Zeitung Heute : Spezialeinheit GSG 9 setzt Terrorhelfer fest

Mutmaßlicher Unterstützer der Neonazi-Zelle aus Zwickau soll Beihilfe zu sechs Morden geleistet haben.

Düsseldorf/Karlsruhe - Der Druck auf das Unterstützermilieu der rechtsextremen Zwickauer Terrorzelle wächst. Bundespolizisten der GSG 9 nahmen am Mittwochmorgen in Düsseldorf den fünften mutmaßlichen Helfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) fest, wie die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mitteilte. Der 31-jährige Carsten S. soll Beihilfe zu sechs Morden und einem versuchten Mord der Terrororganisation geleistet haben.

Zeitweilig war Carsten S. den Ermittlungen zufolge der Einzige aus dem NSU-Umfeld, der unmittelbaren Kontakt zur Zwickauer Zelle hatte. Nach den bisherigen Erkenntnissen war Carsten S. 1999 und 2000 im rechtsextremistischen „Thüringer Heimatschutz“ aktiv und offenbar auch NPD-Jugendfunktionär. Bis 2003 unterhielt er Kontakte in rechtsradikale Kreise, wie die Ermittler berichteten. Die Düsseldorfer Wohnung des Beschuldigten wurde durch Beamte des Bundeskriminalamts und des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen durchsucht. Der Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof ordnete am späten Mittwochabend Untersuchungshaft für den 31-Jährigen an, wie der Sprecher der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, Marcus Köhler, sagte.

Zusammen mit Ralf W., der ebenfalls im Visier der Ermittler steht, soll Carsten S. der Zwickauer Terrorzelle 2001 oder 2002 eine Schusswaffe nebst Munition verschafft haben. Den Ermittlungen zufolge hat er Waffe und Munition in Jena gekauft und anschließend an Ralf W. weitergegeben, der einen Kurier mit dem Transport zu den NSU-Mitgliedern nach Zwickau betraute. Carsten S. soll „billigend in Kauf genommen haben“, dass die Waffe für rechtsextremistisch motivierte Morde verwendet werden könnte. Bislang sei allerdings nicht klar, ob sie tatsächlich für Straftaten der Terrorzelle eingesetzt wurde.

Mit Carsten S. sitzen jetzt bereits fünf mutmaßliche Unterstützer der Terrororganisation in Untersuchungshaft. Gegen mehrere weitere wird ermittelt. Zudem sitzt das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe seit dem 13. November 2011 in Haft. Die beiden weiteren mutmaßlichen NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos waren am 4. November 2011 tot aufgefunden worden.

Die Terrorzelle wird für neun Morde an Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft sowie für den Mord an einer Polizistin in Heilbronn verantwortlich gemacht. Der rechtsextremistische Hintergrund der Mordserie war jedoch erst nach zehn Jahren und nur durch Zufall entdeckt worden, als Anfang November zwei Mitglieder der Zelle in einem Wohnmobil in Eisenach Selbstmord begingen und später in ihrer Zwickauer Wohnung die Tatwaffen und ein Bekennervideo entdeckt wurden. Als Konsequenz aus den Ermittlungspannen hat der Bundestag einen Untersuchungsausschuss eingesetzt.

Vor wenigen Tagen noch hatte der 31-Jährige über seinen Anwalt jede Beteiligung an den NSU-Morden bestritten und sein Entsetzen über die Taten kundgetan. Er sei aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen und verabscheue deren Treiben, ließ er wissen. Er studierte Sozialpädagogik an der Fachhochschule, arbeitete als Berater im sozialen Bereich für gemeinnützige Organisationen und Einrichtungen. Bis zu seiner Festnahme am Mittwoch arbeitete er in einem eher alternativen Milieu mit Homosexuellen. Tsp/dpa/dapd/rtr

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