Special Olympics : Im Team

Beim Unified-Sport spielen Nichtbehinderte und Athleten mit geistiger Behinderung zusammen. Jeder lernt dabei vom anderen.

Franziska Ehlert
Spielszene vom Unified Volleyballturnier 2009 in Wilhelmsdorf.
Spielszene vom Unified Volleyballturnier 2009 in Wilhelmsdorf.Foto: SOD

„Auch wenn wir zurückliegen oder der entscheidende Punkt gemacht werden muss, spielen wir, wenn es geht, über unsere Athleten. Als Partner muss ich auf eine gerechte Ballverteilung achten.“ Seit 2008 spielt Jana Stockmayer gemeinsam mit hörgeschädigten und geistig behinderten Jugendlichen in der Unified-Volleyballmannschaft TSG Wilhelmsdorf/Haslachmühle. Die 18jährige Gymnasiastin ist eine von fünf Unified-Partnern im Team, das an den Special Olympics 2011 teilnimmt. Die Unified-Idee ist einfach: Geistig behinderte, verhaltensauffällige oder auch mehrfach behinderte „Athleten“ bilden mit Nichtbehinderten, sogenannten „Partnern“, ein Team und treten gemeinsam bei Wettkämpfen an. Auch Gehörlose und Menschen mit Downsyndrom haben so einen Partner an der Seite. Teilnahmeberechtigt sind Menschen mit einem Intelligenzquotienten unter 70. Der englische Begriff „unified“ bedeutet „vereinigt“. Entstanden ist das integrative Sportkonzept in den Achtziger Jahren in den USA. Mittlerweile gibt es bei den Special Olympics in 19 der 22 Sportarten Unified-Wettkämpfe. Die deutsche Mannschaft nimmt dieses Jahr mit Teams im Basketball, Volleyball, Fußball und Bowling teil.
Jana spielt auch in einem regulären Volleyball-Verein im baden-württembergischen Wilhelmsdorf. Aber seit sie im Unified-Team antritt, hat sich ihre Volleyballtechnik enorm verbessert. Sie muss ihre Pässe zielgenau zu den Athleten bringen und kann die hörgeschädigten Mitspieler nur von vorne anspielen. Schnelle Reaktionen und vorausschauendes Spiel sind zwingend notwendig – elementare Fähigkeiten für gute Volleyballer. Und Jana schätzt die positive Atmosphäre: „Durch ihre freudige Art motivieren mich die Unified-Athleten viel mehr. Wenn ich Fehler mache und Bälle verschlage, sagen sie mir, ich soll es noch mal versuchen. In regulären Mannschaften würde der nächste Ball sicher nicht zu mir gespielt werden.“

Der zwanzigjährige Christofer Grüninger ist geistig behindert und spielt seit 2002 mit Jana im Team. Auch Christofer findet, dass es beim Sport nicht nur um das Gewinnen einer Medaille geht. „Wichtig ist, dass alle ihr Bestes geben und Spaß haben.“ Dass seine Mannschaft bei den Special Olympics 2007 das Spiel um Platz drei gegen Taiwan verlor, war zwar eine bittere Erfahrung. „Das war unverschämt, die haben bloß über die Partner gespielt. Aber nur weil es schlecht für einen steht, darf man nicht unfair spielen. Man muss auch fair verlieren können.“

Dass ein Sieg trotzdem auf der Agenda der Unified-Sportler steht, erklärt Martin Hötzl, der Trainer des deutschen Basketball-Unified-Teams. In Shanghai 2007 holte seine Mannschaft Gold in der stärksten Leistungsgruppe. In allen Special Olympics Sportarten finden am ersten Wettkampftag Testspiele statt, in denen die Leistungsniveaus der Teilnehmer ermittelt und sie dementsprechend in unterschiedliche Leistungsgruppen eingeteilt werden. Um an den Erfolg von 2007 anknüpfen zu können, ließ Hötzl seine Spieler vor Athen ein hartes Trainingslager absolvieren. Auf die Unterstützung der Unified-Partner ist er hierfür angewiesen. „Ich muss immer aufpassen, dass ich meine Athleten nicht zu sehr unter Druck setze. Andre packt zum Beispiel fluchend seine Sachen und geht, wenn er überfordert ist und ihm das Spiel keinen Spaß macht. Ihn wieder zum Mitspielen zu motivieren, ist gar nicht so einfach. Das ist auch eine Aufgabe der Partner.“Die Schwächen der Mitspieler akzeptieren und zum Wohle des Teams ausgleichen können, ist die Stärke der vereinigten Teams.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben