Zeitung Heute : SPD-Genossen weiterbilden

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Die Berliner SPD trifft sich heute zum Bildungsparteitag. In den vergangenen Jahren haben die Genossen in Berlin kräftig an der Bildung gespart. Aber für dieses Wochenende haben sie sich viel vorgenommen: Werteunterricht soll zum Pflichtfach werden; in der neuen Gemeinschaftsschule sollen alle Schüler bis zur 10. Klasse gemeinsam lernen, in sozialen Problemgebieten sollen die Klassen verkleinert werden, und sehr großzügige Sozialdemokraten wollen sogar ganz auf Kita-Gebühren verzichten. Warten wir ab, was aus den vielen schönen Anträgen wird, die zur Abstimmung stehen. Am Ende hat wohl Finanzsenator Thilo Sarrazin wieder das letzte Wort. Schon jetzt fehlt das Geld: für junge Lehrer, die den Unterrichtsausfall bewältigen könnten ebenso wie für die Renovierung von verfallenen Schulgebäuden.

Glücklicherweise betrifft all das unsere kleine Familie nicht – noch nicht. Unsere Tochter Emma bildet sich mit ihren zwei Jahren noch weitgehend ohne staatliche Hilfe. Sie spricht Deutsch und Italienisch, und das verdankt sie nicht dem Bildungssenator, sondern ihren binationalen Eltern. Neuerdings kann sie auch einige Worte persisch. Auch das haben ihr nicht Berlins Sozialdemokraten beigebracht, sondern Kian, der dreijährige Nachbarsjunge, das Kind eines Franzosen und einer Iranerin.

Was staatliche Bildungspolitik angeht, ist aber auch bei uns, im internationalen Kreuzberger Wrangelkiez, noch einiges zu verbessern. Falls Sie zu jenen SPD-Genossen gehören, die zögern, mehr Geld in die Bildung zu investieren, sollten Sie sich heute eine Sitzungspause gönnen, am besten auf einem der Spielplätze im Problemkiez am Görlitzer Park. Letzte Woche drehte ich dort mit Emma einige Runden auf dem Kletterkarussell. Zwei Jungen, der eine etwa fünf, der andere vielleicht drei Jahre, turnten auf der Rutsche herum. Der Ältere sauste runter und rief dem Jüngeren zu: „Ich habe gemacht, du machen!“ Die Worte Rutsche oder rutschen kannte er offenbar nicht. Die Frage ist nicht, ob wir mehr Geld für Bildung ausgeben können, sondern wie viele sprachlose Generationen wir uns leisten können.

Lehrer, die sich auch künftig noch mit ihren Schülern verständigen wollen, erhalten einen Überblick über Fremdsprachenkurse auf der Internet-Seite: www.sprachkurse-in-berlin.de

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