SPD-Sympathietour : Werkstatt der Macht

Kurt Beck hobelt, Klaus Wowereit steht daneben. Kurt Beck sägt, Klaus Wowereit steht daneben. Die beiden sind auf SPD-Sympathietour. Während der Parteichef sich wie immer müht, weiß Berlins Bürgermeister, dass er nur eines tun muss: Danebenstehen – und abwarten

Stephan Haselberger Werner van Bebber
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Handwerker in der Nähe. SPD-Chef Kurt Beck während eines Besuches "nah bei den Menschen" - am Donnerstag in Lehrwerkstätten in...Foto: dpa

Als sei er nur für den Parteichef gemacht, steht der Hobel auf der Werkbank. Kurt Beck packt ihn und hobelt los. Späne fallen, rhythmisch führt der Mann im eleganten, dunkelblauen Anzug das Werkzeug über das Werkstück. Vor und zurück fährt der rechte Arm, die Schulter schwingt mit, Beck steht vornübergebeugt. Beck hobelt länger, als er müsste, um zu beweisen, dass er weiß, wozu ein Hobel da ist. Alles stimmt, er kann das, da hobelt ein Begabter. Klaus Wowereit steht daneben im nicht minder eleganten, dunkelblauen Anzug. Der Regierende Bürgermeister hat die linke Hand lässig in die Hosentasche gepackt – und seine Rechte bestens unter Kontrolle. Diese Hand wird nicht zum Hobel greifen. Werkbänke, Werkstücke, Werkzeuge – all das, was in dieser Lehrlingswerkstatt in Berlin-Tempelhof herumsteht –, das ist Zeug für Kurt Beck. Wowereit sieht zu und hält Abstand. Er hat weiche Hände, wie so viele Politiker.

Geduld und der Sinn für das richtige Timing gehören ganz sicher zu den Stärken des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. Das hier – der Gang durch die Industriehallen mit den Lehrlingswerkstätten – ist aber Kurt Becks Show. Die findet an diesem Donnerstag in Berlin statt, und deshalb ist Klaus Wowereit mit dabei – der Mann, der Becks Vize im SPD-Präsidium nicht werden durfte. Nun aber hat Wowereit den designierten SPD-Kanzlerkandidaten Beck überholt. Unter den SPD-Schwergewichten ist Frank-Walter Steinmeier zwar immer noch das beliebteste, doch Ende März maß eine Umfrage für Wowereit 16 Prozent Zustimmung, für Beck nur noch 14 Prozent. Deshalb geht es an diesem Montag bei dem Auftritt Kurt Becks in Berlin, auch darum, wie sich Wowereit und er präsentieren.

Beck's Motto lautet "nah bei den Menschen"

Der Auftritt ist Teil einer von Beck initiierten Deutschlandtournee – Motto: „Nah bei den Menschen“. Dabei sollen führende Genossen mit Bürgern ins Gespräch kommen. Beck ist überzeugt, dass es eine Kluft zu überbrücken gilt zwischen der Regierungs-SPD, ansässig in Berlin, und den Wählern, ansässig im Rest von Deutschland. Er glaubt zudem, dass er selbst bei den Menschen besonders gut ankommt, wenn er den Kontakt zu ihnen sucht. Mit dieser Methode hat er in Rheinland-Pfalz die absolute Mehrheit errungen. Warum sollte sie nicht übertragbar sein?

Vielleicht deshalb, weil das Publikum in den Städten andere Erwartungen hat als im strukturell konservativen Rheinland-Pfalz. Auch Klaus Wowereit sagt von sich, er sei nah bei den Menschen. Doch einen Gegensatz zwischen Berlin und dem Rest der Republik würde er nicht konstruieren. Sein Rotes Rathaus steht ja in Berlin, und wenn Wowereit den Menschen näher kommen will, geht er vor die Tür. Dann sprechen ihn die Leute an – was sich Wowereit gern gefallen lässt. Die Popularität ist bei ihm mindestens genauso wichtig wie die Geduld.

Kurt Becks Methode funktioniert, jedenfalls manchmal. In Bremerhaven, bei einer Diskussion mit Gymnasiasten, musste Beck kürzlich erleben, dass Nähe auch gefährlich sein kann. Eine 18 Jahre alte Abiturientin löcherte ihn so lange zu seinem Umgang mit der Linkspartei, dass Beck die Fassung verlor. Vielleicht lag das daran, dass ihm im Verlauf des Wortwechsels klar wurde, wie schwer er es als SPD-Kanzlerkandidat hätte, das Nein seiner Partei zu einer Koalition mit der Linken im Bund glaubwürdig zu vertreten. Vielleicht spürte Beck aber auch, dass ihn die Schülerin selbst als Person ablehnte.

Es war Struck, der Steinmeier als Kanzlerkandidaten ins Gespräch brachte

Überhaupt kann der SPD-Vorsitzende leicht aus der Haut fahren, wenn er Dünkel und Herablassung wittert. Den Politikbetrieb in Berlin erlebt er deshalb auch als harte persönliche Prüfung. Herablassung gegenüber seiner Person begegnet ihm hier auf Schritt und Tritt. Vor allem in der SPD-Bundestagsfraktion schlagen viele die Hände über dem Kopf zusammen bei dem Gedanken, der Mann aus Steinfeld in der Südpfalz könne sich selbst zum Merkel-Herausforderer ausrufen. Dutzende von Abgeordneten-Mandaten werde die SPD verlieren, sollte Beck Kanzlerkandidat werden, heißt es in Fraktionskreisen. Dagegen falle der Schaden geringer aus, wenn Außenminister und Vizekanzler Frank- Walter Steinmeier gegen Angela Merkel antrete, so die Hoffnung.

Es sind längst nicht mehr nur die einfachen Abgeordneten oder die Vertreter des rechten SPD-Flügels, die so reden. Inzwischen mehren sich auch die Anzeichen, dass SPD-Fraktionschef Peter Struck eine Kandidatur Steinmeiers bevorzugen würde. So brachte er den Vizekanzler kürzlich in einem Interview als mögliche Alternative ins Spiel. Dass Struck am Dienstag in einer internen Sitzung im erbitterten SPD-Streit um die Bahnreform den Kompromissvorschlag von Kurt Beck ablehnte, ließ das Beck-Umfeld ebenfalls aufhorchen.

Das Misstrauen beruht auf Gegenseitigkeit. Becks Stellvertreter im Amt des Parteivorsitzenden, Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier, haben ihn im Verdacht, mit dem Reformkurs der Ära Schröder brechen zu wollen, zumindest aber der SPD-Linken zu viele Zugeständnisse zu machen. Umgekehrt sieht sich etwa Generalsekretär Hubertus Heil, einst einer der Sprecher des reformorientierten SPD-Netzwerks, dem Vorwurf ausgesetzt, er stehe nicht mit der nötigen Loyalität hinter dem Vorsitzenden.

Und Wowereit? Der steht lächelnd am Rand. Er kann warten, bis die Zeit reif ist für Rot-Rot im Bund, die Konstellation, bei der er der natürliche Kanzlerkandidat der SPD wäre. Mit Becks Kurskorrektur im Umgang mit der Linken in den westlichen Bundesländern ist er seinem Ziel schon um einiges näher gekommen. Dass der SPD-Chef dabei einige Blessuren erlitten hat und im Streit um die Bahnreform womöglich weitere erleiden wird –, Wowereit sieht es mit wenig Mitleid.

Wowereit weiß, dass seine Konkurrenten Fehler machen

Es dürfte zu Wowereits prägenden politischen Erfahrungen gehören, dass Konkurrenten Fehler machen, wenn man sie lässt. Geduldig hat er als Berliner SPD-Fraktionschef 2000 gewartet, bis sich der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen und sein Fraktionschef Klaus Landowsky in der Bankenkrise selbst an den Rand des Machtverlustes gebracht hatten – dann brach er die große Koalition.

Im Umgang mit Beck kann Wowereit noch cooler sein. Ginge es nach den Umfragen, würde Angela Merkel ohnehin Kanzlerin bleiben. Wowereit, der in Berlin ziemlich gelassen vor sich hin regieren kann, muss da nichts forcieren, er kann nichts beschleunigen. Er beherrscht sich.

Lächelnd und fast gleichzeitig stiegen er und Beck am Donnerstagvormittag aus dem schwarzen VW Phaeton mit dem Mainzer Kennzeichen. Sie sind fast gleich groß und beinahe gleich alt. Wowereit ist 54, Beck 59 – sozusagen etwas mehr als eine Legislaturperiode älter. Beck sieht aus, als habe er ein paar Kilo abgenommen, Wowereit wirkt entspannt und ausgeruht und lächelt vor sich hin, während Vormann Beck, wie üblich bei solchen Veranstaltungen, nach Kommentaren zur Tagespolitik befragt wird: Steinbrück und sein Angriff auf die Kabinettskollegen, die Bahnreform, der Zustand der SPD – das Übliche in diesen Tagen. Um das Thema „Beck, Wowereit und die Umfragen“ gar nicht erst aufkommen zu lassen, sagt Beck über seine bevorstehenden Termine in Berlin, dass er „interessante Eindrücke“ erwarte. Und: „Ich spreche häufig mit dem Regierenden Bürgermeister.“ Sollten die beiden etwas Ernstes zu bereden gehabt haben, war während der gemeinsamen Autofahrt offenbar genug Zeit dazu.

Wowereit ist sichtlich entschlossen, dem Parteivorsitzenden an diesem Vormittag den Vortritt zu lassen. Einmal hält er sogar im Gedränge das Mikrofon des Senders „rbb“, damit Beck nah an die Radiohörer in Berlin und Brandenburg herankommt. Beck scherzt in seine Richtung, er sei wohl „der neue Assistent“ – Wowereit hat damit kein Problem. Nun nimmt Beck eine großen Säge und sägt, dann wiegt er einen Holzhammer in der Hand, streicht darüber und scherzt, den könne auch Wowereit während der Kabinettssitzungen gebrauchen. Wowereit steht elegant daneben, kein Holzspan trifft den Anzug. In der Abteilung Elektrotechnik zeigt Beck, der gelernte Elektromechaniker, dass er noch etwas von „Widerständen“ und den Unterschieden zwischen dem Parallel- und dem Hintereinanderschalten derselben weiß. Die Lehrlinge lächeln immer nett zu allem, antworten auf Becks Fragen, geben ein paar Auskünfte über sich. Dann wagt der SPD-Chef in Sachen Widerständen die These, Politik und „Strom“ seien gleichermaßen kompliziert – auch beim Strom sehe man nicht, was passiert, und das könne gefährlich werden. So etwas würde Wowereit nie sagen.

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