Zeitung Heute : Spekulanten und Garnelen

Gerhard Schröder feiert einen Hedgefonds

Sebastian Heinzel[Wien]

Eigentlich müsste man ihn auch in Österreich nicht vorstellen, ein kurzes Filmchen tut es dennoch: Mit Musik unterlegt werden im Prunksaal der Wiener Hofburg nun Bilder aus der Karriere von Gerhard Schröder gezeigt. An runden Tischen sitzen hunderte Gäste, die zum zehnjährigen Jubiläum der Superfund-Gruppe, eines österreichischen Hedgefonds-Anbieters, geladen wurden. Die Räumlichkeiten der kaiserlichen Residenz sind in grünes Licht getaucht, auf den Gängen stehen junge Hostessen in Mozart-Kostümen. Das Publikum hat den ersten Gang des Gala-Dinners – marinierte Garnelen und Thai-Rindercarpaccio – hinter sich und den angekündigten Höhepunkt des Abends vor sich: Der deutsche Ex-Bundeskanzler tritt ans Rednerpult.

„Sie haben hier Ihre Regie-Anweisungen liegen lassen“, ruft Schröder dem abgehenden Moderator nach. „Soll ich für Sie weitermachen?“ Der Scherz bringt kalkulierte Lacher, macht aber ungewollt auch eines deutlich: Der Altkanzler hat seine neue Rolle noch nicht gefunden.

Seit seinem Abgang aus dem Kanzleramt hat Schröder bei der Jobsuche einige zweifelhafte Schritte getan: Die Idee, Aufsichtsratschef bei der Ostsee- Pipeline zu werden, nachdem er sie überhaupt erst möglich gemacht hatte, wird genauso kritisiert wie seine Beratungstätigkeit beim Börsengang der Essener RAG, deren Chef ausgerechnet Schröders ehemaliger Wirtschaftsminister Müller ist. Und nun der Auftritt bei der Superfund-Gala. Viele haben den Kopf geschüttelt vorher. Hat nicht der engste Parteifreund Schröders, Franz Müntefering, im vergangenen Wahlkampf Hedgefonds zum Feind erkoren, die – Heuschreckenschwärmen gleich – über Unternehmen herfallen, sie abgrasen und dann weiterziehen? Gerüchteweise ist davon die Rede, dass Schröder für diesen Abend 70 000 Euro bekommen haben soll, was man bei Superfund aber nicht kommentieren will.

Der Gründer Christian Baha, ein ehemaliger Polizist, 37, hatte kurz vor Schröder das Podium erklommen und sich darüber gefreut, „so viele Gäste, Kunden und wichtige Leute“ begrüßen zu dürfen. Dabei war gerade die Prominenz aus Politik und Wirtschaft der Veranstaltung ferngeblieben. Allzu dubios scheinen vielen die Geschäfte des jungenhaften Baha. Superfund war das erste Unternehmen weltweit, das riskante Hedgefonds-Produkte gezielt an Kleinanleger verkaufte, aber nicht immer deutlich machte, wie das Geld investiert wurde. Mit Geldern von mehr als 50 000 Kunden wettet ein vollautomatisches Computerprogramm in einem Rechenzentrum auf der Karibikinsel Grenada auf Trends an den Rohstoff- und Finanzmärkten. Das lief lange Zeit erstaunlich gut, doch seit 2004 ist Superfund etwas vom Glück verlassen. Zu satten Kursverlusten kamen Auseinandersetzungen mit der Finanzmarktaufsicht in Österreich und Deutschland.

Dennoch setzt Baha vom Firmensitz in Monaco aus die Expansion fort. Mit einem geschätzten jährlichen Marketing-Budget von 30 Millionen Euro sponsert er die Formel 1, den Fußballclub AS Monaco oder das Wiener Burgtheater und kauft sich prominente Werbeträger wie Niki Lauda und Michail Gorbatschow. Oder Gerhard Schröders Rede.

Ob sie so viel wert war, ist eher fraglich. „A bisserl fad“ sei’s gewesen, heißt es hinterher im Publikum. Der Ex-Kanzler nennt die Firma mehrmals „Superfonds“, lobt sie aber für den Ruf nach einer EU-einheitlichen Regulierung von Hedgefonds und streift eine unübersichtliche Zahl von Themen, vom Nahost-Konflikt bis zum iranischen Atomstreit. Am Ende bleibt er noch, um sich die Darbietung des Popstars Lisa Stansfield anzuhören, die in den 90ern mal berühmt war, vielleicht aus Empathie mit einem Auslaufmodell. Dann verlässt er schnellen Schrittes samt Bodyguards die Hofburg.

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