Zeitung Heute : Spektakulär, aber sicher

Die Quote von Unfällen mit tödlichem Ausgang beim Fallschirmspringen ist gering – 0,0024 Prozent

Rainer W. During

Was für die meisten Passagiere wie ein Albtraum klingt, bereitet allein in Deutschland knapp 10 000 Menschen regelrechtes Vergnügen. Doch die Männer und Frauen, die sich in mehreren Kilometern Höhe freiwillig aus einem Flugzeug stürzen, um mit einem Höllentempo im freien Fall auf die Erde zuzurasen und in scheinbar letzter Minute die Notbremse zu ziehen, sind alles andere als Hasardeure. Fallschirmspringen ist eine zwar spektakuläre, aber ebenso sichere Sportart.

Mit etwa 50 Metern pro Sekunde rast der Sportler im freien Fall dem Boden entgegen, das entspricht 180 Stundenkilometern. So genannte Freestyler, die keine horizontale Körperhaltung einnehmen, bringen es sogar auf Tempo 300. Bei einer Absprunghöhe von 4000 Metern würde das ungebremst einen Aufschlag nach 48 Sekunden bedeuten. Doch moderne Sicherheitstechnik sorgt dafür, dass eigentlich nichts schief gehen kann. Rund zehn bis 15 Kilogramm wiegt das mindestens 4000 bis 5000 Euro teure System. In 800 Metern Höhe wird der Hauptfallschirm durch einen Zug am Griff der Reißleine geöffnet. Die sich öffnende Seidenkappe bremst die Fallgeschwindigkeit binnen weniger Sekunden auf drei Meter pro Sekunde – rund zehn Stundenkilometer – ab. Der Springer gleitet sicher zu Boden.

Öffnet sich der Hauptschirm nicht richtig, sollte er möglichst in 700 Metern ausgeklinkt und der Reserveschirm aktiviert werden, so Dietmar Strüber, Fallschirmreferent des Luftsport-Landesverbandes Brandenburg. Die Reserveschirme dürfen nur von lizenziertem Fachpersonal gepackt und verplombt werden. Hat der Springer das Bewusstsein verloren oder aus anderen Gründen nicht reagiert, tritt das Rettungssystem Cypres in Aktion, sofern es vor dem Start aktiviert wurde. Es misst ständig Höhe und Geschwindigkeit und öffnet den Schirm automatisch, wenn in einer vorgewählten Höhe von meist 300 bis 350 Metern das Tempo für eine sichere Landung zu hoch ist. Diese Sicherheitsoption ist zwar bisher nicht gesetzlich vorgeschrieben, doch haben sie einige Flugplätze bereits zur Pflicht gemacht. Für einen Großteil der Springer ist sie ohnehin eine Selbstverständlichkeit.

Auf dem Weg nach Olympia

Bei 290 400 Sprüngen im Jahr 2001 gab es in der Bundesrepublik 82 Unfälle. Dazu wird aber bereits eine Zerrung oder Verstauchung durch einen Fehltritt auf der Landewiese gerechnet, so Eva Klostermann vom Deutschen Fallschirmsport-Verband (DFV). Tödlich verliefen sieben Sprünge, das sind 0,0024 Prozent. Im vergangenen Jahr kamen sogar nur drei Akteure ums Leben. Oft ist Leichtsinn oder Selbstüberschätzung die Ursache, beispielsweise wenn Anfänger gleich zu schwer beherrschbaren Hochleistungsschirmen greifen. Aber auch Mordfälle hat es schon gegeben. So manipulierte 1999 ein Sportler aus Rache wegen verschmähter Liebe in Münster die Ausrüstung einer Vereinskameradin, die daraufhin in den Tod stürzte.

Das Mindestalter für die Ausbildung beträgt 16 Jahre. Die Schüler absolvieren zunächst Automatiksprünge, bei denen der Fallschirm sofort durch eine mit dem Flugzeug verbundene Reißleine geöffnet wird. Eine schnellere, aber auch teurere Variante ist die reine Freifall-Ausbildung. Bei ihr wird der Schüler bei den ersten sechs Sprüngen durch jeweils zwei mitspringende Lehrer in der Luft eingewiesen. Die dann erteilte Lizenz gilt zunächst für zwei Jahre und verlängert sich jeweils um zwölf Monate, wenn mindestens zwölf Sprünge während eines Jahres nachgewiesen werden.

Der Sport gliedert sich in zwei Hauptdisziplinen. Es gilt, entweder in der Luft möglichst lange bestehende Formationen zu bilden oder punktgenau im Ziel zu landen. Besondere Formen sind Paraskiing und Skysurfen. 2008 könnte das Fallschirmspringen, in dem Deutschland wiederholt Weltmeister stellte, auch Olympiadisziplin werden. An Nachwuchs mangelt es nicht, berichtet Dieter Strüber. Auch immer mehr Laien lassen sich nach kurzer Einweisung an einen erfahrenen Sportler schnallen, um einmal den Sprung aus den Wolken zu erleben. Solche Tandemsprünge hatten 2001 bereits einen Anteil von neun Prozent am Gesamtaufkommen.

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