Special Olympics : Ein ganz normales Mädchen

Abiturient Tassilo Hummel (19) hat eine geistig behinderte Schwester. Er liebt Annabelle über alles – und beschreibt, was sie so liebenswert macht.

Tassilo Hummel hat 2010 über die Paralympics aus Vancouver berichtet. Nun schreibt er über seine Schwester Annabelle.
Tassilo Hummel hat 2010 über die Paralympics aus Vancouver berichtet. Nun schreibt er über seine Schwester Annabelle.Foto: Thilo Rückeis

Wer meine Schwester kennenlernt, wird sich wundern: Annabelle ist ein „ganz normales“ 16-jähriges Mädchen. Ihr Zimmer ist tapeziert mit Bravo-Postern, sie schreibt SMS, flirtet auf ihre naive, optimistische, herzerwärmende Art, geht shoppen und ins Kino. Doch Annabelle hat Schwierigkeiten mit den „kognitiven Fähigkeiten“: Rechnen, logisches Denken und Abstrahieren. Jene Fertigkeiten, die in einem IQ-Test ermittelt werden. Vor ungefähr einem Jahr machten meine Eltern einen großen Schritt: 15 Jahre lang hatten sie sich geweigert, mit ihr diesen Test durchzuführen. Seitdem hat Annabelle den Status „geistig behindert“ – ein harter, böser Begriff. Bisher bezeichneten wir ihr Problem als „Lernschwäche“, in meinen Augen der treffendere Begriff. Aber es ist zahlenmäßig keine „Lernschwäche" mehr, denn da läge ihr IQ bei über 70, sie hat aber weniger.

Es sind nackte Zahlen, die Annabelle definieren, weswegen wir uns lange vor dieser Wahrheit gefürchtet hatten. Dennoch war es der richtige Schritt, mit dem Behindertenausweis hat Annabelle Anspruch auf mehr soziale Förderung. Seit sie alleine mit dem Zug zur Schule fährt, erlebte sie so manches Abenteuer, landete mal an diesem, mal an jenem entlegenen Bahnhof. Nach Hause findet sie immer. Die nervösen Eltern hält sie mit dem Handy auf dem Laufenden. Ihre Fähigkeit, sich irgendwie durchzuschlagen, ist bemerkenswert. Als sich eine Freundin verletzt hatte, landete Annabelle in einem Mannheimer Krankenhaus. Dort schloss sie Freundschaft mit dem Portier und bat ihn um ein Telefon, sodass mein Vater sie abholen konnte.

Foto: privat

Annabelle ist die treue, ruhige Seele unserer eher leistungsorientierten, oft gestressten, fünfköpfigen Familie. Sie ist die meiste Zeit zu Hause, spielt mit ihren Tieren, für die sie sorgt wie sonst niemand. Verreiste Familienmitglieder vermisst sie immer am meisten und sie liebt es, für ihre kleine Schwester Valerie das Zimmer aufzuräumen – um ihr eine Freude zu machen.

Annabelle ist ein soziales und selbstbewusstes Mädchen. Das bewundere ich, denn in den letzten Jahren begann sie zu begreifen, dass sie nicht so ist wie alle anderen. Dass sie kein Englisch kann, dass sie im Supermarkt die Sachen nicht einfach ausrechnen kann, dass manche alte Freundinnen sich von ihr entfernten. Ich bin sicher, dass Annabelle in unserer Familie gut aufgehoben ist. „Sie wird ihren Weg machen.“ Das sagen Verwandte und Freunde. Nach 16 Jahren mit meiner Schwester sage ich: Es wird ein harter, schwieriger Weg werden – aber sie wird ihn gehen.

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