SPD und Linke : Die Hoffnung stirbt zuerst Von Axel Vornbäumen

Der Mensch muss denken, und ich muss für meine Untertanen denken, denn sie denken nicht“, sagt König Peter aus dem Königreich Popo. Peter, Regent über ein Land von territorialer und intellektueller Winzigkeit, beschließt schon bald abzudanken, um sofort ungestört mit dem Denken anfangen zu können. Damit hier jetzt keine falsche Euphorie aufkommt: So viel Tröstliches hält das wahre Leben nur selten parat. Ob denn wenigstens noch ein Theaterbesuch drin ist, für Andrea Ypsilanti, Hessens tief-rot-geduldete Regierungschefin in spe? Oh, „Leonce und Lena“ böte sich an, ein Satyrspiel von Georg Büchner. Büchner? Heute würde man sagen: ein Mann aus Hessen-Süd, nur, dass es das seinerzeit so noch nicht gegeben hat.

Momentaufnahmen des Absurden aus Deutschlands aus dem Takt geratener Mitte, aus Platzgründen nur in geraffter Form. Eine vom Gedanken an die Macht offenkundig bis obenhin zugedröhnte hessische SPD-Chefin dekliniert vor laufender Kamera gänzlich ungeniert die unterschiedlichen Härtegrade von „Wortbruch“ durch. Ihr innerparteilicher Rivale und designierter Innenminister Jürgen Walter spricht daraufhin in einem Interview dem SPD-Vorsitzenden Kurt Beck jegliche Glaubwürdigkeit in der Frage ab, ob nicht auch er sich mit den Stimmen der Linken wählen lasse, nämlich zum Kanzler („Nicht einmal ich würde es ihm abnehmen, wenn er es jetzt noch verneint“). Walter, der ähnlich wie Peter aus Popo noch nicht mit dem Denken angefangen hat, will Ypsilanti dennoch unverdrossen mitwählen. Weil ein entsprechender Beschluss in der Landtagsfraktion einstimmig gefasst wurde, weil er auch mal Innenminister werden will und weil er „Sicherheitsgurte“ vor der Linken erarbeiten will, die gewährleisten, dass er auch möglichst lange Innenminister bleiben kann. So sinnentleert kam Politik schon lange nicht mehr daher. Schnell noch zu den Grünen: Die ducken sich energiesparend im Windschatten der SPD, finden Gefallen an der neuen Toleranz vom linken Spektrum. Auch bei denen hatte das vor der Wahl noch ganz anders ausgesehen.

Dilettanten auf dem Weg zur Macht, in einem Land von territorialer Überschaubarkeit und intellektueller Bescheidenheit der es künftig tragenden politischen Klasse – das könnte als Provinzposse abgetan werden, würde damit nicht eine Idee von Gewicht auf lange Zeit diskreditiert. Was hier gerade zertrümmert wird, das ist die Idee, dass linke Mehrheiten im täglichen Spannungsfeld von Utopie und Pragmatismus möglich sind, im Osten sowieso, bald auch im Westen und dann im Bund. Belastbar um der Sache willen und mit Überzeugung vertreten. In einem Fünf-Parteien-System heißt diese linke Mehrheit künftig aber in der Regel: Rot-Rot-Grün.

Ausgerechnet Hessen! Dort, wo einst Rot-Grün begann, erst als Projekt, später dann als Vorlage für den Bund. Ausgerechnet Hessen: Dort ist das, was alsbald als neues Projekt hätte vorbereitet werden können, nun konnotiert mit tumbem Machtgehabe. Selbstgerecht drängt sich Andrea Ypsilanti derzeit in Position, um jene Politik umzusetzen, die sie für gerecht hält. Da wollen Form und Inhalt nicht zueinander finden. Hessen aber, kann Roland Koch nun wieder tönen, wird künftig regiert von „Ypsilanti, Al-Wazir und Kommunisten“. War das nicht genau das Verdikt, vor dem sie sich so sehr gefürchtet haben, die Sozialdemokraten? Die Rückkehr der Lagerrhetorik, so, als gäbe es den Eisernen Vorhang noch! So sehr haben sie sich davor gefürchtet, dass sie nun zur Lüge greifen müssen. Demnächst dann mehr in anderen Theatern.

Der irrlichternde Kurt Beck aber, von dem sie auch in der eigenen Partei nicht mehr wissen, was sie von ihm halten sollen, schmiert ab in der Wählergunst. Die SPD gleich mit, bundesweit auf Werte Mitte der Zwanziger. Gefühlt hat sie gerade die politische Mitte preisgegeben auf ihrem langen Lauf zu sich selbst, bei dem viele meinten, sie habe dabei die Gerechtigkeit zu lange zu weit links liegen gelassen. Ein Vorteil kann das nur sein, wenn man den neuen Zielen auch traut. Kurt Beck und Andrea Ypsilanti aber erwecken nicht den Eindruck, dies zu tun.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar