer dieser sperrig benannten Spezialdisziplin, Deutschlands prominentester Promenadologe sozusagen, war der 2003 verstorbene Lucius Burckhardt. Er war Weisshaars Lehrer, ihm verdankt er seinen Schlüsselspaziergang. In den 80er Jahren war das, in Kassel, wo Weisshaar Landschaftsplanung studierte. Burckhardt gab ein Spazierseminar, er führte die Studenten an Kassels schönsten Ort, den Bergpark Wilhelmshöhe. Da spazierten sie durch eine Landschaft, die die größten Baumeister des Barock zur maximalen Erbauung aller Spaziergängersinne erdacht hatten. Staunend spazierten sie, und Burckhardt, der Meisterspazierer, verkündete plötzlich: Es gibt gar keine Landschaft. Die ist nur in euren Köpfen.

„Das saß“, erinnert sich Weisshaar.

Was ihr den Geist der Zeiten heißt,

Das ist im Grund der Herren eigner Geist,

In dem die Zeiten sich bespiegeln.

In der Umwelt eine Landschaft zu erblicken, erklärte Burckhardt den staunenden Studenten, sei eine schöpferische Tat des Gehirns. Eine Tat zudem, bei der sich das Hirn gerne auf die Sprünge helfen lasse – man müsse ihm nur Bestandteile vorsetzen, in denen das Hirn sein inneres Landschaftsrepertoire wiedererkennt. Grüne Auen, weidende Schafe. Eine sanfte Anhöhe, die Silhouette eines knorrigen Baums. Schroffe Felsen, schattige Täler, das Geräusch eines plätschernden Quells. Unberührtheit, die erst die ordnende Gärtnerhand in Form gezwungen hat. Abgeschiedenheit, der die eigene Anwesenheit zuwiderläuft.

Weisshaar sagt, er könne sich „nicht erinnern, vor diesem Tag ein besonderer Spaziergänger gewesen zu sein“. Erst die landschaftsentzaubernde Wanderung mit Burckhardt bekehrte ihn. Vorbei war es nun mit dem naiven Schlendern durch vermeintliche Idyllen, plötzlich drängten lauter Fragen auf Weisshaar ein: Warum eigentlich gilt uns die eine Landschaft als einladend und die andere als abweisend? Woher kommen all die Bilder, die der Spaziergänger im mentalen Marschgepäck mit sich herumschleppt, warum will er nur diese Bilder in der Umwelt wiederfinden, warum keine anderen? Weshalb nehmen wir ein Kernkraftwerk als landschaftsentstellend wahr, aber eine Windmühle, die doch nur ein älterer Apparat der Energiegewinnung ist, als landschaftsbereichernd? Und vor allem: Kann man lernen, anders spazieren zu gehen? Landschaften zu entdecken, wo andere keine sehen?

Weisshaar setzte einen Fuß vor den anderen, dann den anderen vor den einen. Es war der Beginn seines Spaziergängerlebens, seines Lebensspaziergangs.

Weisshaar wusste sich in guter Gesellschaft. Andere hatten vor ihm den Spaziergang als Quell der Erkenntnis entdeckt – gerade in Deutschland. Wo der mediterrane Flaneur um des Gesehenwerdens promenierte, wo der Angelsachse sportliche Betätigung an der frischen Luft suchte, war es dem deutschen Spaziergänger stets um Ernsteres zu tun: um den Gang an sich. Goethe, Schiller, Eichendorff, Johann Gottfried Seume oder Caspar David Friedrich ließen, wenn sie nicht gerade selbst spazierten, die Helden ihrer Werke dem beobachtend-sinnenden Wandeln um der Erkenntnis willen frönen, dieser überaus teutonischen Extremsportart.

Der echte deutsche Spaziergang ist geistige Schwerstarbeit. Er ist, man muss es wohl so sagen, alles andere als ein Spaziergang.

Wobei natürlich auch in Deutschland stets eine Parallelkultur des Profanspaziergangs existierte, des Promenierens zur Erbauung und Verdauung. Ihre Ursprünge liegen im Lustwandeln einer beschäftigungslosen, also professionell müßiggängerischen Aristokratenklasse, die sich idyllische Spazierlandschaften wie die Kasseler Wilhelmshöhe anlegen ließ. Später, als das Bürgertum den öffentlichen Raum eroberte, wurde der Spaziergang politisch: Mancher sieht im Entstehen des Boulevards auch die Entstehung der bürgerlichen Meinungs- und Pressefreiheit begründet – schließlich war der Bürgersteig der Ort, wo die flanierende Anschauung der Welt zur Weltanschauung werden durfte, zur politischen Überzeugung, die man auf dem Trottoir seinen Mitbürgern kundtun konnte.

BÜRGER: Nein, er gefällt mir nicht, der neue Burgemeister!

Nun, da er’s ist, wird er nur täglich dreister.

Und für die Stadt was tut denn er?

Wird es nicht alle Tage schlimmer?

Gehorchen soll man mehr als immer,

Und zahlen mehr als je vorher.

ANDRER BÜRGER: Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen

Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,

Wenn hinten, weit, in der Türkei,

Die Völker aufeinander schlagen.

Auch Bertram Weisshaars erster Schritt ins Berufsspaziererdasein war ein politischer. Für die Stiftung Bauhaus in Dessau organisierte er Spaziergänge in die stillgelegten Braunkohlegebiete der Region. „Alle erzählten, dass es dort furchtbar aussehe, dabei war es wunderschön“, sagt er. Davon ließen sich nach anfänglicher Skepsis auch viele Bewohner der Region überzeugen, deren Heimat umgegraben worden war und die Weisshaar nun begierig bei seinen Spaziergängen folgten: Da war einer aufgetaucht, der ihnen eine neue Sicht auf die Dinge eröffnete, der Schönheit entdeckte, wo sie immer nur Verwüstung gesehen hatten. „Es ging darum zu zeigen, dass diese Landschaft Perspektiven hat“, sagt Weisshaar. „Und dass die Lösung nicht sein konnte, da jetzt noch ein zweites Mal die Planierraupe drüberwalzen zu lassen. Nein, die Gestaltung dieser Landschaft musste im Kopf stattfinden.“

Heute hat Weisshaar ein Büro in Leipzig, ein Spaziergangsbüro. Er arbeitet für Landschafts- und Städteplaner, er macht ihre Projekte nachvollziehbar, begehbar. Für Städte und Kommunen übersetzt er Fachdebatten in Spaziergänge, die sie für betroffene Bürger anschaulich machen. An der Uni Leipzig gibt Weisshaar Spaziergangsseminare für Nachwuchspromenadologen, für Laienspazierer organisiert er Profispaziergänge, auch in Berlin, die Termine werden auf seiner Internetseite www.atelier-latent.de vorgestellt.

Manchmal trägt Weisshaar bei seinen Spaziergängen einfach nur ein gelbes Hinweisschild mit der Aufschrift „Landschaft“ vor den Mitspazierern her. Es funktioniert fast immer: Die Leute sehen sich um, entdecken etwas, entdecken noch etwas, aus Details entsteht ein Gesamtbild – und plötzlich ist da eine Landschaft, die es vorher nicht gab.

Was nicht heißt, dass Weisshaar ein Sonntagsspazierer wäre, einer, der sich alles schönspaziert. Es gibt auch Orte, viel zu viele leider, in denen er beim besten Willen keine Landschaft findet. Orte nämlich, die den Spaziergänger aussperren.

Der tote Autobahnzubringer am Westkreuz, ehemals eine Trasse für den Kraftfahrzeugverkehr, ist heute so ziemlich der einzige Ort in der Gegend, wo Fußgänger sich noch ungestört bewegen können. Ringsherum ist Weisshaars Spaziergang ein Hindernislauf: Schmale Alibi- Bürgersteige winden sich an den Knoten der Avus entlang, zwingen zu sinnlosen Umwegen, enden abrupt vor kolossalen Kreuzungen, deren Überquerung zu Fuß zwei Ampelphasen in Anspruch nimmt. Blechmeere umtosen die ungastliche Mittelinsel, wartend sieht Weisshaar zu, halb skeptisch, halb belustigt. „Das hier ist die Stelle, wo es den Leuten in der Regel zu viel wird“, sagt er. Trotzdem führt er seine Spaziergangsgruppen immer wieder hierher. Er sagt dann meist gar nichts, er will den Leuten seine Verachtung für spaziergängerfeindliche Stadtplaner nicht aufdrücken. Muss er auch nicht. Wer hier steht, versteht.

Wenn jemand ihn fragt, was er so macht, also beruflich jetzt, dann sagt Weisshaar: Ich bin Spaziergänger.

Künstler?, fragen die meisten. Nein, Spaziergänger, antwortet Weisshaar. Und Spaziergangswissenschaftler.

Oft lachen die Leute. Manchmal glauben sie ihm nicht. Manchmal wollen sie, dass er sich rechtfertigt, stellen Fragen, wittern Steuermittelverschwendung. Weisshaar kennt das, es stört ihn nicht. Wenn die Leute ihm zuhören, erklärt er, was er tut. Erklärt, dass Landschafts- und Städteplanung meist in Konferenzzimmern stattfindet, was den Ergebnissen manchmal anzumerken sei. Erklärt, dass Menschen, die einen Ort aus der Anschauung kennen, oft mehr über ihn zu sagen wissen als Menschen, die viele Bücher gelesen haben. „Ob ein Ort angenehm ist oder nicht“, sagt Weisshaar, „das ist doch eine ganz zentrale Aussage über unsere Welt.“

WAGNER: Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt;

Des Vogels Fittich werd ich nie beneiden.

Wie anders tragen uns die Geistesfreuden

Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!

„Wir können uns nicht alles aus dem Geist erklären“, sagt Weisshaar. „Wir brauchen die Begegnung mit der Welt.“

FAUST: Du bist dir nur des einen Triebs bewusst,

O lerne nie den andern kennen!

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,

Die eine will sich von der andern trennen;

Die eine hält, in derber Liebeslust,

Sich an die Welt mit klammernden Organen;

Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust

Zu den Gefilden hoher Ahnen.

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