Zeitung Heute : Spaziergang zum Schlossplatz, bis der Geheimdienst sie erpresste

A. Burchard

Wenn ich die Lebensgeschichten von Heimatvertriebenen höre, von den endlosen Trecks gen Westen und von der Angst, die sie ausgestanden haben, dann denke ich immer: Ich bin auch heimatvertrieben, auch wenn es "nur" innerhalb von Berlin war.

Durch einen Zufall kam ich 1928 in Steglitz auf die Welt. Aber meine Heimat ist Stadtmitte. Bis ins erste Schuljahr lebte ich mit meinen Eltern in der Ackerstraße, schräg gegenüber der Markthalle. Dann sind wir in die Chausseestraße, Ecke Schlegelstraße gezogen. Jetzt wohnten wir gegenüber vom Brechthaus und vom Dorotheenstädtischen Friedhof. Hier erlebte ich die Nazizeit, den Krieg, das Kriegsende, die ersten Jahre der DDR. Bis ich 1952 eines Abends nicht mehr von meiner Stelle als ehrenamtliche Bibliothekarin aus West-Berlin in unsere Wohnung in Mitte zurückkehren konnte, weil mich die Volkspolizei sonst wieder abgeholt hätte. Ich sollte zu Spitzeldiensten gezwungen werden. Weil ich mich standhaft weigerte, wollten sie mich holen. Seitdem lebe ich in West-Berlin, viele Jahre davon glücklich mit meinem verstorbenen Mann. Aber das Erlebnis meiner gewaltsamen Entwurzelung geht mir immer noch sehr nah.

Mit der alten Mitte Berlins verbinden mich so viele Erinnerungen. Vor allem sind es die häufigen Spaziergänge mit meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder Egon von der Chausseestraße, durch die Oranienburger Straße und die Artilleriestraße (heute heißt sie Tucholskystraße), über die Monbijoustraße zum Schloss. Das Schloss war für mich immer etwas Besonderes, so oft wir auch hingingen. Museumsinsel, Lustgarten, Zeughaus, Berliner Dom - das Schloss war immer im Hintergrund, und das alles bildete für mich eine unauflösliche Einheit. Wir konnten vom Dachbodenfenster unseres Hauses die Kuppel des Schlosses sehen.

Im Winter gingen wir zum wunderschönen Weihnachtsmarkt auf dem Lustgartenplatz. Er war riesengroß und zog sich rüber bis zur Schlossbrücke. Es herrschte dort ein unglaubliches Gedränge. Einmal gingen wir mit meiner Tante und meinem Onkel hin. Es war so voll, dass wir ans Geländer zur Spree abgedrängt wurden. Meine Tante verlor einen Schuh. Ich musste furchtbar lachen, weil sie nun bis zu uns nach Hause humpeln musste.

Im Sommer schickte mich meine Mutter oft alleine zur Schlossbrücke. Dort legten die Äppelkähne an. Ein ganzes Netz "Anstoßäpfel" (Fallobst) bekam man für einen Groschen. Wir mussten ja sparsam leben. Mein Vater hatte zwar Arbeit als Werkzeugmacher bei Siemens, musste aber zeitweise kurzarbeiten. Unter Hitler verdiente er dann wieder besser. Ich habe oft mit ihm diskutiert. Denn er war Sozialdemokrat und gegen die Nazis eingestellt. Ich ging wie alle zu den Jungmädels und wurde da beeinflusst. Ich sagte zu ihm, du hast Arbeit und Autobahnen werden auch gebaut. Mein Vater versuchte dann, mir einiges klarzumachen.

Ich war während des gesamten Bombenkrieges in Berlin. Bei Alarm gingen wir immer in den S-Bahn-Tunnel des Stettiner Bahnhofs (heute Nordbahnhof). Bei den wenigen Gängen, die wir jetzt noch zum Lustgarten und zum Schloss machten, sahen wir, dass es schon ein paar Treffer abbekommen hatte. Aber es stand noch. Richtig bombardiert wurde es erst im Februar 1945. Ich war damals im Roten Rathaus im "Endkampf" eingesetzt. Wir haben im dort eingerichteten Frontlazarett geholfen, Wasser geschleppt für die Verwundeten. Trotz der Gefahr hatte ich immer noch einen Blick für das Schloss. Direkt nach Kriegsende kam man dort ja fast nicht mehr hin, wegen der Schuttberge. Aber die erste Ausstellung französischer Kunst, die man 1946 im wieder hergerichteten "Weißen Saal" zeigte, habe ich besucht. Ich sah, dass Notdächer gebaut worden waren, Fenster neu verglast wurden. Auch die Kuppel konnten wir noch sehen - als durchsichtiges Gerippe.

Bald ging dann die Propaganda gegen das Schloss los. Es sei ein Symbol des Preußentums und der Hohenzollernherrschaft hieß es. Ulbricht befahl die Sprengung des Schlosses. Er hatte wohl kein Gefühl dafür, um was für ein Baudenkmal es da ging.

Die Sprengungen dauerten sehr lange, immer wieder dröhnte es. Bei uns in der Wohnung wackelten die Scheiben. Meine Mutter hat immer gesagt: "Mein Gott, das schöne Schloss kann man doch nicht sprengen." Einmal während der Zeit der Sprengungen sind wir wieder hingegangen. Es sah so entsetzlich aus, ein großer Teil war schon weg, auch die Kuppel. Man stand hilflos da, manche Leute haben sich verzweifelt mit den Händen an den Kopf gefasst.

Ich hatte inzwischen eine schwere Zeit durchgemacht. Ende Juli 1945 war ich vom NKWD (sowjetischer Geheimdienst) verhaftet und wochenlang eingesperrt worden. Man warf mir vor, kurz vor Kriegsende an einer militärischen Ausbildung teilgenommen zu haben und drohte, mich nach Sibirien zu schicken. Ich war erst sechzehn Jahre alt. Sie versuchten, mich zum Spitzel zu pressen. Nach der Freilassung wurde ich in konspirative Wohnungen bestellt. Ich machte am Pestalozzi-Fröbel-Heim im amerikanischen Sektor eine Ausbildung als Kindergärtnerin und sollte die Lehrer bespitzeln. Ich weigerte mich. Eines Abends kam meine Mutter zu mir in die Bibliothek im Mittelhof in Zehlendorf und sagte, die Volkspolizei sei in der Chausseestraße gewesen, um mich abzuholen. Ich konnte nicht zurück - und verlor für viele Jahre meine Heimat und meine Familie. Jetzt gehe ich fast jeden Sonntag zum Grab meiner Eltern auf den Dorotheenstädtischen Friedhof. Wenn ich dann wieder zum Schlossplatz spaziere und den Palast der Republik anstelle des Schlosses sehe, denke ich, man sollte die alte Einheit wieder herstellen.Wenn sich ein Jahrhundert neigt, haben Erinnerungen Konjunktur. Oft berichten die "Profis" der Geschichte: Politiker, Wissenschaftler, Künstler. In unserer Serie kommen Berlinerinnen und Berliner zu Wort, in deren persönlichen Erlebnissen sich die "große Geschichte" spiegelt. Viele Gesprächspartner hat uns die "Zeitzeugenbörse" (Tel.: 44 04 63 78) vermittelt.

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